... von Tazro Niscino
Als ich über die mittlere Brücke ging, begrüsste mich ein frischer Windstoss. Es ist immer wieder so. Auf der Brücke fühlt man die Weite der Welt. Und wenn vielleicht gerade eines dieser grossen Güterschiffe unter der Brücke hindurch tuckert, dann denkt man, man rieche das Meer. Und man fühlt sich mit der grossen weiten Welt verbunden, die doch sonst in der Schweiz, hinter den sieben Bergen, so weit entfernt scheint. Und in diesem Moment weiss man auch, dass der Engel vom Münster, den Nazro Niscino 2002 für ein paar Wochen domestiziert hatte, herunterschaut und uns mit neugierigem Interesse beobachtet wie vielleicht weiter unten am Rhein die Loreley. Allerdings ist dieser Engel ein steifes gotisches Ding und keine mächtige Wallküre wie die Loreley, und wie sie Kokoschka meines Wissens gemalt hat. Vielleicht muss ich dir Malou erzählen, was es mit dieser Domestizierung auf sich hat. Damals im Jahr 2002 gab es eine künstlerische Installation in Basel, die mich einigermassen beeindruckt hat. Ihre Wirkung beruhte auf einer Verschiebung der Verhältnisse. Auf dem Dach des Münsters, das ja hoch über dem Rhein auf einem Felsvorsprung steht, ist ein kleiner metallener Engel befestigt. Er ist vielleicht 50cm hoch und kein Basler hatte ihn je bemerkt, weil er sich ja dort oben viel zu klein und zu unscheinbar ausnimmt. Da kam also dieser Künstler, ich glaube er ist ein Japaner. Er baute einen Zimmergrossen Kasten auf das Dach des Münsters. Er möblierte ihn im Stil des frühen 20. Jahrhunderts mit Sofa, Sesseln, Stehlampe, Büchergestell und ein paar Blumentöpfen. Und auf dem kleinen Klubtisch stand dann dieser besagte Engel, 50 cm hoch, vom täglichen Wetter und ein wenig von Grünspan zerfressen. Man konnte ihn in aller Ruhe anschauen und ich glaube, man konnte ihn sogar drehen. Allerdings sah man, wenn man dann zum grossen Fenster aus diesem Kasten hinausschaute, tief hinunter zum Rhein und über die Stadt hinweg. Man hatte über viele Treppen ein hohes Gerüst zu dieser kleinen Stube mit dem Engel hinaufsteigen müssen. Kurz und gut: man fühlte sich für ein paar Minuten den Engeln und dem Himmel näher und hatte einen lebendigen Eindruck, welches Bild die Welt vom Himmel gesehen wirklich abgibt. Alles in allem: ein göttliches Gefühl.
Und so weiss heute jeder Basler, dass dort oben ein Engel in betender Stellung auf die Menschen herunterschaut, um wohl in der himmlischen Konversation für sie ein gutes Wort einzulegen.
An diesen Engel dachte ich, als ich die Brücke überquerte. Und ich stellte ihn wirklich in die Verwandtsdchaft der Loreley, von der bekanntlich Heine erschütterndes gesagt hatte.
(R)

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