(F.)
Am Nachmittag habe ich im Getümmel Frans
angetroffen. Er war ganz abwesend, schlenderte in seinem hellen
Regenmantel im Strom der Leute und hielt in der Rechten seine verlöschte
Pfeiffe. Frans ist ein Club-Kollege. Und letztes Jahr hatte ich ihn
ebenso an dieser Messe getroffen. Letztes Jahr hatte er einen grossen
Bildband über die Rheinschifffahrt gekauft, daran erinnere ich mich sehr
gut, weil ich immer noch das Titelbild auf dem Einband im Gedächtnis
habe. Und Frans war in seinen jungen Jahren als Schiffsingenieur auf
See. Er ist ja gebürtiger Holländer. In den letzten Jahren führte er in
Birsfelden, in der Nähe Basels, eine eigene Firma, die sich auf
Energiemotoren spezialisiert hatte. Aber offenbar musste er diese Firma
schliesslich verkaufen und aufgeben, weil sie nicht wirklich rentierte.
Und jetzt lebt Frans als Pensionierter in einem Multikulti-Stadtteil,
der eher kostengünstige Wohnungen anbietet. Ich glaube, er muss mit
seinen finanziellen Mitteln haushälterisch umgehen. Und er ist
alleinstehend. Seine Freundin, eine hübsche und offene Frau mit
slawischem Gesicht, mit russischen Vorfahren, wie sie behauptete, hatte
ihn wieder verlassen, nachdem sie ein paar Jahre gemeinsam in einer
modern eingerichteten, ja geradezu schicken Wohnung in einem Basler
Vorort fast auf dem Lande gelebt hatten. Sie hatte S einmal erzählt,
dass Frans irgendwie an einer Prostituierten hänge und sich nicht
wirklich an eine Frau binden wolle oder könne.
Nun ja, ich traf also
unseren Frans und wir plauderten ein wenig dahin. Schliesslich schlug
ich vor, dass wir irgendwo ein Kaffee trinken sollten. Es war nicht
leicht, ein leeres Tischchen zu finden. Aber schliesslich wurden wir
hinten, in der Caffeteria fündig. Frans bestellt in der Regel einen
doppelten Espresso. Ich lud ihn dazu ein, denn ich erinnerte mich, dass
ich ihn schon letztes Jahr an der Bar eingeladen hatte, dass er aber
damals schliesslich die Zeche bezahlte, weil die Dame an der Theke kein
Kleingeld auf meine Note hatte. So konnten wir nach langer Zeit doch
soetwas wie Gerechtigkeit zurückgewinnen.
Ich habe ein paar Bücher
gekauft. Aber im Grossen und Ganzen habe ich versucht, mich
zurückzuhalten. Jäggi, die grosse Buchnandlung Basels, hatte eine grosse
Abteilung mit sogenannten Hörbüchern, also mit CDs. Ich habe eine
gekauft von Ustinov. Er ist letztes Mal gestorben. Ich habe ihn immer
sehr gemocht und geschätzt. Ich glaube, er war ein äusserst vielseitiger
Mensch und geschäftlich wohl ausserordentlich erfolgreich. Und dazu
hatte er am Genfersee in der Schweiz gelebt, das habe ich ihm immer
gugute gehalten, wo er doch in England aufgewachsen und zur Schule
gegangen war. Kurz und gut: auf dieser CD spricht Sir Peter Ustinov über
Vorurteile. Er spricht in seinem gebrochenen Deutsch (ich glaube, sein
Vater war deutscher Muttersprache gewesen). Und er spricht, wie ich
meine, sehr intelligent und menschlich. Er kommt für mich als Humorist
in die Nähe von Chaplin. Der hatte neben bei gesagt auch am Genfersee,
ein bisschen weiter oben, gelebt. Ustinow war als Schauspieler kein
schöner Mensch. Er wirkte immer etwas ungelenk und hatte schon in
jüngeren Jahren ein Bäuchlein. Ich erinnere mich an ein Foto, wo er
neben Sophia Loren steht. Neben der eleganten, gazellenhaften Loren
wirkt der gute Ustinov wie der Dorftrottel. So war er für komische
Rollen prädestiniert. Hat er nicht in einem grossen Film Nero gespielt.
Ich denke, diese Rolle passte gut zu ihm, ich meine zu seiner
körperlichen Konstitution. In späteren Jahren, als er dann älter wurde,
hat er ziemlich gut ausgesehen. Er war ein würdiger älterer Herr mit
einem guten Humor, verspielt und voller Lebensweisheit. Er konnte ohne
Ende lustige Anekdoten erzählen und hatte dabei, das war sofort
deutlich, einen exzellenten Sinn für die Pointe.
Kurz und gut: ich habe jetzt die persönliche Stimme Ustinovs zuhause, und darüber bin ich ganz glücklich.
MLG
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Montag, 8. Mai 2017
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