Freitag, 11. Oktober 2013
Re: Nicht so einfach
den 24 oktober 13:27
Re: Winter...ahoi
Liebe Marlena
Du sprichst über den Menschen wie eine schwedische Katholikin. Das ist auch gut so, das mag ich an Dir. Das gibt mir die wunderschöne Gelegenheit, Dir den Darwinismus aufzureden. Ich muss zugeben, dass wir an unserer schönen Mittelschule nie etwas über den Darwinismus gehört haben. Das war ein Tabu. Und deshalb habe ich das Thema in den letzten Jahren für mich wiederentdeckt. Es gibt auch ein paar gute Jugendbücher, die darüber informieren. Und es ist irgendwie so wunderbar schwindelerregend, wenn man sich das alles denkt, so wie wenn man vor einem tiefen Abgrund steht und hinunterguckt. Es ist alles bodenlos, und ich glaube, Nietzsche hat das immer wieder versucht zu sagen. Der Boden ist nur scheinbar solide und stabil. In Wirklichkeit sollten wir uns eher als auf einem Dampfkessel schwebend vorstellen. Wenn das Feuer ausgeht, stürzen wir in die Tiefe.
Aber Du hast recht. Diskussionen über die Frage, was der Mensch sei, sind auch ein bisschen bodenlos und schwebend. Sie sind gut bei einer Flasche Rotwein nach Mitternacht, wenn all die Tagespflichten getan oder vergessen sind.
Als B. vor der Konfirmation stand, ist ihr Pfarrer bei uns zu Besuch gewesen. S. wollte nicht mit ihm herumplaudern, nachdem sie schon vor B's Taufe gegenüber dem damaligen Pfarrer behauptet hatte, Islam und Christentum seien doch praktisch das gleiche, Christus sei im Koran ein Prophet. Was sollte man mehr wollen? Dieses mal also sass ich mit ihm in unserer Stube und wir übten uns im christlichen Small Talk. Ich erzählte ihm, dass ich sowohl reformiert wie praktisch katholisch und faktisch auch noch moslemisch sei. Es schien mir, er schmunzelte ein bisschen, als ich beifügte, die Wahl sei nicht mein Problem, die Wahl würde ich den drei Göttern überlassen. Sie sollten sich zusammenraufen und entscheiden, wer der Boss sei. Aber nach dem Schmunzeln war er doch ziemlich sprachlos und verliess mich nicht viel später, indem er sich mit weiteren Pflichten entschuldigte.
Ich glaube, diese Fragen sind wirklich gut bei Rotwein, aber sie sind nicht so, dass man darin weiterkommen würde. Es ist, wie wenn man sich in einem Sumpf ein bisschen drehte. Man ist dennoch rundum im Sumpf und nichts wird klarer. Aber es ist auch gut, dieser warme Sumpf. Er gibt uns doch irgendwie ein Gefühl der Geborgenheit.
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Ja, ich bin wirklich ein bisschen verlegen über Deine Komplimente und Deine Begeisterungsstürme. Und natürlich wäre es wundervoll, sie in RL mit beiden Händen auffangen und fassen zu können. Aber was die Einmaligkeit betrifft, so bin ich leider nicht wirklich allein. Wenn jeder einmalig ist, kann nicht einer einmaliger sein als der andere. Streng logisch genommen, oder etwa nicht?
Wenn Du das so sagst, dann erinnere ich mich, dass jedes Mal, wenn ich irgendwo einen Artikel geschrieben hatte, mich ein paar Leute darauf angesprochen und dabei ermuntert haben, mehr zu schreiben. Es waren manchmal ziemlich bedeutende Leute darunter, und ich war momentan auch wirklich ein bisschen stolz. Eine Weile hat diese Begeisterung der anderen vielleicht angehalten, und dann, mit der Zeit, habe ich sie wieder vergessen. Und wenn ich jetzt etwas schreiben will, brauche ich gewöhnlich viel Überwindung und viel Anstrengung, bis es (Gedanken, Formulierungen, Zusammenhänge, Pointen etc.) überhaupt hervorkommt. Es ist eher eine Qual, bis ein Text dann soweit ist, dass ich ihn verschicken kann. Es ist wie - ich will nicht sagen Schwangerschaft mit Geburt - es ist vielleicht schon eher wie eine Blinddarmreizung mit Operation.
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Hier ist es auch irgendwie winterlich geworden. Der Schnee liegt auf den Wäldern in der Höhe. Bei uns im Städtchen ist es zwar mehr oder weniger trocken, aber eben bedeckt und trüb. Wahrscheinlich lutschen die Tauben oben auf dem Dach Hustenbonbons oder sie reichen sich die Schnapsflasche rundum? Es wäre jetzt wirklich am allerschönsten zuhause hinter dem Ofen, bei einer guten Geschichte. Ich war heute morgen krank, dh. ich bin liegen geblieben, weil ich so sehr gehustet und gefiebert habe. Doch heute Nachmittag ist eine wichtige Spar-Sitzung, die ich nicht davonschwimmen lassen kann. Ich werde mich da durchquälen müssen. Und ab und zu werde ich über den grossen Tisch hinweg dem neuen Chef entgegen niesen (hat nur ein s, obwohl man Doppel-S annehmen würde!!), dass ihm die Ohren flattern. Ich werde echt mit Viren und Bazillen um mich schmeissen, so dass es epidemisch werden könnte.
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Gestern war ich kurz bei Walter am Weekly. Ich dachte, ich könne ihn nicht nochmals sitzen lassen, nachdem ich schon die letzte Woche verschlafen habe. Aber es war wirklich kurz, eine gute Stunden sassen wir in seiner Bibliothek und diskutierten die türkische Kultur. Habe ich Dir schon erzählt, wie begeistert ich von den Türken bin. Sie sind wirklich tüchtig, wohlerzogen, speditiv, praktisch und haben Charme. Echt toll! In NY war eine Türkin im Kurs, die in NY lebt. Auch sie hat mir echt imponiert, eine hübsche Frau, gut gekleidet mit wunderbar balancierten Umgangsformen. Fast schon wie eine Perserin. Aber - wie sie mir erzählt hat - ist oder war ihr Vater Chirurg. Sie kommt also von einer gutsituierten Familie. Und ich hätte nie gedacht, dass mich auch die einfachen Leute in der Türkei beeindrucken würden. Aber sie haben mich wirklich. Und nicht nur die Frauen, sehr wohl auch die Männer. Ich glaube, ich muss mal Instabul besuchen. Das scheint eine wundervolle Stadt zu sein. Und weisst Du was, sie passen zu den Deutschen, die Türken. Sie passen wundervoll zusammen. Beide sind pflichtbewusst, exakt. Die Deutschen sind gleichzeitig etwas nüchtern und kühl, manchmal protzig. Die Türken sind fein, elastisch und können sich gut einschmeicheln. Aber das Grundgerüst ist ziemlich ähnlich, wie mir scheint.
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Am Sonntag feiert meine Schwägerin aus Paris ihren Geburtstag. Sie war ganz gerührt, als S sie angerufen und zum Essen eingeladen hat. Wir werden das in Basel machen. Auch A und B wollen dabei sein. Und leider müssen wir für Onkelchen eine andere Lösung finden. Im Moment fahren wir immer Sonntag-Mittag. Er mag das Essen lieber am Mittag als am Abend. Ich habe den Auftrag, für sie ein Buch zu finden. Das ist nicht leicht, sie liest wahrscheinlich nur in Französisch. Auch mein Bruder hat bald Geburtstag. Für ihn habe ich ein Buch: Architektur, Rossi, um genau zu sein. Ich glaube, das war einer seiner Professoren in Zürich an der ETH.
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Und so mache ich mich langsam dran, mich auf die Sitzung vorzubereiten. Während andere ihre Aktenmappen füllen, fülle ich meine Hosensäcke. Mit Papiernastücher natürlich.
Mit lieben Grüssen ..
a propos: Deine Schläfen-Küsse lassen mich wirklich alt ausschauen, schon fast ein bisschen tatterig. Du weisst doch, was tatterig ist? Kleine Schritte, wackeliger Gang, zitterige Hand, Spuke, die aus den Mundecken quellt, kleiner Tropf an der Nasenspitze ... na ja, und so weiter. Eben tatterig!
und echten saftigen Küssen
...
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