Mittwoch, 10. Mai 2017
Re: Anno dazumal
date 10 May 07:30
subject Re: Anno dazumal
Liebe Malou
Ja, das ist wirklich ein nostalgisches Bild. Man würde heute kaum mehr so viele Leute rund um ein kleines Tischchen sitzen. Und ein Foto wäre auch nicht mehr eine solche Ausserordentlichkeit, dass sie allen eine solche stille Aufmerksamkeit abfordern könnte. Früher hat man sich für Fotos arrangiert. Perser machen das noch heute. Heute gibt man sich nicht mehr die Mühe, sich für das Foto bereit und in Pose zu stellen. Sie soll sich dem Leben anpassen und es in aller Natürlichkeit zeigen.
Und die halb verdeckte junge Dame, das bist du? Deine Tante hat dich intensiv im Auge, nicht wahr? War die Tante die Schwester deiner Mutter, oder ihr Mann der Bruder? Und dein Grossvater, das ist wirklich ein sympatischer Mann. Hält er ein Zigarre oder ein Branntweinglas in seiner Linken? Es scheint eine genüssliche Runde gewesen zu sein. Ich weiss nicht, irgendwie sieht es aus wie eine Künstlerrunde. Manchmal sieht man solche Bilder in Künstlerbiographien.
Ich mag solche alten Fotos. Na ja, wenn ich die Leute nicht kenne, dann ist das Interesse natürlich begrenzt. Aber man sieht daraus den Ausdruck der damaligen Zeit. Ich habe in Iran alte Bilder meiner Schwiegereltern gesehen. Auch sie haben mich berührt und ich war erstaunt, welch gutes und vergnügtes Leben Ss Onkel und Tanten damals hatten, während in Europa unsere Vorfahren unter dem Krieg litten. Sie hatten geradezu luxuriöse Autos und die neuesten Kleider in diesen jungen Jahren. Na ja, Ss Familie war privilegiert. Ihr Vater hatte von seinem Vater grosse Ländereien und eine ganze Kleinstadt übernommen. Das war noch eine feudalistische Zeit. Er war sozusagen Regent und war für seine Leute verantwortlich, und hatte kleine Gerichtsfälle zu entscheiden. Aber später hat Schah Reza Pahlavi in seiner weissen Revolution die Grossgrundbesitzer enteignet und das Land an die Bauern verteilt. Viele der Grossen haben damals ihre Ländereien zurückgekauft, denn die einfachen Leute wussten kaum, was damit anfangen. Ss Vater allerdings tat das nicht, sondern zog mit seiner Familie nach Teheran und hatte später eine Stelle bei der UNO Niederlassung in Teheran.
Aber auch das andere Bild gefällt mir gut. Vor allem die Farben, diese Erdtöne sind hübsch. Es ist fein, wie sich vor deinem Fenster die Szenerie ständig ändert. Bald wird dort draussen irgend etwas spriessen. Weisst du, was er gesäht hat? Es erinnert mich an meine Ferien bei einer Tante in der Nähe Berns. Sie wohnten draussen auf dem Land, mitten in den Feldern. Auch dort hatte man ähnliche Aussichten in eine weite Landschaft und auf die Arbeit der Bauern. Aber ich erinnere mich, dass mich diese weite Sicht vor allem abends, vor dem Schlafengehen, sehr betrübte. Ich hatte, um es kurz zu sagen, Heimweh.
Hier bei uns hat das normale Leben längst wieder begonnen. Im Club sass ich neben T. Er hat immer viel zu erzählen. Und weil W wissen wollte, was es mit Pfingsten eigentlich für eine Bewandtnis hat, holte T zu einem grösseren Referat aus. Er ist jetzt über 75 und reist noch viel. Man fragt ihn an, um Reisen zu begleiten. In den letzten Jahren war er oft in Asien, China und andere Länder, Seidenstrasse etc. Gestern war er gerade von einem Einsatz in Frankreich zurückgekommen. Deswegen vielleicht seine Hochstimmung. T ist durch und durch francophil. Seine Frau kommt aus Genf. Als sie damals geheiratet hatten, war Genf - für normale Schweizer Bürger - sozusagen Ausland. T hat also gestern so lange gesprochen am Tisch, dass ich die Gelegenheit ergriff, auch Bs Dessert noch zu essen. Viele offerieren mir ihr Dessert und meinen, ich könnte es bei meiner Figur gut vertragen. Aber sie wissen nicht, wie sehr ich für den Rest der Woche dann still vor mich hin hungere, um wieder herunter zu kommen. Und dabei sind die Desserts im Radisson-Hotel riesig gross. Manchmal habe ich den Verdacht, dass sie uns mit diesen Kalorienbomben wegen des sonst oft ziemlich mittelmässigen Essens besänftigen wollen. Und - unter uns - bei mir schaffen sie es beinahe!
Ende Mai werden wir wieder unser Spargelessen haben. Das ist ein traditioneller Anlass. Früher sind wir ins Elsass gereist. Dieses Mal geht es ins Badische, also nach Deutschland. Die Deutschen haben in den letzten Jahren mit ihrer Gastronomie schwer aufgeholt. Und die Badenser, die Leute aus der Region hier, sind so locker und freundlich wie die Elsässer. Manchmal denkt man, sie seien echte Südländer, obwohl sie ja doch nördlich von uns leben.
Ach, schon wieder habe ich beinahe vergessen, das Mail zu senden. Es würde hier nutzlos verdorren, nicht wahr. Also los damit ...
MLG
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