Ämne : Freitag abends ...
Datum : Fri, 5 Oct 2001 17:20:06 +0200
Liebe Marlena
Soeben habe ich eine gute Seite geschrieben, und jetzt ist alles dahin.
Wohin weiss ich nicht. Es ist eben nicht mehr hier. Ich hatte es in einen
Zwischenspeicher aufgenommen, um dann ins Mail hinüber zu giessen. Und als
ich den Text einfügen wollte, kam ein völlig anderer hervor. Ich verstehe
einfach diese Machinen nicht recht. Ich meine, sie sprechen auch kein
anständiges Deutsch, sie sagen nichts, sie geben kein Zeichen, sie murren
nicht, sie weinen nicht. Wie könnte ich also? Sie sind im Grunde höchst
zweifelhafte Wesen.
*
Ich hatte Dir dort gesagt, dass Du recht hast mit der Bemerkung, ich müsse
meinem Namen alle Ehre antun. Natürlich muss ich das. Ich würde das
natürlich gerne mit einem zwinkernden Auge machen. Denn was ich so über die
Schweiz sage, ist sehr gesättigt mit Klischees. Aber Du hast recht, die
Schweiz ist ein Juwel. Sie stellt in der Tat die Kronjuwelen Europas dar!!
Und alle Amerikaner und Japaner, die sich sosehr durch Juwelen beeindrucken
lassen, kommen her und schauen sie an und fotografieren sie mit den Kühen im
Vordergrund.
Und Du sagst, Du hättest dieses Juwel nie gesehen, weil Du auf einen
Bekannten Rücksicht nehmen musstest? Ich staune immer wieder, auf wieviel
Frauen Rücksicht nehmen müssen. Ich glaube, das macht sie so intelligent und
lebensklug, diese Rundumsicht der Dinge. Wir Männer nehmen nicht bloss keine
Rücksicht, sondern wir denken schon gar nicht daran, dass man nehmen könnte
oder müsste. Es entgeht uns so die ganze Welt der Rücksicht, die ganze
rücksichtige Hemisphäre.
Nun ja, immerhin bist Du doch einen halben Tag die Zürcher Bahnhofstrasse
auf- und abgegangen und hast Dich ein wenig gelangweilt. Und auf dem
Bauschänzli in der Limmat hast Du einen Drink genommen, nicht wahr? Von dort
habe ich mal in meinen jungen Jahren ein Bild gemalt, Limmat abwärts, mit
den beiden Münstern, dem Stadthaus und dem alten Bad im Vordergrund. Vor
allem dieses Bad hat es mir angetan. Es war eine Holzkonstruktion, auf dem
Wasser schwimmend, wenn ich mich nicht irre, und bestimmt noch
geschlechtergetrennt. Wunderbar und geheimnisvoll also. Und hellbeige
bemalt und von den Möwen verschissen. Und auf der anderen Seite liegt gleich
das Restaurant Elite. Dort ging ich in den ersten Jahren meiner Zürcher
Jahre oft ein und aus. Das Elite war damals schwer im Trend mit seiner
Mischung aus Eleganz und Nachlässigkeit. Es gab dort kleine Tische rundum
mit einer alles verbindenden Bank. Und es gab gut arrangierte Tellermenues
am Stamstag Abend, etwa ein Rumpsteak mit Pommes und einer gebackenen
Tomate. Und dann ein Café. Und vor allem gab es viele junge und trendige
Leute und einige ältere, Künstlertypen, Schwätzer und Exhibitionisten.
Einige spielten stundenlang Schach. Man konnte im Elite mit Leichtigkeit mit
den Nachbarn ins Gespräch kommen, indem man versehentlich kein Feuer bei
sich hatte, um die Gauloise zu entflammen. Und im Sommer gab es Tische auf
der Strasse, so dass man den Gehsteig und die Limmat überblicken konnte.
Aber das war nicht meine Sache. Ich zog es vor, drinnen meinen Espresso zu
nehmen und vielleicht mit Mark oder Othmar, oder meinetwegen mit Claudine
und Moo den Film zu diskutieren, der nebenan gerade gespielt worden war.
Damals liefen diese hübschen französischen Filme mit der Deneuve, mit Michel
Piccoli und diesen Athleten.
Gegenüber lag das Hechtplatztheater, wo ich an einem sonnigen Sonntag Morgen
Ernst Bloch mit seinen riesengrossen Händen und der dicken Hornbrille
referieren sah. Ich habe nicht viel verstanden zwischen den ältlichen Damen
und Herren, die da herumsassen, aber er hat mir mächtig Eindruck gemacht.
Ich sehe noch heute diese imposanten Hände, mit denen er in der Luft herum
fuchtelte. Man konnte sich kaum vorstellen, dass er bloss mit Büchern zu tun
hatte. Er hätte einen guten Waldarbeiter abgegeben.
Und weiter vorne lag dann ja das Odéon, von dem ich Dir sicher schon erzählt
hatte, jenes Café im Wienerstil, in dem die Hälfte der europäischen
Prominenz den zweiten Weltkrieg überlebt hat. Es war der Treffpunkt der
Emigranten gewesen, die sich in Zürich zurückgezogen hatten. Darunter viele
Künstler, die oben am Heimplatz im Schaupsielhaus spielten. War das nicht
das letzte deutschsprachige und freie Theater?
Ach, Zürich, wie komme ich denn plötzlich nach Zürich? Es war nach meiner
Zeit im provinziellen Wallis die grosse Welt. Und ich fühlte mich verloren
unter all den Mengen von Leuten, und gleichzeitig war es aufregend und in
Zeiten der wilden 68er geradezu schweisstreibend. Zürich war meine erste
Liebe. Und Du weißt, wie beschwerlich die erste Liebe sein kann, wenn man
noch keine Erfahrungen hat, wenn man erstmals im Leben und erregt vorsichtig
nach erogenen Zonen abtastet und besonders gespannt auf den ersten Höhepunkt
hin arbeitet.
Ja, ich komme etwas vom Thema ab.
Jetzt habe ich Feierabend. Ich muss noch meine Mappe packen und dann geht es
ab auf die Eisenbahn. Ich bin es gar nicht mehr gewohnt, so pünktlich zu
sein. Das ist wirklich sehr hart. Man muss praktisch mitten im Satz stoppen.
Und trotzdem wird es immer knapp und nur mit grossen Schritten schafft man
es dann, den Zug noch zu erreichen. Denn, neben all den juwelenartigen
Dingern hier sind die Eisenbahnen zu allem Üeberfluss auch noch pünktlich.
Es ist wirklich kaum zu ertragen!
Mit einem schönen Gruss fürs Wochenende
...
Mittwoch, 26. Oktober 2011
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