Sonntag, 6. Oktober 2013
Trösten?
den 15 oktober 07:38
Re: ...
Liebe Marlena
Ich soll Dich trösten? Wer hat denn hier wen zu trösten? Wer hatte das Vergnügen und wer den Verlust? Du meine Liebe, ich bin es doch, der hier im kühlen Herbst und im luftleeren Herbst nach Sauerstoff hechelt.
Nun, ich weiss, wie Dir ist. Es ist wirklich widerlich, so von einer stupiden Maschine abhängig und ihr sogar ausgeliefert zu sein. Es ist menschenunwürdig. Man müsste hier endlich für Menschenrechte klagen. Das System hat alle, wir kaum. Aber immerhin hast Du eine Variante im Kopf und kannst die zweite in Windeseile hinschreiben, nicht wahr?
Lustig, wie man in Schweden in der zweiten Lebenshälfte auf die Jugendliebe zurückkommt. Aber ich muss zugeben, dass ich mich auch ab und zu dabei ertappe, zurückzudenken und zu überlegen, wie wohl diese oder jene Kameradin heute lebt und wie sie aussehen könnte. Es ist die Fantasie nach den verpassten Möglichkeiten, nach den Lebensalternativen, nach den unerfüllten Wünschen nebenher. Ich hatte zwar nie die Überzeugung, ich hätte in meinem Leben auf sehr wichtige, mir ungeheuer wertvolle Dinge oder Menschen verzichten müssen. Na ja, der Tod meiner Mutter war damals hart. Aber heute denke ich ziemlich frei darüber. Ich finde, unsere Stiefmutter hatte bessere Qualitäten, wenn man das so sagen und sehen darf. Es war ein Geschenk. Ein bitteres, aber ein Geschenk. Meine leibliche Mutter war ziemlich viel enger.
Doch diese Gedanken an alte Freundinnen und frühe Geliebte ist wohl auch eine Sehnsucht nach der Zeit der Jugend? Was mich betrifft, so würde ich am liebsten meine alte englische Brieffreundin wieder sehen. Sicherlich würde ich ein bisschen enttäuscht sein, wie sie heute ist, denn in meiner Erinnerung ist sie wirklich noch sehr jung und strahlend. So wie die Sängerin von: Tous les garçons et les filles de mon âge ... Sie hat immer geweint beim Abschied. Ist das nicht rührend, für ein junges Männerherz? Doch sie war sonst nicht überempfindlich, sondern ziemlich robust und unternehmungslustig. Ach sie war einfach süss. Sie hatte mich zu sich und ihren Eltern eingeladen. Doch ich wollte das nicht. Es war ausserhalb Bornemouth. Man hätte irgendwie mit dem Bus reisen müssen. Und ich war eben der Obhut von Erwachsenen entflohen und wollte mich nicht in neue begeben. Sie lächelte verständnisvoll und meinte, ihre Mutter hätte mir bestimmt ein Glas Milch angeboten. Heute, wenn ich darüber nachdenke, sehe ich, dass man das sehr ironisch verstehen könnte. Aber ich glaube nicht, dass sie es so gemeint hat. Und sie hatte diese hocherotische englische Intonation der Sprache, die mich zeitlebens schwach gemacht hat. Na ja, vielleicht nicht zeitlebens, aber doch zu jenen Zeiten. Ich fand die Art des Sprechens immer speziell. Und dazu kamen die guten Umgangsformen, die man in England immer noch beobachten konnte.
Siehst Du, Marlena, ich fange auch gleich an mit meiner Jugendfreundin ;--)) Und ich könnte noch andere prähistorische Kunstschätze ausgraben. Es gäbe noch bestimmt 5 oder 6. Es ist lustig: im Gymnasium hatten wir einen Lehrer, der uns gelegentlich vor Mädchen und vor der Liebe gewanrt hatte. Er schlug vor, dass wir keine "Schleiferei" ( so ungefähr die sinngemässe Übersetzung) anfangen sollten. Ich glaube, er wollte damit sagen, dass das alles sehr aufwendig und zeitlich teuer sei, und dass die Schule notgedrungen darunter leiden müsste. Und nebenbei meinte er einmal, wenn man sich ein Mädchen aussuche, solle man sich zuerst ihre Mutter anschauen. Das fand ich damals ziemlich befremdlich, um nicht zu sagen abwegig. Damals, mit meinen jungen Augen, hatte ich noch nicht allzuviele Gemeinsamkeiten mit Mutter und Tochter gesehen. Und irgendwie wollte man von den beiden ja auch etwas völlig anderes. Kurz und gut, ich war überzeugt, dass das nicht allzuviel bringen würde. Vielleicht wusste ich nicht mal so genau, was er denn damit meinte. Vielleicht wollte er uns damit einen Schrecken einjagen?? Heute denke ich, sein Tipp war gar nicht schlecht. Einfach und praktisch und nicht ohne Lebenserfahrung. Er selbst war mit der Tochter eines bekannten Politikers und einflussreichen Walliser Familie verheiratet. Seine Ehe blieb aber kinderlos. Und nebenbei - so hatte ich damals bemerkt - hatte er mich ein bisschen ins Herz geschlossen. Er war jener Lehrer, der mich als Redner bei der Chrasosthomos-Feier ausgewählt hatte. Du erinnerst Dich?
Kurz und gut, wir wurden in Sachen Freundschaften an kurzen Leinen gehalten. Man bemerkte zwar da und dort, dass die Mädchen mit schmachtenden Augen zu uns Jungen herüberschauten. Und wir genossen diese Momente und den Abgang im Gaumen zweifellos sehr. Aber es passierte dabei vieles ohne Worte, vielleicht sogar ohne Bewusstsein. Für die Schlussfeier des Offiziersballs wollte ich - beispielsweise - ein Mädchen einladen, von dem sich dann herausstellte, dass sie schon fest befreundet war. Kannst Du Dir ein solch unbedarftes Verhalten meinerseits vorstellen. Ich hatte sie praktisch ins Blaue hinaus eingeladen, ohne sie direkt zu kennen (ich wollte sie eben dabei kennenlernen). Und sie schreibt bedauernd zurück, dass sie einen festen Freund habe. Das Unternehmen hat sich allerdings trotzdem rentiert. Sie schickte mir ein dickes Fresspäcklein mit vielen Süssigkeiten. Und heute noch - so höre ich von meinem Bruder - äussert sie sich in schönen und lobenden Worten über mich, obwohl - wie gesagt - auch sie mich überhaupt nicht kennen konnte. Aber so war das eben im Wallis. Man kannte sich nicht, und dennoch kannte man sich: vom Sehen, vom Hörensagen, in stillen Momenten der Bewunderung.
Ach, es kommen mir soviele Gesichter in den Sinn, die damals in meinem Geist herumgeschwirrt waren. Doch ich wollte etwas anderes sagen. Die Diskrepanz zwischen Tochter und Mutter zeigt doch eigentlich, wie, wie sehr die Tochter alle Möglichkeiten in sich trägt und mit aller jugendlichen Schönheit zeigt. Ihre körperliche Erscheinung scheint sich noch nicht entschieden zu haben. Sie ist noch makellos. Und man denkt als junger Mensch, dass sich das bewahren wird, dass sie sich auch in Zukunft zur Schönheit entscheiden wird. Und nichts deutet darauf hin, dass sie sich unbedingt auf die Statur der Mutter mit all ihren menschlichen Unzulänglichkeiten hin bewegen wird. Die Tochter ist vielmehr ein Gegenbild der Mutter: im Denken, in der physischen Erscheinung, in ihren Lebensabsichten. Nein, man kann mit etwa 12 Jahren den Tipp dieses Lehrers schwer verstehen.
Den Tipp, mir eine CD-Liste mit nach Prag zu nehmen, will ich nicht vergessen. Ich sollte wohl auch meine Töchter fragen und ihnen etwas heimbringen. Ich selbst bin ja doch in musikalischen Dingen ziemlich anspruchslos. Das hast Du ja schon bemerkt. Es ist schade, ich weiss es, aber es ist nun mal so. Es ist deshalb schade, weil man Musik wie eine Droge benutzen könnte, wie das die Jungen ja heutzutage tun. Ich glaube, es ist eine gute Möglichkeit, die Gefühle etwas zu steuern.
*
Jetzt ist schon spät. Ich muss mich beeilen. Heute habe ich einen vollen Tag. Ich kann dir das alles gar nicht schildern. Es wäre ein weiterer Tag.
Mit lieben Grüssen
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