Dienstag, 4. Oktober 2011

Merkwürdiges Erlebnis

date 12 January 2006 08:09
subject Re: Reise


Liebe Malou
Wie kommst du darauf, dass ich mich langweilen könnte. Ich bin vielmehr in Torschlusspanik, wie du bereits gehört hast. Kennst du das Wort. Eigentlich brauchen wir es in der Regel für Frauen ... du weisst schon. Aber nun bin auch ich in Torschlusspanik. Und es ist ein bisschen wie im Sport. Wenn man im Spiel im Rückstand liegt und bis Ende Spielzeig gerne aufholen würde, kommt man in eine Torschlusspanik. Aber das Tor bedeutet hier in diesem Wort nicht das Tor auf dem Sportplatz, sondern das Tor als Tür, das eben geschlossen wird. Heute spricht man ja auch vom window of opportunity.
Ja, die zwei Radler von Peking nach Europa sind ziemlich mutig. Aber ich glaube, dass die Menschen sehr freundlich sind zu solchen Abenteuern. Man kommt so direkt in Kontakt mit der einfachen Bevölkerung. Und die ist sehr herzlich und freundlich und hilfsbereit. Sie schliessen jeden Westler sofort ins Herz.




Ich hatte mal ein ganz merkwürdiges Erlebnis in Isfahan. Ich hatte allein den
grossen Bazar durchstreift. Und dieser reicht bekanntlich vom grossen,
weltberühmten Platz bis hinunter zur alten Moschee. Und im Gassengewirr gibt
es auf diesem Weg etliche Karawansereien. Ich hatte mir gedacht, dass ich einige
davon entdecken könnte um dann ein paar Bilder zu schiessen. Schliesslich landete
ich aber in einem grün bewachsenen Garten, in dem einige Mullahs plaudernd und
diskutierend herumstanden. Offenbar war es eine Theologieschule, und die Leute
hatten offenbar gerade ihre Pause. Ich nutzte die Gelegenheit, einige Photos zu
knipsen und ein bisschen herumzustreichen, bis mich einer ansprach. Er zeigte sich
sehr begeistert, mich - einen Fremden zu treffen, und er lud mich ein, dass wir
uns zusammen auf eine Steinbank setzten. Er zog dabei ganz fürsorglich einen
Plastiksack aus seiner Tasche, damit ich darauf sitzen könne und mir nicht die
Hosen schmutzig zu machen brauche. Er sprach ein einfaches und gebrochenes
Englisch. Ich weiss nichtmehr genau, worüber wir sprachen. Ich gewann allmählich
den Eindruck, dass er vielleicht der Abwart dieser Schule wäre. Manchmal klang
er ein bisschen irr. Schliesslich kam er auf die Regierung und Präsident Chatami
zu sprechen. Er kritisierte sie vage und fragte mich, was ich denn dazu meinte.
Ich erklärte, was ich in solchen Situationen immer tue, sogar in den USA. Ich
erläuterte ihm, dass ich doch hier im Iran ein Gast wäre, und dass mir ein Urteil
in dieser Sache ganz und gar nicht zustehe. Die Situation wurde mir auch ein
bisschen ungemütlich. Ich befand mich hier in der Höhle des Löwen, und man
weiss, wie fanatisch die einfachen Menschen reagieren können, wenn sie in einer
Gruppe aufgeheizt werden. So verabschiedete ich mich ziemlich rasch und verzog
mich aus diesem 'Kloster'. Ich wusste ja nicht einmal, ob mein Eindringen in diesen
Gebäudekomplex erlaubt war oder nicht. Kurz und gut, ich verliess den grossen
Hof und befand mich bald wieder im Ameisengewimmel der Bazargasse.
Und nach einiger Zeit, ich hatte mich schon weit von dieser Theologischen Schule
entfernt, sprach mich ein eher junger Typ an und sagte, er hätte mich beobachtet,
wie ich in dieser Schule war, und er wollte wissen, wer ich sei und was ich dort
gesucht habe. Ich war mir nicht sicher, was der junge Typ wollte. War er ein
Schnüffler? Wollte er Kontakt mit einem Westler aus politischen Gründen? Oder
war er einfach interessiert an einem Gespräch mit einem Fremden, wie man das
im Iran so oft antrifft. Immerhin war ich erstaunt, wie sehr man unter sovielen
Leuten, in einem solchen Gedränge, das man sich hier kaum vorstellen kann,
wie man also mit scharfen Augen beobachtet wird.
...

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