Freitag, 1. Juli 2011

6 Stunden später - Ausstellung über Varlin

Subject:  Sommersonntagnachmittag
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Und jetzt ist 6 Stunden später, also 1500h, bin ich wieder zurück. Ich musste am Morgen rasch weg, denn ich wollte unbedingt nochmals in diese Ausstellung über Varlin, diesem Züricher Maler und meinem Liebling vor Jahren. Um 1030 sollte eine Führung anfangen, und die wollte ich nicht verpassen. ...
Die Führung war gut, und sie dauerte fast 2 Stunden. Es war eine ältere Dame, die gesprochen hat, offenbar von der Leitung des Museums. Und anschliessend gab es noch Videos über den Künstler zu sehen.
Ich kann dir nicht so genau beschreiben, wie Varlin malt. Aber ich versuche es trotzdem. Er ist in München, Berlin und Paris ausgebildet worden. In Paris hat er Soutine gut gekannt. Wenn du Soutine kennst, dann bist du schon in der Nähe von Varlin, mindestens, was seine Porträts betrifft. Soutine hat auch hinreissende Porträts gemalt. Sie sehen von weit und auf den ersten Blick ganz klassisch aus. Das heisst, die Figur tritt vom dunkeln Hintergrund hervor. Dieser unterstützt die Farben und lässt die Figur leuchten. Näher betrachtet sind die Gesichter dann bei Soutine verzerrt, abgenutzt und von den Leiden dieser Welt ein wenig verstellt. Aber sie sind immer noch schön, vor allem in den Farbkontrasten mit dem Hintergrund. Und so ähnlich malte auch Varlin.
Er hat genau im Jahr, als ich nach Zürich zum Studium kam, den Kunstpreis der Stadt Zürich erhalten. Das war 1967. (er ist 1900 geboren) Und Dürrenmatt hat nicht die Laudatio gehalten, wie ich dir fälschlicherweise gesagt habe, sondern die Antwort Varlins gesprochen. Varlin war entäuscht, weil er sich in Zürich verkannt fühlte. Damals war die Zeit des Max Bill und der konkreten Malerei, du weißt Marlena, diese geometrischen Formen mit den ungemischten Farben, sehr technisch, sehr kühl. Und Varlin hat immer vor dem Objekt gemalt, und er fühlte sich an den Rand gerückt durch die neue Modeströmung. Und Max Bill, der Sprachführer der Konkreten, war überheblich genug, seine Malerei zu verachten. Und Bill war anerkannt und war in allen Kommissionen und Gremien vertreten. Deshalb wollte Varlin bei der Verleihung des Zürcher Kunstpreises nicht selbst reden und hat das Dürrenmatt machen lassen. Er fühlte sich verletzt und missachtet. Dürrenmatt konnte ja sehr gute Reden schreiben. Wenn er sie selbst gesprochen hat, hörten sie sich etwas komisch an, denn er hatte einen breiten und langsamen Berner Dialekt, dem man nicht viel geistige Urteilskraft zutraute. Aber er führte seine langsamen Sätze behäbig und etwas holperig zu den Höhepunkten, die er sehr komisch gestalten konnte. Und Dürrenmatt war damals schon weltbekannt, er war eine Autorität. Da lachen die Menschen bei den Pointen noch etwas früher als bei einem durchschnittlichen Menschen.

Die Ausstellung also in Aarau. Zum Stil Varlins muss man noch sagen, dass er etwas Karikatureskes hat. Er ist ein bisschen Karikaturist, erzählt den Moment, übertreibt ein bischen mit Witz und Ironie. Und sein Genre ist das Porträt. Er hat wunderschöne Porträts gemacht: seine alte Mutter, seine Zwillingsschwester, seine italienischen Hausmädchen (Brigitte, ein hinreissendes Porträt, sie im Unterrock mit einem knallroten Jupe und einem schönen italienischen Gesicht)

Seine Hündin Zita hat er porträtiert, die grossen Schriftsteller wie Frisch, Dürrenmatt, Loetscher, andere Maler, auch Clochards, Besoffene. Und eine seiner Fähigkeiten war es, Häuser zu porträtieren. Er hat in Zürich Spitäler, das Bezirksgericht, den Bahnhof, die alte Oper, das rote Schloss und viele andere Gebäude gemalt. Oft frontal, Hausfassaden. Wer einmal Architektur studiert und solche Zeichnungen gemacht hat, weiss, dass das nicht leicht sein kann. Er hat auch gekonnt Innenräume auf die Leinwand gebracht, den Ballsaal in Montreux, den Wartsaal, Restaurants in Arles. Und Schliesslich hat er seinen ledernen Fauteuil mehrmals hinreissend schön gemalt, seine Schuhe (wie van Gogh) seinen Schrank, sein Atelier, Schirme. Ach, Marlena, das muss sehr langweilig sein, so über die Bilder zu reden. Komm setz dich neben mich und ich zeige dir den Katalog, den ich gekauft habe. Sie sind alle hier drin in recht guten Reproduktionen.

Du siehst, ich bin begeistert von dieser Malerei. Ich glaube, ich habe dir erzählt, dass ich vor 25 Jahren eine solche Ausstellung in Aarau gesehen habe. Damals hätte man Bilder kaufen können. Sie waren so um die 10'000.- Das war für mich damals etwas zuviel. Doch heute sind sie mindestens 10 mal soviel wert. Und heute scheint man ihn, den damals verkannten Maler, mehr zu schätzen.

Ich habe mir vor allem seine Porträts von Menschen angeschaut. Davon wollte ich etwas lernen, wenn ich bald meinen Lebensunterhalt als armer Porträtmaler auf dem Momartre fristen muss. Die grosse Kunst ist natürlich, die Figur ins Bild zu stellen. In der Ausstellung hatte es drei Akte, auf dem Bett liegende Frauen, die sehr schön waren. Ich meine nicht die Frauen, ich habe schönere gesehen (;__)))) Kleiner Scherz. Aber die Farben, wie das gemalt ist, die weissen Laken, die Farbe des Fleisches, die Pose, die sie einnehmen. Es kommt eine Lebendigkeit aus den Bildern, die grossartig ist. So ein Bild in der Stube, und die Stube ist voll. Es braucht nichts mehr daneben.

Aber jetzt genug Varlin, sonst langweile ich dich wirklich zu sehr. Nur noch eins. Ich wollte die Nebenwohnung vorbereiten, damit ich dort modellieren und malen kann. Ich habe jetzt soviele Jahre nichts mehr gemacht, und eigentlich ist es schade. Es befriedigt mich, mit den Händen was zu machen, auch wenn ich manchmal während des Malens sehr leide, weil ich den Eindruck habe, es sieht schlimm aus, und ich weiss gar nicht, woran es liegt und was ich ändern sollte. Wenn du mir ein paar aktuelle gute Fotos schickst, werde ich dich porträtieren. Die Fotos können von verschiedener Seite aufgenommen sein. Es ist besser als nur von einem einzigen Foto zu malen. Da bleibt man sklavisch kleben an einem Bild, und das kann nicht gut herauskommen. Aber mit 3 oder 4 Fotos sollte es möglich sein. Ach, ich würde von dir ein wunderschönes Bild malen. Ich meine schön für meine Augen, vielleicht wärst du dann ein bisschen enttäuscht, oder beleidigt, oder würdest sogar nur noch über deinen Anwalt mit mir sprechen;--) und einen richtigen Prozess wegen Ehrverletzung anstrengen. Ach, ein Porträtmaler ist immer in Lebensgefahr, dessen muss man sich bewusst sein. Ich hoffe, ich werde es überleben.

Mein Wunschvorstellung wäre eigentlich  ...

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