Subject: Sommersonntagnachmittag
Date: Sun, 02 Jul 2000 16:19:49 GMT
Liebe Marlena
Ach, wie du dich ins Zeug wirfst und mir schöne Mails schreibst, das berührt mich sehr und ich finde es wunderschön. Es wäre schade um jede Zeile, wenn du sie nicht geschrieben hättest. Und dass du sie mitten im Chaos eines heruntergeräumten Büchergestells schreibst, und mitten in der Nacht, und unter den Verdächtigungen deines Ehemannes mit dem scharfen Blick, das alles kann mir keine Schuldgefühle machen. Es ist einfach zu schön, das von dir zu lesen.
Und dabei gibt es immer wieder Wendungen, oder die Art, wie du die Gedanken formst, wo ich mich dir sehr verwandt fühle. Du weißt schon, wass ich meine, nicht wahr? Ich danke dir, mein Schatz. Du bist lieb mit mir, das weiss ich sehr zu schätzen.
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Über euren Freund höre ich, dass du bezweifelst, er würde die Bücher auch noch lesen, die er rezensiert. Auch das hast du mit soviel Charme gesagt, dass ich dich darob drücken möchte. Und ich fühlte mich natürlich auch etwas angesprochen. Allerdings rezensiere ich meist Kinder- und Jugendbücher, nur gelegentlich sind sie auch für Erwachsene. Heute haben sich die Grenzen ja ein bisschen verwischt. Es ist schon eine Frage, wieviel man von einem Buch gelesen haben muss, bis man es beurteilen kann. Aber es kommt auch sehr aufs Buch an. Sachbücher, Lexika und solche Dinge kann man sehr schnell grob beurteilen. Denn der Teil spricht absolut für das Ganze. Romane dauern am längsten, denn wenn man auch den Stil und die Schreibart von der ersten und der letzten Buchseite ablesen kann, die Windungen der Geschichte, der Leidensweg der Figuren, die Art, wie sie sich in der Geschichte verwirklichen und auch abnutzen, all das hat man dann bei weitem noch nicht erfasst. Ich glaube, von all diesen Leuten, die für diese Basler Bibliothek und Kommission Bücher rezensieren bin ich der einzige, der sie nicht ganz liest. Anfangs habe ich das schon gemacht, aber heute vertraue ich etwas mehr meiner Nase und dem Gefühl. Und natürlich muss man, paradoxerweise, etwas mehr lesen, wenn man ein Buch schlecht beurteilt. Es wäre sonst nicht fair, man könnte irgend einen positiven Aspekt völlig übersehen haben.
Die meisten Bücher sind ja so einigermassen gut bis mittelmässig. Es gibt wenig schlechte, von denen man abraten muss. Und es gibt 5-10% exzellente, von denen ich begeistert bin. Wenn mir ein Buch gefällt, dann kann ich auch viel besser darüber schreiben, ich meine stilmässig. Meine Begeisterung erlaubt mir, origineller und lustiger und einnehmender zu schreiben. Es ist wirklich wie bei der Korrespondenz mit Marlena. Es ist wie wenn die Qualität des Buches auf meine Schreiberei überspringt. Ich bin bloss das kommunizierende Gefäss.
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Jetzt muss ich gehen. Ich melde mich später wieder.
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Und jetzt, 6 Stunden später...
Freitag, 1. Juli 2011
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