Freitag, 11. Oktober 2013

earlymorningtea


den 23 oktober  08:13
earlymorningtea

Liebe Marlena

Manchmal komme ich ein bisschen in Not, wenn Du mir grosse Komplimente machst für irgend eine Bemerkung im letzten Mail. Mein Problem liegt darin, dass ich nicht mehr genau weiss, was ich gesagt hatte.

Na ja, dieses Mal erinnere ich mich nebelig, dass wir den Menschen zu beschreiben versuchten. Der Mensch, na ja, was ist der Mensch! Das klingt wie ein Aufsatzghema im Gymnasium. Damals haben wir uns mit solchen allgemeinen Fragen herumgeschlagen.Wir stehen heute in der Situation, dass die Genetik Oberwasser gewinnt. Auch Tom Wolfe ist ein Typ, der darauf schwört. Die Forschungen in Sachen Genom sind mit wahnsinnigen Erwartungen bedacht worden. Man denkt, dass wir in Zukunt für jede Fähigkeit des Menschen ein Gen herausfinden können, für Gedächtnis, für Sprachfertigkeit, für motorische Fähigkeiten, etc. etc. Das ist eine schlechte Entwicklung im alten Streit zwischen Anlage und Umwelt. Und wir Psychologen schwören natürlich auf Umwelt, dh. auf Erziehung, auf äussere Einflüsse, auf Plastizität des Menschen. Ich habe in einem Buch über Gentechnologie gelesen, dass der Mensch in seiner Genaustattung viele Gene ursprünglich schädlicher Viren besitzt. Und weil Viren Überlebenskünstler sind, weil sie mit ON-OFF-Patterns ausgestattet sind, hat der Mensch diese Möglichkeiten mitgeerbt. Auf Deutsch und verständlich heisst das: es ist nicht nur eine Frage, ob ein Gen vorhanden ist oder nicht, es ist auch eine Frage, ob das entsprechende zum Ausdruck kommt oder nicht. Es gibt Faktoren, die die Wirkung unterdrücken oder verstärken können. Kurz und gut: die ganze Sache ist nicht so einfach wie eine Kiosk-Buchhaltung.

Die Evolution lässt sich auch schon im Gehirn des Menschen feststellen, die Evolution notabene, welche Du als Katholikin aus tiefstem Herzen bezweifelst. Der Mensch hat ein Saurierhirn, das Stammhirn, welches einfache und primäre Dinge steuert wie etwa das Aufgehobensein in und die Orientierung an der Gruppe. Dieses Urhirn wird überlagert vom Säugerhirn. Die Säugetiere haben schon Gefühle entwickelt. Sie sind so etwas wie Reaktionstendenzen und man kann sie bündeln in das Gefühl der Angst mit Fluchttendenz und das Gefühl der Aggression mit Angriffstendenz. Und zuoberst ist dann noch der Neokortex, dieses neumodische Oberhemd des Gehirns, mit dem wir denken, so wird behauptet. Das ist aber eine sehr dünne Schicht. Und immer, wenn der Mensch leicht aus der Bahn gerät, reagiert er eher nach tieferen Schichten, vielleicht wie ein Säuger oder wie ein Saurier. Manchmal kann man es ja auch an alten Menschen sehen, was wieder hervorkommt, wenn die Person als kulturelle Konstruktion abgenutzt ist.

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Jetzt muss ich leider wieder an die Arbeit. Ich habe viel vor mir heute. Weiss gar nicht, wo anfangen. Und ich wünsche Dir einen schönen Tag. Vielleicht eine zusätzliche Portion Schnee?

Mit Kuss und Gruss
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