Samstag, 15. Oktober 2011

"ein süsses und klares Destillat"

Ämne: nochmals Proust
Datum: den 24 september 2002 12:56

Proust, für dich gestorben

Von Allain de Botton wird auf dem Schutzumschlag von How Proust Can Change
Your Life gesagt, dass er in London und Washington lebe, doch sein Name und
seine Leidenschft für Kodifizierungen haben einen starken gallischen
Anstrich. Sein sonderbares, humorvolles, didaktisches und blendendes Buch
hat zwar den Untertitel Not a Novel, enthält jedoch mehr menschlich
Interessantes und mehr phantasievolles Spiel als die meisten erzählerischen
Texte. Der diskursive Fluss, der in so lehrreiche Kapitel unterteilt ist wie
"Wie man das Leben heute liebt", "Wie man erfolgreich leidet" und "Wie man
richtig liest", erhellt die Lektionen eines anderen, sehr langen Romans,
nämlich von marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. De Botton
hat sich offenkundig sehr ausgiebig mit diesem bedeutenden Werk befasst und
sich darüber hinaus mit vielen winzigen, Proust betreffenden Details
vertraut gemacht. So erfahren wir beispielsweise, dass Poroust in Paris die
Telefonnummer 29 205 hatte, dass er häufig ein Trinkgeld von nicht fünfzehn
oder zwanzig Prozent gab, sondern von zweihundert Prozent der
Restaurantrechnung, dass seine Haut so empfindlich war, dass er keine Seife
benutzen konnte; er wusch sich mit "fein gewbten, feuchten handtüchern und
tupft sich damit mit frischem Leinen trocken (ein normaler Waschvorgang
erfordert etwa 20 Handtücher, die auf Prousts ausdrückliche Anweisungen in
die einzige Pariser Wäscherei gebracht werden, die hautfreundliches
Waschpulver benutzt, die Blanchisserie Lavigne, wo auch Jean Cocteau waschen
lässt)", dass er ein äusserst enges Verhältnis zu seiner Mutter hatte und
ihr, noch als er schon über dreissig war, ausführliche Berichte über seinen
Schlaf, sein Pipi und seine Verdauungstätigkeit erstattete, dass er
unablässig fror und häufig bei einr Abendeinladung seinen Pelzmantel
anbehielt. Wir erfahren auch eine Menge über Prousts Verwandte: Sein Vater,
Dr. Adrian Proust, schrieb vierunddreissig Bücher, einschliesslich einiger
bekannter Handbücher über Hygiene und körperliche Ertüchtigung; marcels
jüngerer Bruder, Dr. Robert Proust Autor von Chirurgie der weiblichen
Geschlechtsorgane, wurde dermassen gerühmt für seine Prostatektomien, dass
sie unter Kollegen "Proustatektomien" genannt wurden, und er war überdies so
widerstandskräftig, dass er überlebte, als er von einem fünf Tonnen schweren
Kohlewagen überrollt wurde.
Solche Details werden nicht grundlos aufgeführt. Nachdem de Botton Marcels
grotesk extreme Emfpindlichkeit geschildert hat, stellt er die Behauptung
auf, dass "das Fühlen und Empfinden (wobei das Fühlen fast immer mit Schmerz
verbunden ist) auch etwas mit der Aneignung von Wissen zu tun hat". Proust
formuliert es so: "Glück stärkt den Körper, doch nur Kummer fördert die
Kräfte des Geistes." Der Maler Elstir im Roman kleidet das Prinzip
folgendermassen in Worte: "Mankann die Wahrheit nicht fertig übernehmen, man
muss sie selbst entdecken auf einem Weg, den keiner für uns gehen und
niemand uns ersparen kann. " De Botton analysiert fünf proustsche Gestalten,
die ohne Erfolg leiden und die falschen Lösungen aus ihrem Ungemach
ableiten, was ihre Leiden nur noch verlängert. Die Kapitel "wie man
Freundschaften pflegt" und "Wie man ein Buch aus der Hand legt" zeigen
anhand von Abschnitten aus Prousts Roman und aus seinem Leben, wie eine
realistische und sogar eine Zynische Einschätzung vom Wert der Freundschaft
mit einer übertriebenen Bezeignung von Herzlichkeit und Schmeichelei
einhergehen kann (sein Freunde prägten den Begriff proustifizieren, wenn wir
unter uns eine etwas zu gesuchte Höflichkeit beschreiben wollten, die man
gemeinhin als geziertes Getue bezeichnet hätte") und wie auch die
leidenschaftlichste Verehrung eines Autors, so wie die Verehrung, die Proust
für John Ruskin empfand, schicklicherweise vor der Idolatrie Halt macht,
etwa in dem Moment, da Proust zu dem Schluss kam, dass Ruskin häufig
"albern, manisch, nötigend, falsch und lächerlich" war. De Botton schreibt
wie jemand, der selbst der Idolatrie nur knapp entgangen ist; in trockenem
Ton schildert er eine Pilgerfahrt in das trübselige Dorf Illiers, das heute
- eine Huldigung an Prousts vertaubertes fiktionales Dorf - auf Wegweisern
und Schildern "Illiers-Combray" heisst. Madeleines verkaufen sich her sehr
gut, und von dem Haus von Prousts Tante Amiot (im Roman Tante Léonie) heisst
es "In ihrer ausgesuchten Scheusslichkeit vermitteln die beengten
Räumlichkeiten auf nahezu greifbare Art und Wieise die stickige Atmosphäre
eines geschmacklos eingerichteten, kleinbürgerlichen Provinzhauses der
Jahrhundertwende." Eine "einsame, merkwürdig fettig anmutende Mageleine"
erweist sich nach genauerer Inspektion als Plastiknachbildung.
De Botton, von Geburt Schweizer, scheibt auf Englisch, aber mit dem Witz und
der Nüchternheit eines Franzosen. Sein zweites Buch, The Romantik Movement,
war eine Art Ratgeber-Roman, der in Gestalt einer Anleitung zur Selbsthilfe,
veranschaulicht durch eine in London spielende Affäre, die Ernüchterungen in
Liebeddingen analysierte. Bottons Neigung zu aphoristischen Gesetzen
menschlichen Verhaltens zieht ihn verständlicherweise zu Proust hin, da
solche Gesetze auch Prousts Ziel sind. Dieser Sohn und Bruder von Aerzten
schrieb einen Roman voller genauer diagnostische rBetrachtungen, einen
Roman, der insgesamt in der Schilderung unfreiwilliger Erinnerungen und in
der Wiedergewinnung der Vergangenheit ein Heilmittel gegen die
Universalkrankheit, nämlich die Zeit, darstellt. Aus den letzten Seiten des
letzten Bandes, Die wieder gefundene Zeit, taucht der Leser mit dem Gefühl
auf, dass er siegreich eine Theapie durchgemacht hat. Von einem extrem
zarten un neurasthenischen mann als ein Akt der persönlichen Rettung
geschrieben, verkörpert das Werk sein Heilmittel - die Entdeckung seiner
Botschaft als Schriftsteller. De Botton stellt den traurigen Zustand seines
Helden in der Zeit vor dieser Entdeckung lebhaft dar. Proust selbst
beschrieb sich im Alter von dreissig Jahren so: "...ohne Vergnügungen,
Ziele, Tätigkeiten, ohne jeden Ehrgeiz, mein abgelebtes Dasein betrauernd
und betrübt über den Kummer, den ich meinen Eltern bereite, empfinde ich nur
sehr wenig Freude." Kafka und Joyce, diese beiden anderen epischen
Komödianten des Modernismus, hatten wenigstens einen kreis von Freunden und
Kritikern, die ihr Genie erkannten, während selbst diejenigen, die Proust am
nächsten standen, in ihm einen unverbesserlichen Snob und Dilettanten sahen
und von der Schönheit, dem Sog und der satirischen kraft seines Meisterwerks
überrascht waren. Wenn de Botton in seiner amüsanten, aber mit unbewegter
Miene inszenierten pädagogischen Geckenhaftigkeit die heilenden, Rat
vermittelnden Aspekte Prousts hervorhebt, erweist er uns den Dienst, dass er
Proust für uns noch einmal liest und uns aus dem weiten heiligen See ein
süsses und klares Destillat reicht.

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