Sonntag, 16. Oktober 2011

Verfasser? und Männerclub

Liebe Marlena
Ja, den Text über de Botton und sein Proust-Buch habe ich zufällig gefunden,
und am liebsten würde ich Dich dreimal raten lassen, von wem Du denkst, dass
er geschrieben sei. Das geht ja nun mailenderweise nicht sonderlich gut.
Dennoch kann ich es Dir nicht einfach so platt heraus verraten. An wen also
- meinst Du - sollen wir Deine Eloge weitergeben?? Sollen wir das im
multiple-choice-Verfahren lösen:
Günter Grass, Marcel Reich-Ranitzki, Andrea Köhler von der NZZ, John Updike,
de Botton himself, Milos Kundera oder vielleicht Daniel Cohn-Bendit?? Alle
wären möglich.
*
Wir Schweizer in der Tat, wir sind vielleicht die gehetztesten Menschen auf
dieser Welt. Gerade am Montag habe ich im Club mit einem Kollegen darüber
diskutiert, der ungefähr in meinem Alter ist. Er arbeitet in der Baubranche
als Generalunternehmer. Das ist ein harter Job, alle Firmen und Handwerker
zu organisieren und zu kontrollieren, damit das Gebäude zum Schluss in Glanz
und Glorie dasteht. Ich hatte früher immer den Eindruck, er wäre ein sehr
gehetzter Mensch, unsicher, nervös und gejagt. Aber heute nach ca. 20 Jahren
kommt er in sehr feinem Tuch daher, ist ein wohlsituierter Mann und gibt
rundum Ratschläge an alle, die überhaupt nicht danach gefragt haben.
...
Dieses ist einer der interessantesten Aspekte in einem solchen Männerclub:
Zu sehen, wie Männer unter sich sind und alt und älter werden. Das ist ein
schlagendes Argument, zu dem Du mir sicherlich Recht geben wirst. Ein
solches Männerexperiment ist interessant und rührend, bisweilen lehrreich,
manchmal angenehm, oft bemerkenswert, fast immer sehr kalorienreich. Man
könnte behaupten, es sei extrem altmodisch, einer mono-geschlechtlichen
Vereinigung anzugehören, ähnlich dem katholischen Klerus oder der
Fremdenlegion. Und vielleicht ist es das auch. Die amerikanischen Clubs
haben meist auch Damen in ihren Reihen. Und in den Statuten unserer
Vereinigung ist vor einigen Jahren sichergestellt worden, dass wir Damen
nicht ausschliessen. Das wäre eine Menschenrechtsverletzung oder ähnlich,
haben die Amerikaner gedroht. Wir haben dann auch in unserem Club abgestimmt
darüber, ob wir ihn für Damen öffnen sollten. Ich war damals eigentlich
dafür, denn ich habe gedacht, dass die Atmosphäre sich nur verbessern
könnte, wenn noch einige tüchtige, interessante und womöglich hübsche Damen
unter uns sässen. Doch meine älteren Kollegen haben blendend dagegen
argumentiert. Sie sagten, sie wären für die Aufnahme von Damen in den Club,
doch unseren eigenen Frauen sei das nicht zuzumuten. Sie würden eifersüchtig
werden, beleidigt, empört oder wie immer. So haben wir beschlossen, in
unseren Club die Sessel für Damen vakant zu behalten und uns stattdessen für
einen separaten Damenclub einzusetzen. Es gibt ihn mittlerweile, und
gelegentlich besuchen wir uns gegenseitig. Und ich konnte feststellen, dass
sie nicht alle so tüchtig, so interessant und so hübsch sind.
*
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit einem lieben Gruss
...

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