Montag, 31. Oktober 2011
Stacheldrahtmail?
Ämne: Stacheldrahtmail?
Datum: den 1 november 2003 18:29
Liebster Mausfreund,
Ach, manchmal bist du unaufmerksam wie ein alter Ehemann. Ich habe dir doch wirklich zwei ”richtige” mails geschickt und dazwischen noch einen kleinen Hungerschrei von nur einer Zeile. Also drei mails sogar.. Aber du bist entschuldigt. Ich bin sicher nur ein sehr kleiner Teil in deinem Leben und werde jedenfalls zeitweise von wichtigen Dingen überschattet.
Es hat mich wieder überrascht, wie wenig du dir deiner eigenen Fähigkeiten bewusst bist. Und ich leide fast daran, dass ich dir nicht deutlich genug erklären kann, wie einmalig du bist. Lass es mich so sagen. Wenn ich das Intellekt eines Menschen mit einer Digitalkamera vergleiche, so sind die meisten etwas (undermåliga). Was sie wiedergeben ist nicht beste Qualität, nicht genügend deutlich und scharf. Oft sind die Bilder verwischt und pixlich, die Farben nicht naturtreu u.s.w. Und dann gibt es diese einmalige Kamera, von der ich dir schon geschrieben habe. Sie zeigt die Bilder so glasklar, dass es ein Genuss ist sie zu betrachten. Und du bist glücklicher Besitzer einer solchen Kamera. Doch es reicht nicht, wirst du sagen, eine perfekte Kamera zu besitzen um schöne Bilder zu machen. Das stimmt. Aber du bist auch ein Meister in der Wahl deiner Motive. Was du zeigst ist so lebendig und vielfältig, dass ich oft denke du beschreibst nicht nur, du erzeugst Leben. Oh, ich hoffe du verstehst mich. Siehst du, deswegen finde ich auch, dass es schade ist, wenn du deine Zeit mit unwichtigen alltäglichen Dingen vergeuden musst, mit Ärger im Büro. Schreib doch, .. . Die Schweiz braucht doch Leute wie dich. Aber du darfst nicht zu literarisch dabei denken. Du musst spontan schreiben ohne auf die Leser zu schielen. Du sollst Leben erzeugen, so wie du es täglich hier tust.
Ich denke manchmal an meine Freundin in Südschweden. Sie könnte längst eine berühmte Autorin sein, wenn sie nicht immer nach sprachlicher Perfektion aus wäre, wenn sie so schreiben würde, wie sie mit mir redet.
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Hinter mir läuft, wie gewöhnlich der Fernseher. Diesmal ist es eine Übertragung von Royal Albert Hall in London. Ein wunderschönes Berliozkonzert. Ich höre es und es spiegelt sich in einem Bild vor mir an der Wand. K hört sich unten eine Sportsendung an im Radio. Und durch alles hindurch hört man vermutlich auch wenn ich die Tasten hier anschlage. Es geht nicht zu vermeiden.
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Heute hat ein Jugendfreund von K angerufen, den wir jeden Sommer oben in Norrland treffen. Es ist derjenige, der das Elternhaus, das dort liegt übernommen hat. Sonst wohnt er in Stockholm und jetzt ist er gerade eine Woche dort oben gewesen. Er hat auch mit den neuen Nachbarn gesprochen, die im Herbst dort endgültig eingezogen sind. Seiner Meinung nach sehr nette Leute, die wie er mitteilte zwei Reitpferde haben und nun interessiert wären, sie auf unserem Grundstück weiden zu lassen. Das ist eine gute Idee, denn es will alles zuwachsen, oder wie man sagt. Auch den früheren Nachbarn liessen wir dort Kartoffeln anbauen. Es ist gut, dass Menschen dorthin ziehen wollen. Die Abvölkerung war eine Zeitlang sehr stark und es ist gut, dass wieder jüngere Leute dort sesshaft werden. Und schönere Natur kann man wohl kaum finden. ...
Es ist hart über die Dipsomanie zu lesen und trotzdem schreibst du irgendwie schön und tröstend und so habe ich N. die Passage zugeschickt. Sie sucht überall nach Information über diese, man darf wohl sagen ”Krankheit”.
Es gibt Fragen, die du nie beantwortest. Vielleicht denkst du es sind nur rethorische Fragen, aber das sind meine Fragen nie. Es würde mich doch freuen wenn du darauf eingehen würdest. OK ich verstehe es schon, wenn du das eine oder andere nicht beantworten willst. Das ist ganz in Ordnung. Aber wenn du es nur aus Nachlässigkeit tust, finde ich es nicht so schön.
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Ach, ich glaube mein Mail ist ein wenig in Richtung Stacheldraht geraten. Man kann sich daran verletzen. Wenn ja, dann ruf mich. Ich verbinde deine Wunden.
Mit einem lieben Halloweengruss,
Marlena
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