Subject: " Ich verabschiede mich " ........?????
Liebe Marlena,
das ist ein schönes reichhaltiges Mail. Ich glaube, ich muss anfangen Lachs zu fischen. Dann habe ich genügend Gründe, nach Schweden zu gehen und mich dort umzuschauen. Ich glaube das ist es. Meine ganze Familie isst gerne Lachs. Sie würden es begrüssen, wenn ich dorthin ginge, um ein paar grosse Brocken heimzubringen.
Ach Marlena, du wolltest mich anrufen. Wenn ich das höre, dann werde ich ganz unruhig beim Gedanken, was ich verpasst habe. Nein, es ist doch nicht möglich! Es wäre für mich wirklich ein einzigartiger Moment gewesen, mit meiner Marlena reden zu können. Besonders in diesem Moment, vor dem Abschied und dem grossen Unterbruch. Und es wäre gut, vorher nichts gewusst zu haben. Sonst wäre ich ja fast nervös und meine Stimme wäre vielleicht zu laut wegen der Aufregung. Ach, mein Schatz, dass du an sowas gedacht hast, das berührt mich sehr. Und dass es nicht geklappt hat, das erstaunt mich fast gar nicht. Ich sitze hier in einem Hochsicherheitstrakt, wie in einer Bank oder in einem Gefängnis für Schwerverbrecher. Man kommt nicht so leicht herein. Ach wie schade, dass es wirklich nicht geklappt hat. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich vieles umgestellt und dann hätte es wahrscheinlich schon geklappt. Es tut mir leid, Marlena. Aber schon deine Absicht und der Versuch ist für mich eine liebe Geste, fast soviel wie ein richtiges Gespräch. Du bist so lieb, wie kann ich es Dir sagen. Manchmal bist du so weit weg, und dann plötzlich bist du wieder nah und ich habe den Eindruck, ich kann dich wirklich wahrnehmen.
Dass du mir vorher nichts gesagt hast, von deiner Absicht, zu telefonieren, das finde ich echt - wie soll ich sagen - Schwedisch. Nun, vielleicht war es auch für dich eine spontane Aktion? Aber ich glaube, du gehst mit Kommunikation anders um als ich. Schweigen bedeutet vielleicht für dich was anderes als für mich. Über etwas nichts zu sagen, bedeutet was anderes. Ich glaube, wenn du über irgend eine Begebenheit oder Sache nichts sagst, dann wird es grösser in deinem Gefühl, gewichtiger, würdiger. Für mich wird es kleiner, eben nichtssagend, zu vernachlässigen, wenn nichts darüber gesagt wird. Ist es nicht so bei Rilke, dass er irgend einmal das Schweigen entdeckt hat, in deinem Sinne, dass das Schweigen sozusagen die höchste Steigerungder Kommunikation, oder der Mitteilung ist. Aber ich bin eben nur ein Psychologe, und kein Lyriker! Ja, dein Mail hat mir wieder meinen Hunger gestillt. Ich lebe ja wie ein Kamel. Alle vierzehn Tage kriege ich eine grosse Menge, die dann wieder durch die Wüste reichen muss. Aber weißt du, Marlena, ich sage das nicht in Kritik, sondern ich versuche nur zu sehen, was ist. Lebe ich eben wie ein Kamel! ;--) Auf jeden Fall hat mich das Mail sehr gefreut. Es ist voller Fischsorten, die ich nicht kenne. Und weil ich ein bisschen hungrig bin, stelle ich mir viele verschiedene und exzellente Geschmacksrichtungen vor. Ich glaube, die schwedische Kultur ist vielleicht doch ziemlich anders als die unsere. Ich möchte sie wirklich gerne näher kennenlernen. Und eines Tages werde ich nach Schweden kommen und euch alle eure Lachse aus den Flüssen fischen. Das werde ich tun.
*
Und zum Schluss sagst du "ich verabschiede mich". Meine Marlena, wer sagt denn sowas? Es ist alles ein bisschen kühl geschrieben. Ist das die Abschiedsstimmung oder sonst irgend was. Ich verabschiede mich, das sagt die Königin von England zum König von Schweden auf dem Flughafen, wenn die Ehrengarde daneben steht, und sie nicht sagen kann "Ciao Schatz". Ich verabschiede mich, das ist doch etwas unter Lords und Herzoginnen, aber doch nicht unter Mausfreunden. Irgendwas ist da los, meine Liebste. Du bist Spezialistin in der indirekten Kommunikation. Und das führt nun ja bei modernen Menschen doch eher zu Problemen. Also, du wirst es mir dann sagen, was hier los war. Vielleicht irre ich mich ja auch bloss. Das hoffe ich.
Meinst du jetzt mit "ich verabschiede mich" dass das das letzte Mail war vor den Ferien. Oder was soll es heissen. Es ist voller Mehrdeutigkeiten, meine Liebste.
Vielleicht hast du noch Zeit, mir zu erklären. Aber vielleicht musst du es im späten August machen. Doch wir haben Zeit, Marlena, die Welt rennt uns nicht davon.
Ich danke dir für das Mail. Ich muss es dann nochmals lesen, es hat soviel Information drin. Mit den Namen habe ich am meisten Probleme. Ich kann sie nicht behalten.
Ich liebe dich, und ich hoffe, dass du das einen ganzen Sommer lang in deinem Inneren spürst.
Dein ...
(Date: Thu, 06 Jul)
Sonntag, 3. Juli 2011
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