Dienstag, 15. Oktober 2013

Early morning tea



den 1 november  11:40
Early morning tea

Liebe Mäusin

Ja, zwei echte Mails hast Du geschrieben. Das ist fantastisch gut. Aber eins davon war nur eine Zeile. Zählst Du das trotzdem voll? Und dagegen habe ich eins ausgelassen? Ich habe das nicht bemerkt. Sicherlich, ich war ziemlich beschäftigt am Freitag. Und ich hatte im Grunde eine schlechte Woche hinter mir. Irgendwie ist Vieles krumm gelaufen. Ich kann Dir das gar nicht alles erzählen. Es wäre auch nicht interessant. Und irgendwie muss man den Blick nach vorwärts richten, deshalb mag ich mich noch nicht zu sehr darauf konzentrieren.

Dein kleines Kompliment habe ich aber sehr genossen. Ich meine Deine Feststellung, dass ich Menschen beschreiben kann. Es ist nett und auch gut dass Du das sagst, denn mir selbst fällt es nicht sonderlich auf. Irgendwie denke ich oft: na ja, solche Dinge kann doch jeder. Man vergisst die eigenen Fähigkeiten. Und das sollte nicht sein, denn sie machen einen wichtigen Teil des Selbstbewusstseins aus. Früher, als ich jung war, hatte ich häufiger das Gefühl, ich sei in ziemlich vielen Dingen gut. Nicht in allen, aber doch in diesen und in jenen. Heute fehlt mir das. Es ist vielleicht das Los des Chefs, dass dir niemand mehr wirklich sagt, wenn etwas gut ist. Alle meckern bloss herum, wenn es nicht stimmt oder besser sein könnte. Und so gerät man in eine Art Vakuum, wo der Sauerstoff für einen offenen Atemzug fehlt. Ich werde mich also in Zukunft darauf konzentrieren, Leute zu beschreiben.

Beim Genick und Hals alter Leute finde ich es einfach bemerkenswert, dass ein kleines Handicap, eine altersbedingte Einschränkung, eigentlich zum Anschein der Würde beiträgt. Das Negative wird sozusagen Positivum. Die Natur ist eine raffinierte Sache, findest Du nicht? Man muss immer wieder staunen, wie sehr das alles zusammenhängt und sich gegenseitig bedingt. Nur unsere aufgeklärten Wissenschaften haben eben mehr oder weniger Schauklappen. Ich hatte mal eine Zeit, da war ich ein grosser Bewunderer von Konrad Lorenz. Man konnte Fotos sehen, wie er mit seinen Schwänen im See schwimmt, oder wie er in seinem Naturpark andere Tiere beobachtet. Das fand ich eine fantastisch schöne Arbeitssituation. Er konnte sich in der Natur tummeln, und war doch ein bekannter und anerkannter Wissenschafter, die ja doch normalerweise vor allem hinter den Büchern sitzen. In seinem Büro, hinter dem Pult, an dem er seine Beobachtungen niederschrieb, hing ein riesiges dunkles Bild, ich glaube, eines, das einen Raubvogel zeigt. Nun, ich fand es einfach schön, wie er das Praktische mit dem Theoretischen verbinden konnte.

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Unser Weekly ist eine gute Sache. Manchmal muss ich mich überwinden, zu gehen, weil ich eigentlich zu faul bin, und lieber zuhause irgend etwas erledigte. Aber wenn wir dann zusammen sitzen, ist es doch gutl. Wir sind auch nicht allzu streng. Wenn einer Kopfweh hat, ist das schon ein Grund, abzusagen. Und manchmal kann man es sogar vergessen, ohne dass der andere beleidigt ist. Aber ich denke nicht, dass wir uns über alles unterhalten. Es gibt bestimmt Dinge, die ausgeklammert sind. Es sind nicht strenge Grenzen, und es ist auch nicht so deutlich, dass wir nicht über alles und jedes reden.

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Die Jugndliebe von M ist ein Dipsomane, ein Quartalssäufer. Ich glaube, in einer solchen Situation muss man wissen, dass das schwer bis nicht zu ändern ist. Man kann nicht helfen, man kann bestimmt nicht helfen, wenn man jemanden liebt. Die liebende Hilfe besteht nämlich darin, dass man das Problem verlängert und irgendwie unterstützt. Daran besteht für mich kein Zweifel. Um helfen zu können, müsste man äusserst hart sein. Und das kann man nicht, wenn man liebt. Auch Mütter können ihren Kindern schwerlich helfen, wenn sie Abhängigkeiten haben mit Drogen. M hat also bloss zwei Möglichkeiten: entweder die Situation zu akzeptieren, wie sie ist, ein oder manchmal sogar zwei Augen zuzudrücken. Oder aber zu warten, bis ihre Enttäuschungen so gross sind, dass die Liebe wieder versieht. Das ist hart zu hören, aber ich glaube, es gibt keine andere Möglichkeit.

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Die Einladung gestern war ziemlich ruhig. Na ja, es gab darunter auch einige sehr ruhige Leute. Zwei der Männer sind mit mir zusammen im Club. Einer ist Wirtschaftsanwalt und ein ziemlich vifer Typ. Durch sein Gesicht hindurch kann ich sehen, wie er als Junge ungefähr gewesen sein müsste. Ich glaube, er hatte kein leichtes Leben. Er war wohl auch ziemlich hässlich, und ich nehme an, dass er von anderen Knaben eher gehänselt worden war. Er kann sich gut behaupten mit seinem Mund, wie das bei Juristen oft der Fall ist. Er ist auch einigermassen witzig und führt ganze Plädoyers zwischen Voressen und Hauptgang. Seine Frau ist still, ein hübsches Frauchen, die ihn unterstützt mit ihrem Lächeln und ihren kleinen Zwischenbemerkungen. Sie haben drei Kinder zwischen 9 und 15, glaube ich. Und zwischendurch musste A. mal anrufen, ob zuhause alles in Ordnung sei. Offensichtlich hatte der Jüngste durch ein Taumeln im Handstand den Keyboard des älteren Bruders beschädigt. Die beiden haben sich dann aber kurz vor Mitternacht verabschiedet, weil der Älteste morgen in die Schule müsse. Der andere Kollege aus dem Club hat seit einem halben Jahr eine neue Freundin, nachdem er sich von der alten nach einer 14-jährigen Beziehung getrennt hatte. Die neue Freundin D. ist ziemlich interessiert und weiss über viele Dinge viel. Er kommt damit manchmal etwas ins Hintertreffen, wenn sie so belehrend und mit ernster Miene erzählt. Er ist Vizedirektor in einer Firma, die mit Telekommunikation zu tun hat. Er ist ein geniesser und langsam sieht man ihm an, dass er dabei ist, einen Bauch zu entwickeln. Seine Freundin ist eine heikle Esserin, kann kein Fleisch, keinen Fisch und kein Eiweiss vertragen. Wenn sie in einem Restaurant essen will, meldet sie sich vorher an, um die Küche in Alarmzustand zu versetzen. Und schliesslich war da noch der Banker und seine Russin. Sie organisiert Bilderausstellungen mit russischen Künstlern. Und er hat kürzlich in Amerika noch einen master of business administration gemacht, nebenher, bezahlt von der UBS, für Kosten von 100'000.- , wie er mir erzählte. Wenn ich das gegen meinen Kurs in NY aufrechne, der dem Arbeitgeber Fr. 4'000.- verursacht hat, komme ich mir vor wie ein Waisenkind. Es ist nicht so, dass ich ihn beneide. Ich möchte für mein Leben niemals seinen nervösen Tick, der immer wieder über sein Gesicht und die Augenlider huscht. Aber es ist doch frappant, wie eine Bank ihr Kader schult, während die Bildung auf sparsamstem Fusse lebt.

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Jetzt schicke ich diese Serie von Sätzen mal los. Sonst schwimmt sie mir womöglich davon.

Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende

Mit lieben Grüssen
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