...
Ich wollte was anderes sagen. Ich hatte doch einen Satz von Dir in
Erinnerung. "Ach wie schön und sorglos das Leben damals war!" Die
Melancholie des Abschieds, der immer schon stattfindet, die mit diesem
Seufzer aufsteigt (ich hatte dort "Säufzer" geschrieben, entschuldige,
war falsch, kommt nicht von saufzen) ist das, was uns zur Kunst des
Lebens führt, zum savoir vivre. Ohne das Bewusstsein der Kürze des Leben
kommt man nicht zur Überzeugung, das Leben intensivieren zu müssen.
Unser biologisches Leben ist so kurz, freilich mit den ca. 80 Jahren
Lebenserwartung länger denn je, aber immer noch so kurz, dass man sich
überlegt, wie man mehr daraus machen kann. Es ist wie ein Acker, den man
nicht der Natur zu überlassen bereit ist, weil er dann einfach zu wenig
Früchte erbringen würde. Man fängt also an zu denken und kommt zur
agri-cultura. Und hier, bei unserem Leben, kommt man zur vita-cultura,
zur ars vivendi. Das Leben ist wie ein Kelim. All meine Träume und
meine Hoffnungen und meine Gefühle und meine Erkenntnisse muss ich
zwischen die beiden Enden stopfen, so dass es insgesamt eine sehr
intensive und farbenstarke Musterung ergibt. Und solche Musterungen
geometrischen Figuren, die wir auf den Teppichen und Kelims finden, sind
in ihrer Regelmässigkeit und Regelhaftigkeit Behauptungen zur Ewigkeit.
Gerade die Regelhaftigkeit weist über den Teppich hinaus, transzendiert
das kleine Stück geflochtenen Stoffes und verweist auf Höheres, eben
auf soetwas wie Ewigkeit. Da sind wir wieder bei unserem Platon
angelangt.
Die Kürze des Lebens legt uns nahe, dieses unser Leben in
die Hand zu nehmen und zu gestalten, es nicht der Natur oder
irgendwelchen äusseren Einflüssen zu überlassen, sondern selbstmächtig
selbst zu entscheiden. Das ist der Aufstand der Kultur gegen die Natur
in uns Menschen. Es geht darum, sich selbst zu stärken, sich zu
Gestalten, den Härtegrad des eigenen Selbst zu erhöhen, das relative
Gewicht zu verbessern, um in der Welt der Schmerzen, der Schicksale und
der Unruhe besser bestehen zu können. Das ist Seneca mit seiner Stoa.
(Es gibt ein gutes Buch über Seneca von einem Skandinavier, ist er ein
Däne? Er heisst Sörensen oder so, allerdings nicht wirklich mit einem
"ö" geschrieben, sondern irgendwie mit o und /. Ach was habt ihr dort im
Norden oben auch für Buchstaben!!!) Die Lebenskunst führt zur
Gelassenheit. Das ist offensichtlich ein Programm gerade für südliche
Menschen, die im eigenen Naturel wenig Gelassenheit haben, die
aufbrausen, die leicht kochen und explodieren und sich verausgaben. Das
ist eine Philosophie des Iberers Seneca, mit der südlichen Natur fertig
zu werden.
Erst wenn wir unser Ende im Geiste akzeptieren, können wir
unser Leben geniessen als ars vivendi. Erst die Begrenztheit, die etwas
durch und durch Menschliches ist, bringt uns die Lebenskunst. Ewig zu
leben bringt keine Kunst. Ewig zu leben ist die reine Monotonie,
unerträglich lange und langweilig. Das wäre Leben im Überfluss. Das
knappe Leben macht Leben wertvoll, bringt uns dazu, Leben zu veredeln,
noch mehr daraus zu machen, zu vertiefen,zu intensivieren, wo man nicht
extensivieren kann. Es ist doch erstaunlich, wie kranke Menschen, zB.
Aidskranke, oder alte Menschen, im Bewusstsein ihres Endes das Leben
geniessen können. Sie sind sehr wählerisch, sie sind sich ihrer sehr
bewusst, sie finden jeden gelebten Tag so köstlich und grossartig, wie
wir ihn normalen Lebenden niemals finden würden. Das Leben auf dem
Hintergrund des Nicht-Lebens zeigt das Juwel. Es ist diese alte Figur -
Grund Beziehung, die als Gesetz der Wahrnehmung immer wieder auftaucht.
Das lässt sich vielleicht auch dort sehen, wo man im Fernsehverhalten
die kannibalische Sucht der Menschen erkennt, sich am Unglück anderer
Menschen zu weiden. Sie bauen sich selbst am Unglück anderer Menschen
auf, am liebsten unbekannter Menschen. Das ist sozusagen die hintere
Seite des Darwinismus.
Liebe Marlena, das war jetzt vielleicht nicht
sonderlich klar geschrieben und gut überlegt und sehr verständlich. War
sozusagen Tagebuch pure, eigene Ideen skizziert, mehr für mich selbst
als für irgend jemanden anders geschrieben. Vielleicht werden meine
Gedanken damit klarer? Hoffentlich verwirren sie dich nicht allzu sehr!
Du bist ein feiner Mensch und ich möchte zu dir Sorge tragen, meine
Mausfreundin.
VITA BREVIS - ARS AETERNA, oder so ähnlich, heisst
es. Hast du für dein Studium auch Latein studieren müssen? Ich glaube
bei uns ist Latein Bedingung für ein Sprachstudium. Ich mag es gerne,
Latein. Es ist so altertümlich und weltfremd wie nur etwas. Es ist
geradezu eine platonische Sprache. Als ich meiner Tochter damals
vorgeschlagen hatte, in der Schule Latein zu wählen, hat sie gesagt,
"Latein, das ist wie Baden im Toten Meer". Und wie sie recht hat, meine
Tochter! Und trotzdem!
Schreib, wenn du Zeit findest, Marlena,
schreib. Aber vernachlässige deine Anna nicht. Hast du nicht ein Foto,
wo man dich mit Anna sieht? Ich weiss ich weiss, ich bin dir auch Fotos
schuldig. Aber momentan kann ich dir das nicht zuschicken mit meinem
kleinen Labtop. Im Sommer oder Herbst sollen wir im Büro neue PCs
bekommen mit Internet-Zugang. Vielleicht schaffe ich es dann. Wenn du
vorher was bekommen willst, musst du mir deine Postadresse geben. Dann
schick ich konventionell mit Flaschenpost.
Mit einem lieben Gruss
Mittwoch, 18. Juni 2014
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