Samstag, 12. Oktober 2013

Zeitverschiebung

den 27 oktober 07:57
Re: momo


Liebe Marlena

Heute, Montag Morgen, ist es echt kalt. Und immer noch stockdunkel, obwohl wir ja doch eine Stunde später sind. Es ist ein merkwürdiges Ding, diese Zeitverschiebung. Als ob man bei unserer Schöpfung zwischen einer schmalen Lücke der luftigen und verhüllenden Vorhänge hindurch auf die Konstruktion dieser Welt und des ganzen Alls sehen könnte. Und man ahnt, wie diese Verschleierungen durch Menschenhand genügen, um damit zu leben. Denn alles hintendran ist im Grunde genommen ohne Bedeutung. Bedeutung machen die Vorhänge. Es ist wie mit der Geschichte des Menschen. Der Ablauf der Zeit, die Vorgänge und Ereignisse und Folgen von Dingen haben in sich keine Bedeutung. Erst wir Menschen schreiben das alles als Geschichte, spüren darin Untergeschichten und ihren weitverzweigten Bedeutungen nach. Und die sogenannte Metageschichte ist bei uns die christliche Offenbarung, die Geschichte nämlich vom Anfang der Welt bis zum jüngsten Tag. Das alles macht den Anschein, das es vorwärts geht. Aber das ist wohl mehr in unseren Köpfen. In Wirklichkeit dreht sich das Ding doch eher im Kreis, in den wieder und wiederkehrenden Zyklen der Jahre, der Jahreszeiten und Mondphasen, der Tagesabläufe und so weiter. Nietzsche hat ja doch von dieser "ewigen Wiederkehr .." immer wieder gesprochen. Und er hat daraus sogar moralische Implikationen abgeleitet. Eine gute und originelle Ergänzung zu Kants kathegorischem Imperativ! Kant sagt: Handle so, dass das Prinzip Deiner Handlung Grundlage einer Allgemeinen Gesetzgebung sein könnte. Oder einfacher gesagt: Tue keinem, was du nicht willst, dass es dir angetan würde. Und Nietzsche. Er meint sinngemäss: Handle so, dass Du in deiner ewigen Wiederkehr immer wieder so handeln würdest. Handle also nach Prinzipien, die in deiner ewigen Wiederkehr immer Bestand haben würden.

Ach, das klingt alles etwas sehr moralisch am Montag Morgen. Schrecklich!

Gestern hatten wir ein feines Essen im Teufelhof mit meinem Bruder und seiner Frau. Das ist ein ziemlich originelles Restaurant in der Altstadt Basels, eigentlich ein Kulturzentrum mit Theater und im Sommer mit einem hübschen Hof, wo man draussen sitzen kann. Sie hatten einen exquisiten Wein. Und das Essen war schön präsentiert und fein. War eigentlich alles perfekt und prima, eine angenehme Atmosphäre. Sie haben das sehr geschätzt und genossen. Die Schwägerin reist in nächster Zeit nach Paris. Dort lebt immer noch ihre Mutter, und sie besucht sie dort regelmässig. Mit dem TGV ist es gar nicht zu lange. Ich glaube, in 3 oder 4 Stunden ist man schon in der Seine-Stadt.

Und wir sitzen hier im herbstlich kühlen L und kämpfen uns voran, mindestens voran im Jahr.

Ich wünsche Dir eine gute Woche.

Mit lieben Grüssen
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