Sonntag, 20. Oktober 2013

Mail vom Sonntag Abend (08:19)


den 10 november  08:19
 Mail vom Sonntag Abend


Liebe Marlena

An diesem herbstlichen Abend bekommt Du ein zusätzliches Mail. Ich bin ein bisschen in Schreiberlaune und sehe immer noch Dein Bild vor dem abendroten Rathaus. Weshalb eigentlich gerade vor dem Rathaus, und nicht vor der Katharinenkirche, oder dem Theater? Rathaus hat ein bisschen altmodisch und politisch. Aber das ist bestimmt ein Zufall! Wichtiger ist doch der feuerrote Himmel und der leidenschaftliche Wind, der Dir die Haare zerzaust. Du siehst ein bisschen herb aus auf dem Bild. Und das wirkt sehr gut. Das ist, wie gesagt, bittersüsse Schokolade. Davon kann man bekanntlich mehr schlecken als bloss von der Süssen, die einem bald bis zu den Ohren steht.

Gestern abend habe ich im Fernseher einen Film angeschaut. Es ist bestimmt Jahre her, seit ich einen Fernsehfilm von Anfang bis Ende gesehen habe. Es war ‚Dolce Vita’ von Fellini. Und ich habe mir Anita Ekberg ganz genau vorgenommen und studiert. Der Film selbst hat mir nicht sonderlich imponiert. Der erste Teil ist eine Hymne an die Blonde Ekberg, so wie alle Italiener, wenn sie eine Blonde sehen, nach der bionda schmachten. Und die zweite Hälfte war ein barockes Durcheinander von verschiedenen Szenen, inklusive dasjenige einer lauten Marienerscheinung. Ach die Italiener! Ich glaube, wir sind weit weg von diesen 60iger und 70iger Jahren, als das alles noch plausibel und verständlich erschien.

Es ist merkwürdig, einen solchen Film anzuschauen. Wenn man sich zurückversetzt in jene Zeit, kann man sich einfühlen in das damalige Jugendalter. Und diese Szene am Trevi Brunnen, wo die Anita ins Wasser geht, gefällt einem im Jugendalter auf Anhieb, ohne dass man weiter nach Gründen in der Geschichte fragt. Es ist einfach plausibel und schön und allein ihr schöner Busen genügt als Begründung. Aber heute, in meinem Alter, frage ich mich, was denn das alles soll? Was will sie im Brunnen? Und was will Marcello Mastroiani dort? Und plötzlich stellt das Wasser ab und man denkt, es ist vielleicht 02.00h in der Früh und es ist Zeit für Sex! Aber es kommt ein Schnitt und der Lärm beginnt von Neuem. Ausgenommen des aesthetischen Effektes einer gut gebauten Frau und eines heissen Italieners (der ehrlich gesagt ziemlich jünglingshaft erscheint) bleibt eigentlich nicht viel übrig. Wir waren damals mit ziemlich wenig zufrieden, wie mir scheint.

Irgendwie bin ich in Stimmung, Dir Liebeserklärungen und heisse Schwüre zu machen, dass Dich die Wirkung glattweg umlegen könnte. Das will ich nun doch lieber bleiben lassen, nicht wahr?

Mit lieben Grüssen und Grüsschen
...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen