Montag, 28. Oktober 2013
Nochmals
den 20 november 14:17
Re: ...
Liebe Marlena
Ja, eigentlich hast Du schon recht. Hier über Hotmail zu schreiben ist besser als über die Arbeitsadresse. Aber es ist richtig, hier ist sicherer. Ich hatte bloss gedacht, weil ich immer soviel Zeit verliere, um ins Hotmail zu gehen. Und am Wochenende geht es manchmal so langsam, ungefähr so schnell, wie die Gletscher wandern.
Jetzt sitze ich in der Klause hier und versuche, mich eine halbe Stunde auszuruhen. Ich sehe hinüber in den Coiffeursalon. Die Scheiben sind zwar etwas getönt, aber dennoch kann man ungefähr sehen, was es werden soll. Waschen, Föhnen, Kämmen, Sprayen und so fort. Es ist erstaunlich, dass Frauen in diesem kleinen Städtchen so zum Coiffeur gehen. Ich hatte gedacht, das tun sie nur in der Stadt.
Gestern war ich auch hier. Aber gestern war nebelig, und die Leute, die ich erwartet hatten, kamen eine Stunde zu spät. Nicht dass mich das störte. Meistens liebe ich eine Stunde, die ich unerwartet geschenkt bekomme. Das Problem ist bloss, dass sie mir später fehlt. Und wirklich war die Zeit dann ziemlich knapp bis Mittag.
Heute morgen war ich in einer Französisch Lektion. Das war sehr angenehm. ...
Ich erinnerte mich an unsere Madame Leconte. Sie war die Französischlehrerin, und an einem grossen Tisch im Handarbeitszimmer versuchte sie, uns diese schöne Sprache beizubringen. Aber sie war viel zu geduldig und viel zu nachgiebig. Wir lernten kaum die Wörter. Ich wusste gar nicht, dass man sie eigentlich lernen sollte. Ich erinnere mich, wie sie das Vocabulaire abfragte und wir wussten nur eine Minderheit der Wörter. Aber ich glaube wirklich, dass das Problem darin lag, dass niemand darauf bestand, dass wir die Wörter lernen sollten. So verpasste ich den grössten Teil dieses Sprachunterrichtes. Und als ich dann ins Gymnasium kam, fing alles nochmals vorne an. Die Madame Leconte war eine ledige Dame. Sie lebte mit ihrem Bruder zusammen in einem schönen alten Haus in Visp, das es - so glaube ich - heute nicht mehr gibt. Sie wirkte sehr französisch, trug ihr Jäckchen häufig über die Schultern gelegt, so dass es irgendwie etwas halbherzig und schief herunterhing. Und stets spielte sie mit ihrer Brille. Sie hatte etwas echt Damenhaftes, stellte auch schon damals den Kragen ihrer Bluse etwas hoch. Das sah gut aus. Und ihr Bruder gab Tennislektionen in wunderschönen weissen Hosen. Es war ein Stoff, der gut herunterhing, irgendwie elegant, und mit einem leichten Gelbton. Sonst spielte in Visp jedermann in kurzen Hosen. Nur noch mein Latein-Professor spielte in langen Hosen. Er war Geistlicher, katholischer Pfarrer, um genau zu sein, und seine Hosen waren nicht halb so elegant wie jene Lecontes. Von der Farbe her nicht und nicht von der Art, wie sie von den Beinen hingen. Lecontes waren die besten Tennishosen, die man weit und breit finden konnte. Und ich war mir sicher, dass er sie nicht in Visp, sondern vielleicht in Lausanne oder in Genf gekauft hatte. Beide, als Geschwisterpaar Leconte, wirkten sie irgndwie schick, gepflegt, aus gutem Hause. Daran kann ich mich sehr gut erinnern. Nur war mir das damals total egal. Aus gutem oder aus einfachem Haus, die Madame Leconte war ein bisschen zu weich, um mir das Französisch beizubringen. Und meine bellesoeur hatte darunter zu leiden! Aber der Leconte gab nicht viele Tennisstunden. Und eigentlich wusste auch niemand, ob und wie er wirklich Tennis spielen konnte. Keiner hatte ihn je spielen sehen. Und nur den Schülern und noch mehr den Schülerinnen mit elegantem Schwung die Bälle zuzuspielen, damit sie - ungeschicht wie sie noch waren - sie dann in alle Himmelsrichtungen schlagen konnten, das bewies nicht wirklich, dass er spielen konnte. Einige glaubten sogar, er wäre ein Hochstapler. Er stand so elegant auf dem roten Sand und zog so harmonisch sein Racket durch die Luft, dass ihm manche nicht glauben wollten, dass er ein echter Tennisspieler sei. Ich muss zugeben, dass ich auch den Eindruck hatte, er sei mehr Bluffer als ein Tennisass. Aber man kann sich immer auch täuschen im Leben.
Du siehst, welche Art Gedanken man sich macht als Schüler. Auf jeden Fall haben wir damals die Erwachsenen ziemlich genau angeschaut. Und irgendwo ist es im Gedächtnis geblieben. Ich glaube das selbst nicht. Ich hätte nicht gewusst, dass die Leconte Geschwister noch irgendwie in meinem Kopf wären. Und doch sind sie nocht da und steigen ziemlich lebendig wieder hoch.
Ich wünsche Dir noch einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
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