Samstag, 21. Juni 2014
Midsommartag
Ämne: Samstag
Juni 2004
Lieber ...,
Heute ist der Midsommartag, ein roter Tag im Kalender. Und in der Nacht zwischen gestern und heute feiert man überall auf traditionelle Art. Leider wird auch sehr viel getrunken und hier im Nachbarort haben jugendliche einen 17-jährigen erschlagen. Es ist schrecklich!
Wir wollten wie gewöhnlich so um drei Uhr zum Freilichtsmuseum gehen um dort Kaffee zu trinken und eine Stunde später unsere Vokstänzer zu sehen. Ein wenig fühlt man sich fast verpflichtet das zu tun, weil unsere befreundeten Nachbarn dort mittanzen. Aber als wir losfahren wollten kam ein richtiger Wolkenbruch und es goss wie aus Eimern. So sind wir erst losgefahren als der Regen aufgehört hatte und haben uns zu den wenigen gesellt, die nicht vor dem Regen geflohen waren. Meist alte Pensionisten aber auch Leute, die sozusagen die Träger der Kultur hier sind. Ein paar Politiker, Akademiker u.s.w. nicht zu vergessen die Einwanderer, die neugierig sind auf die Traditionen ihrer neuen Heimat. Auf die kann man immer rechnen.
Am Abend haben wir natürlich, nach einem wunderbaren Essen, Fussball gesehen. Wirt haben den Griechen die Daumen gehalten. Ist das schlimm? Und heute Abend spielen die Schweden gegen die Holländer. Leider sind die Holländer bedeutend besser als unsere Mannschaft, aber wir werden natürlich wie richtige Patrioten den Schweden die Daumen halten.
K und F sind gerade ausgefahren. Nach A. runter glaube ich. Das Wetter ist auch heute ziemlich schlecht, obwohl sich der Himmel im Moment ein wenig aufhellt. Anna und ich werden jetzt gleich Prousts Madeleines backen. Anna lobt sie so sehr, dass ich mal probieren muss. Und die Geburtstagstorte nehmen wir wohl erst als Nachspeise heute Abend.
Ich liebe es Gäste im Haus zu haben und F und K haben unendlich viel zu besprechen. Es macht Spass ihnen dabei zuzuhören. Ich habe doch F schon damals in Uppsala kennen gelernt. Er wohnte im selben Studentenkorridor wie K. Das Haus wurde KP genannt. KP steht für Klosettpalast. Den Namen hat es bekommen, weil dort erstmals Toiletten mit Wasserspülung eingeführt wurden. Und bei der Einweihung hat man in allen Klos gespült. (Sagt man so?) Von Ks Fenster aus sah man hinunter auf den Linnégarten. Sicher kennst du Carl von Linné, unseren grossen Botaniker. Ach weisst du, ich glaube ich habe dir das schon mal erzählt, aber das ist sicher lange her. Jedenfalls liegt das Haus direkt im Zentrum und ist jetzt in ein Hotel verwandelt. F hat mal dort übernachtet und sagt, dass man die Zimmer immer noch erkennen kann.
Du willst das Wallis besuchen? Muss schön sein für dich alle die alten Plätze wiederzusehen. Wann fährst du?
Du scheinst etwas müde zu sein. ... Aber ich weiss wie es ist, wenn die grosse Anspannung nachlässt.. Dann kommt die Müdigkeit, die man irgendwie zurückgehalten hat.
Ich habe einen wunderbaren Strauss hereingeholt mit allen Blumen, die ich im Garten finden konnte. Verschiedene Sorten von Rosen, Margueriten, sibirischer Mohn, duftende kleine Nelken, Leutnantsherzen u.a.m. Der Strauss schmückt unseren Esstisch und ersetzt den Maibaum, den wir sonst manchmal haben. Es ist wirklich die allerschönste Jahreszeit und sogar hier im Süden sind die Nächte hell.
So, nun werde ich mich in die Küche begeben. Anna wartet schon.
Ich grüsse dich lieb und wünsche dir ein schönes Wochenende.
Mit lieben Gs und Ks,
Malou
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