Samstag, 14. Juni 2014
Patres
Ämne: Jesuiten, oder..?
Lieber ...,
Heute ist vielleicht der letzte Tag, an dem ich dir ganz ungestört ein längeres Mail senden kann. Ich hätte anderes zu tun, aber ich nehme mir das Recht zu prioritieren - das ist ja das beste mit dieser Zeit. Nichts ist vorgeschrieben, man muss nicht das eine oder andere zu einem bestimmten Zeitpunkt tun.
Du hast gesagt, Du wirst mir später über das Thema Jesuiten schreiben. Ja, ich glaube sie sind es Wert. Sicher haben sie auch in deinem Leben Spuren hinterlassen oder zumindest hast du einige in guter Erinnerung, genau so wie ich.
Vielleicht sollte ich da mit einem Witz beginnen. Ich zögere ein wenig, denn ich habe ihn halb vergessen. Aber so ungefähr geht er:
In einem Zugabteil sitzen drei Priester. Ein Dominikaner, ein (?) und ein Jesuit. Plötzlich erlischt das Licht und es wird ganz dunkel. Der Dominikaner beginnt mit einer Betrachtung über die Dunkelheit, der (?) macht etwas ähnliches und der Jesuit nimmt eine Glühbirne und schraubt sie ein.
So ungefähr kommen sie mir vor, die Jesuiten. Sie sind intelligent und realistisch. ...
Meine frühesten Erinnerungen an Jesuiten gehen bis zu meiner Kindheit zurück. Als Katholik brauchte ich nicht an dem Religionsunterricht der Schule teilzunehmen. Statt dessen fand in meinen Elternhaus jede Woche ein solcher katholischer Unterricht statt. Wir waren wohl so rund 10 Kinder, vielleicht etwas weniger, die sich da immer einfanden. Der Unterricht wurde von verschiedenen Personen erteilt. Manchmal kamen Nonnen. Das hassten wir. Wir wollten nicht so "bemerkt" werden von den anderen Kindern. Aber meistens kam Pater Krabbe SJ. Er war ein gut aussehender charmanter Mann der es wirklich verstand uns Kinder zu begeistern. Eine zeitlang beendete er immer seinen Unterricht mit einer spannenden Abenteurgeschichte, jedes Mal eine Fortsetzung.. Und während dieser Zeit kamen sogar protestantische Kinder aus der Nachbarschaft um dies zu hören.
Später kam dann eine zeitlang Pater Köster. Er war ein dünner kleiner grauhaariger Mann, der mir irgendwie weltfremd vorkam. Man hatte immer den Eindruck dass ihm die alltäglichen Dinge nicht richtig vertraut waren. Es war übrigens er, der damals meine erste Beichte hörte mit den 65 Sünden die ich gewissenhaft auf einer Liste niedergeschrieben hatte. Ich gäbe was drum seine Miene sehen zu können, als er mir zuhörte. :-)
Fast zehn Jahre später, als ich in Uppsala studierte, sah ich ihn wieder. Die Katholiken hatten nur eine kleine Kapelle dort im Erdgeschoss eines Wohnhauses ganz im Zentrum. Im Treppenhaus wohnten die Patres (3 oder 4 Jesuiten) und ein paar Nonnen, die ihnen den Haushalt führten. Einer dieser Patres war Pater Roth, der erste schwedische Jesuit nach der Reformation. Er stammte aus einer bekannten Familie und sein Vater war Reichsbankchef gewesen (sein Namen stand auf den Geldscheinen ;-)
Er war ein grosser Charmeur, hatte ein offenes frohes Wesen und ein herrliches ansteckendes Lachen. Später wurde er Chef der Vatikanradiosendungen in Rom. Aber damals gehörte er uns. Wir Studenten bewunderten ihn. Und Sonntag abends nahm er oft an unseren Open House Treffen Teil und ich erinnere mich wie wir diskutierten, wobei es mir grossen Spass machte das eine oder andere in Frage zu stellen. Manchmal taten mir die armen Konvertiten etwas leid dabei. Sie hatten doch gerade die Wahrheit gefunden und jetzt mussten sie sich so was anhören. Z.B warum gerade Katholik sein? Kommen Nicht-Christen auch in den Himmel? Ich erinnere mich dass Pater Rooth meinte: Wenn man ein Verbot nicht kennt dann sündigt man nicht wenn man dagegen verstösst. Und ich antwortete, dass die Kirche damit viele Sünder schuf indem sie ihnen Verbote auflegte. Es wäre doch besser die Menschen wüssten nicht was sie nicht dürfen u.s.w. Jedenfalls hatte ich immer den Eindruck dass er mich sehr mochte obwohl ich so war wie ich war.. ;-) ---
Und nun zu Pater Köster SJ. Dieser kleine, wie es uns schien, unbedeutende Mann, der damals von uns Kindern fast ein wenig geringschätzt wurde, traf ab und zu in Uppsala ein um die Sonntagsmesse zu halten.. Ich sehe ihn noch vor mir am Altar während er predigte. Ich sehe ihn seine Hände ringen und ich höre seine Stimme. Und aus diesem kleinen alten Körper kommen Worte die alle in seinen Bann ziehen. Er ist nicht ein Mann der irgendetwas unbegreifliches verkündet, der Wahrheit mit Poesi ersetzt. Er ist Naturwissenschaftler und Philosoph zugleich. Er ist exaltiert, er vergisst zu atmen und auch wir halten den Atem an. Seine Stimme steigert sich mit jedem Satz um dann plötzlich ganz still und sanft zu enden. Und was er sagt während er da steht, ist so interessant, dass es die "Grossen" anzieht. Die Professoren der Uni, die Philosophen, die leitenden Persönlichkeiten unserer Gesellschaft. Sie kommen in diese kleine Kapelle, wenn Pater Köster predigt. Einige von ihnen sind bekannte Atheisten und auch sie kommen um ihn zu hören. Auch Gunnel Wallquist kommt. Sie ist Mitglied der Schwedischen Akademie. Nun ja, sie ist Katholikin und geht natürlich in die Messe. Aber sie kommt von Stockholm nach Uppsala um ihn zu hören. Sie ist übrigens sie, die Prousts "À la recherche du temps perdu" ins schwedische übersetzt hat. Ich glaube sie brauchte 30 Jahre dazu. ;-)
Und später als ich in Göteborg auf die Lehrerhochschule ging, traf ich ihn zum letzten Mal. Ich musste mir eine Wohnung für ein halbes Jahr besorgen und rief ihn an, um zu fragen ob er jemanden kennen würde, der ein Zimmer zu vermieten hätte. Und er bot mir an seine elegante Vierzimmerwohnung im Zentrum der Stadt zu disponieren während er (gerade zu dieser Zeit) in der Welt herumreiste und Vorträge hielt. Zwei Wochen musste ich zuerst woanders wohnen. Bei Freunden meiner Eltern die in einem Hochhaus mit Aussicht über den Hafen wohnten. Durch sie lernte ich ein wenig das genuine Leben eines echten Göteborgers kennen.
Es ist komisch, ..., wenn du nicht wärest hätte ich nie gewusst wie alle diese alten Erinnerungen noch in mir weiterleben. Dir ein Mail zu schreiben ist wirklich wie "auf der Couch liegen".
Viele Jahre später einmal als ich vor einer wichtigen Wegwahl stand, als mein Verstand versuchte alle meine Gefühle zu verdrängen, musste ich an ihn denken. Vielleicht tat ich es weil ich eine schöne Ansichtskarte von ihm erhalten hatte aus Rom. Ich weiss jetzt dass mein Leben sehr anders ausgesehen hätte, wenn ich ihn damals erreicht hätte. Er hätte mir geholfen den richtigen Entschluss zu fassen.. Aber er war verreist..
*
Und nun schicke ich dir dieses Epistel. Es sollte von Jesuiten handeln.. :-)
Vielleicht tut es das auch, aber nicht so wie ich es ursprünglich wollte. Man kann nicht im Vorhinein bestimmen was man auf der Couch sagen wird..
Wünsche dir einen schönen Tag
Marlena
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Liebe Malou,
AntwortenLöschenein feiner Einblick, einer, den man gern in die besondere Schublade der Erinnerungen steckt, um sie so ab und an,
um sich rückzubesinnen, in die Hand nimmt und liest...
Danke für den wundervollen Einblick
einen feinen Sonntag
wünsch ich dir von Herzen!!!