14 September 2007 09:28
subject Stundengeschäft
Liebe Malou
Schon ist wieder einmal Freitag. Das ist einerseits schön,
andererseits zeigt es einfach den Mangel an Zeit. Weshalb ist es so,
dass Zeit ein solch knappes Gut ist? Muss das sein? Sollte man nicht
an einem Spezialschalter Reservezeit verlangen können? Vielleicht in
12-Stunden-Paketen? Würdest du dort auch anstehen Malou? Vielleicht
gar 12 Stunden lang anstehen? Ich würde, und würde dann gleich 2
Pakete verlangen. Gegen Quittung natürlich. Ende des Lebens würden sie
wohl die vorbezogenen Stunden wieder abzählen. Ich müsste natürlich
zuhause Buch führen. Aber da ohnehin niemand weiss, wie lange er leben
wird, ist es völlig irrelevant, wieviele Stunden man vorbezogen hat.
Wichtig ist einfach, dass man diese Reservestunden ganz besonders
geniesst. Man soll sie nur in speziellen Situationen konsumieren. Das
versteht sich ja von selbst. Es ist nicht sinnvoll, sie für Arbeit
einzusetzen. Oder für Regenwetter beispielsweise. Na ja, daraus
entstehen grosse neue Fragen und Probleme. Und um die zu überdenken
und zu lösen, müsste man dann wohl auch noch einige Zusatzstunden
einlösen. Ich glaube, es wird ein Teufelskreis.
Es gäbe natürlich noch viel verwegenere denkbare Modelle. Eines davon
wäre die allgemeine Stundenbörse. Arme Schlucker könnten ihre Stunden
an der Börse verkaufen. Und natürlich würden die steinreichen Protzer,
vielleicht vor allem ältere Leute, massenweise solch wohlfeilen
Stunden aufkaufen um damit ihr Leben zu verlängern. Dabei ist denkbar,
dass man eigene Stunden teuer verkauft, während man billige Stunden
einkauft. Ein gutes Geschäft ist da möglich. Vielleicht würde es, wer
genial rechnet, bis zum ewigen Leben gelangen? Er müsste bloss
zusehen, dass sein Konto nie negativ wird. Sonst ist alles aus.
Deshalb die gute Buchführung. Schweizerbanken würden Spezialbanken
einrichten, bei denen man 24 Stunden täglich den eigenen Kontostand
abrufen kann.
Eine besonders geniale Idee wäre die Einrichtung,
Vergangenheits-Stunden einzukaufen. Du könntest, stell dir vor Malou,
einige Stunden aus dem Jahre - sagen wir - 1973 zurückkaufen. Wäre das
nicht der Wahn? Du könntest, vielleicht mit teurem Aufwand, 12 Stunden
zurück ins Jahr 1973. Denk dir bloss? Würdest du dich dafür umziehen?
Make up ändern? Ehering zuhause lassen? Du siehst, das bringt alles
viele Fragen und Probleme. Du könntest natürlich auch
Vergangenheits-Stunden verschenken. Sagen wir, du kaufst einige aus
jenen vergangenen Jahren und schenkst sie K zum Geburtstag? Oder du
kaufst für euch beide, und ihr verreist in die vergangenen Jahre.
Umgezogen oder in heutiger Aufmachung?
Es ist verrückt. Und es ist immer noch Freitag. Ich muss zum Arzt. Er
hat seine Praxis am anderen Ende Liestals. Ich fahre los.
Liebe Gs und Ks und Stunden
...
Samstag, 15. Oktober 2011
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