Montag, 8. Mai 2017

Frans und Ustinov

(F.)

Am Nachmittag habe ich im Getümmel Frans angetroffen. Er war ganz abwesend, schlenderte in seinem hellen Regenmantel im Strom der Leute und hielt in der Rechten seine verlöschte Pfeiffe. Frans ist ein Club-Kollege. Und letztes Jahr hatte ich ihn ebenso an dieser Messe getroffen. Letztes Jahr hatte er einen grossen Bildband über die Rheinschifffahrt gekauft, daran erinnere ich mich sehr gut, weil ich immer noch das Titelbild auf dem Einband im Gedächtnis habe. Und Frans war in seinen jungen Jahren als Schiffsingenieur auf See. Er ist ja gebürtiger Holländer. In den letzten Jahren führte er in Birsfelden, in der Nähe Basels, eine eigene Firma, die sich auf Energiemotoren spezialisiert hatte. Aber offenbar musste er diese Firma schliesslich verkaufen und aufgeben, weil sie nicht wirklich rentierte. Und jetzt lebt Frans als Pensionierter in einem Multikulti-Stadtteil, der eher kostengünstige Wohnungen anbietet. Ich glaube, er muss mit seinen finanziellen Mitteln haushälterisch umgehen. Und er ist alleinstehend. Seine Freundin, eine hübsche und offene Frau mit slawischem Gesicht, mit russischen Vorfahren, wie sie behauptete, hatte ihn wieder verlassen, nachdem sie ein paar Jahre gemeinsam in einer modern eingerichteten, ja geradezu schicken Wohnung in einem Basler Vorort fast auf dem Lande gelebt hatten. Sie hatte S einmal erzählt, dass Frans irgendwie an einer Prostituierten hänge und sich nicht wirklich an eine Frau binden wolle oder könne.
Nun ja, ich traf also unseren Frans und wir plauderten ein wenig dahin. Schliesslich schlug ich vor, dass wir irgendwo ein Kaffee trinken sollten. Es war nicht leicht, ein leeres Tischchen zu finden. Aber schliesslich wurden wir hinten, in der Caffeteria fündig. Frans bestellt in der Regel einen doppelten Espresso. Ich lud ihn dazu ein, denn ich erinnerte mich, dass ich ihn schon letztes Jahr an der Bar eingeladen hatte, dass er aber damals schliesslich die Zeche bezahlte, weil die Dame an der Theke kein Kleingeld auf meine Note hatte. So konnten wir nach langer Zeit doch soetwas wie Gerechtigkeit zurückgewinnen.
Ich habe ein paar Bücher gekauft. Aber im Grossen und Ganzen habe ich versucht, mich zurückzuhalten. Jäggi, die grosse Buchnandlung Basels, hatte eine grosse Abteilung mit sogenannten Hörbüchern, also mit CDs. Ich habe eine gekauft von Ustinov. Er ist letztes Mal gestorben. Ich habe ihn immer sehr gemocht und geschätzt. Ich glaube, er war ein äusserst vielseitiger Mensch und geschäftlich wohl ausserordentlich erfolgreich. Und dazu hatte er am Genfersee in der Schweiz gelebt, das habe ich ihm immer gugute gehalten, wo er doch in England aufgewachsen und zur Schule gegangen war. Kurz und gut: auf dieser CD spricht Sir Peter Ustinov über Vorurteile. Er spricht in seinem gebrochenen Deutsch (ich glaube, sein Vater war deutscher Muttersprache gewesen). Und er spricht, wie ich meine, sehr intelligent und menschlich. Er kommt für mich als Humorist in die Nähe von Chaplin. Der hatte neben bei gesagt auch am Genfersee, ein bisschen weiter oben, gelebt. Ustinow war als Schauspieler kein schöner Mensch. Er wirkte immer etwas ungelenk und hatte schon in jüngeren Jahren ein Bäuchlein. Ich erinnere mich an ein Foto, wo er neben Sophia Loren steht. Neben der eleganten, gazellenhaften Loren wirkt der gute Ustinov wie der Dorftrottel. So war er für komische Rollen prädestiniert. Hat er nicht in einem grossen Film Nero gespielt. Ich denke, diese Rolle passte gut zu ihm, ich meine zu seiner körperlichen Konstitution. In späteren Jahren, als er dann älter wurde, hat er ziemlich gut ausgesehen. Er war ein würdiger älterer Herr mit einem guten Humor, verspielt und voller Lebensweisheit. Er konnte ohne Ende lustige Anekdoten erzählen und hatte dabei, das war sofort deutlich, einen exzellenten Sinn für die Pointe.
Kurz und gut: ich habe jetzt die persönliche Stimme Ustinovs zuhause, und darüber bin ich ganz glücklich.

MLG
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