Sonntag, 27. Oktober 2013

Re: Nochmals ...



den 17 november  08:55
Re: Nochmals an diesem dunklen Morgen



Liebe Marlena

Du hattest einen eifrigen Sonntag Abend. Und ich danke Dir dafür. Und Du findest die richtigen Dinge auch immer gleich im Internet. Danke auch dafür. Du bist eben mehr weltmännisch als ich. Weltweibisch müsste man hier schon fast sagen, denn weltfraulich passt irgendwie überhaupt nicht.

Mein nächstes Programm ist nun, den Film ‚Vom Winde verweht’ zu suchen, um diesen Rhett Butler zu finden. Kein Wort sagst Du über seinen Charakter, kein Wort, wie man ihn sich vorstellen konnte. Es scheint fast ein wenig, als ob es Dir peinlich wäre, Dich in ihn verliebt zu haben. Nun, dafür gibt es sicherlich keine Gründe. Als Teenager muss man sich alle möglichen Typen aussuchen, um dieses grosse Ding der Liebe auszuprobieren. Mir hat Cary Grant immer sehr imponiert, und am meisten wohl damals im Film „Wenn die Nachtigall singt“ (hiess er so, oder vielleicht, wer die Nachtigall stört??) Oder sollte ich vielleicht das Buch lesen. Aber ich glaube, das Buch ist zu dick für mich. Mindestens im Moment. Vielleicht später mal werde ich mir Rhett Butler als Vorbild vornehmen.

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Ja, ich habe 2 CDs als Geschenke erhalten. Die eine, Walliserdeutsch, hatte ich mir mal gewünscht. Meine Mutter hatte sie noch auf einer alten Anilyn-Schallplatte, und heute kann man diese antiken Dinge doch so schön auf CD brennen. Du kennst ja diese Schwarz-Brennerei (klingt so schön nach illegalem Schnaps) auch. Sie enthält eine hübsche Sage aus dem Wallis, die erzählt, wie mal in einem Walliser Dorf der Tod in ein Weinfass eingesperrt worden war. Und all die Menschen triumphierten und waren glücklich. Aber die Leute kümmerten sich nicht mehr um einander. Die Mütter liessen ihre Kinder verkommen. Die Grossmütter wurden egoistisch. Die Geschwister endeten im Streit einfach deshalb, weil alles gleichgültig wurde. Es ist sehr hübsch erzählt, und besonders hat mir gefallen, wie Biffiger, der Erzähler, beschreibt, wie das früh verstorbene Kind die überlebende Familie trösten und beruhigen kann. Sie hat nämlich die Gewissheit, schon jemanden aus der eigenen Sippe drüben im Himmel zu haben. Und wenn es dann selbst ans Sterben geht, wären sie wohl ein bisschen scheu, vor Gott zu treten, der ja als grosser Herr nicht soviel Zeit zum plaudern hat, oder sie sind vielleicht in den Werktagsschuhen gestorben, und das wäre im Himmel ziemlich unpassend. Und in dieser Unsicherheit, wenn sie frisch im Himmel ankommen, wie beruhigend wäre es doch, wenn diese Céline selig, das früh verstorbene Kind also, herbeieilen würde und sie an der Hand nähme.

Die Geschichte ist wirklich sehr sympathisch arrangiert und gut erzählt. Und sie beschreibt auf wunderbare Art den alten Volksglauben und die hübschen Katholizismen im Wallis. Eine andere Geschichte beschreibt, wie die Walliser mit dem Herrn ein bisschen grollen, weil er es ihnen nie recht machen kann. Einmal regnet es viel, das ist vielleicht gut für die Wiesen, aber schlecht für den Wein. Ein andermal brennt die Sonne herunter, was einen guten Wein verspricht, aber den Weiden in der Höhe schadet.

Und alles in allem erinnert mich diese Platte an meine Bubenzeit. Damals hörte man diesen Karl Biffiger regelmässig am Samstag nach den Mittagsnachrichten am Radio. Viele Schweizer haben kaum verstanden, was er erzählt, denn der Dialekt ist, wie Du weißt, ziemlich exotisch. Und ich selbst fand gar nicht so viel dabei, denn wie er sprach, so sprachen all die Buben auf der Strasse. Und den Inhalt fand ich ziemlich unverständlich. Aber ich bemerkte, wie meine Eltern von diesen Geschichten fasziniert waren. Ihnen ging es wohl umgekehrt. Sie konnten den Dialekt nur knapp verstehen, aber wussten dafür mit dem Inhalt mehr anzufangen. Na ja, Biffiger war so etwas wie der gute Botschafter des Wallis in der übrigen Schweiz. Man muss dazu sagen, dass damals, vielleicht vor 50 Jahren, das Wallis eine echt provinzielle und rückständige Gegend war. Nur als Ferienregion war es akzeptiert, sonst konnte man das Wallis schwerlich ernst nehmen. Na ja, das ist jetzt leicht übertrieben, aber ungefähr war es so.

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Ich habe mein altes Mail noch nicht wieder gelesen. Ich werde es schon tun, aber dazu brauche ich etwas ruhige Zeit. Das ist, was mir am meisten fehlt. Ich habe eine strenge Woche vor mir, und ich hoffe sie gut zu überstehen. Was Du von der Müttergruppe erzählst, das kann uns Männer nur neidisch machen. Genau so sollte es sein. Und ich glaube, in Persien ist es teilweise noch so. S. hat beispielsweise bei einer Tante auf diese Art das Nähen gelernt. Es waren offenbar gemütliche Momente des Plauderns und der Arbeit. Und jedes Mal, wenn sie heute näht, kommen im Hintergrund diese Erinnerungen zurück. So sollte Arbeit doch sein!! Das ist die wahre Lebenskunst. Sie fängt mit den Grossmüttern und den Grossvätern an, welche die Jungen nicht nur in die Arbeit, sondern auch in die richtige Haltung dazu einführen.

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Ich danke Dir für Deine Komplimente über meine Heroin-Mails. Ich muss mich vorsehen, dass ich nicht als Heroin-Händler in die Mühle der Justiz gerate. Auch andere Leute haben mir früher Ähnliches gesagt. Es hängt vielleicht damit zusammen, dass ich fast in eine Art Trance gehe, wenn ich schreibe. Ich erinnere mich, wie ich früher Schul-Aufsätze geschrieben hatte. Ich konnte nicht einfach hinsitzen und sie niederschreiben. Irgendwie musste ich mich vorher in eine Art Psychose hineinreiten, mich in dieser Gedankenwelt tummeln wie ein Füllen auf einer Frühlingswiese. Ich musste mich mit Haut und Haar in diese Welt versetzen. Und erst dann konnte ich mich hinsetzen und schreiben. Und das ging dann gleich alles in einem Zug. Man konnte dann auch schwerlich an dem Text herumfeilen, vielleicht verbessern oder neue Teile einsetzen und alte streichen. Es war einfach wie in Trance geschrieben. Und ich wusste dann jeweils auch nicht so genau, ob es gut oder schlecht herausgekommen war. Manchmal waren die Lehrer absolut nicht zufrieden, meinten, ich hätte mir zuwenig Zeit genommen oder zu viele Rechtschreibefehler gemacht. Und noch heute, wenn ich Dir schreibe, lebe ich in einer anderen Welt. Ich bin dann weit weg von all den alltäglichen Dingen hier. Und am Ende braucht es immer etwas Zeit, mich wieder umzustellen auf die Umstände hier. Na ja, vielleicht ist das bloss diese kleine Zeitumstellung, von der Du redest. Es könnte gut sein, dass wir ungefähr eine Stunde differieren. Ich bin dann ein bisschen im Rückstand.

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Interessant, was Du über de Botton sagst. Ich werde ihn mir vorknöpfen, wenn ich ihn im Fernsehen sehe und Deine These prüfen. Hat er seine Bücher selbst geschrieben? Ich glaube, sie sind im Grunde ziemlich einfach aufgebaut. Er ist ein bisschen ein Zauberer, also einer, der in der Lage ist, die Leute glauben zu machen, dass er mehr kann als sie. Und das ist doch fast alles im Leben, dass man seine eigenen Schokoladenseiten hervorkehrt und die peinlichen Schwächen zu verstecken vermag. Ich tue nichts anderes als das….;--)



Ich wünsche Dir eine schöne Woche.

Mit lieben Grüssen

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