Montag, 2. Juni 2014
Ach ach - (12 september 2001)
Ämne: ach ach
Datum: den 12 september 2001 11:20
Liebe Marlena
Ja, Du hast recht. Ich bin gestern abend frühzeitig vom Büro weg.
Ich hatte Auto und Koffer hierhin mitgenommen, so dass ich dann
gleich von der Arbeit zum Flughafen fahren könnte. Das habe ich
auch so gemacht, mit viel Zeitreserve, damit ich ja nicht in Zeitnot
käme. Im Zug habe ich noch einen Amerikaner aus Philadelphia
getroffen. Er hat mich gefragt, ob ich gehört hätte, was in Amerika
passiert sei. Ich wusste allerdings nicht viel. meine Sekretärin hatte
erzählt, dass ein Anschlag auf das World-Trade-Center geschehen
sei, aber sie sei während der Information am Radio durch ein Telefon
unterbrochen worden. So fuhr ich nichtsahnend hinaus zum Flughafen.
ich war so früh, dass ich meinen De Crecenzo hervor nahm, um mich
in der Lektüre zu vertiefen. Bald kamen Crista und Robert, der Zahnarzt.
Sie war käsebleich. Sie hatten kein Gepäck, das fiel mir sofort auf. Die
ersten Worte waren, dass sie nicht mitkommen würden. Ich dachte, etwas
Schreckliches wäre in ihrer Familie geschehen, ein Todesfall oder so.
Erst allmählich begriff ich, weshalb sie nicht reisen wollten. Sie hatten
sich schon mit den übrigen Teilnehmern abgesprochen. Und einzig mich
hatten sie telefonisch nicht mehr erreicht. Alle kamen, alle kamen ohne
Koffer. Nur V blieb zuhause. Sie war immer eine der änstlichsten
gewesen, schon wenn es um Kleiderfragen im Iran ging. So blieb mir
nur die Entscheidung, ob ich allein reisen sollte oder nicht. Und ich ent-
schied mich, auch nicht zu reisen.
Wir wollten sehen, wie sich die politische Situation entwickeln würde.
Das ganze hörte sich an wie Krieg. Und wenn die Perser, die ja mit den
palästinensischen Terroristen offenbar verfilzt sind, daran beteiligt wären,
dann würden wir dort in des Teufels Küche geraten. Ich für mich allein
wäre sehr wohl gereist. Aber meine Kameraden sind alle älter, im Pensions-
alter und haben natürlich ein grosses Sicherheitsbedürfnis.
Noch vom Flughafen habe ich A in Teheran erreicht und ihr die Situation
erklärt. Sie konnte es nicht glauben. S war gerade unterwegs. Sie hat
Früchte eingekauft und in die Hotelzimmer gebracht, damit die Gäste einen
schönen Empfang hätten. Später habe ich dann auch sie erreicht. Sie hat nicht
viel gesagt. Aber ich weiss, was sie gedacht hat. Sie denkt, was soll denn
diese Geschichte mit Teheran zu tun haben. In Teheran ist es absolut still
und normaler Alltag. Allerdings hatte sie erst in den Abendnachrichten von
den Ereignissen gehört.
Ich hatte Schlüssel und Auto im Büro gelassen, konnte also abends nicht mehr
heim, denn B war auch unterwegs. So habe ich bei R+C übernachtet.
Sie haben sich viel Mühe gegeben und wir haben ein einfaches Nachtessen
gehabt mit langen Diskussionen. Natürlich war auch ihr Eisschrank leer. Aber
es war gut, Brot, Fleisch und Käse mit einem Schluck roten Weines.
Und jetzt bin ich wieder im Büro, habe das Reisebüro informiert und gehe
bald heim.
Wie sagte Kästner: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.
Es ist schade, S hat sich soviel Mühe gegeben und alles perfekt
organisiert. Die Freunde sagen, wenn die Situation sicher ist, könnten wir
am Sonntag vielleicht abfliegen. Aber man denkt hier, dass vielleicht
Afghanistan von diesem Terrorkrieg betroffen sein wird, vielleicht auch Teheran.
Man weiss eben nicht viel Genaues. Allerdings wird es sonntags wohl kaum
mehr freie Plätze haben im Swissairflug nach Teheran. Es ist wirklich
jammerschade für all die Arbeit.
Das ist das Neueste. Ich werde mir jetzt ein paar Sachen zum Essen einkaufen.
Die letzten Kartoffeln und Zwiebeln hatte ich montags meinen Nachbarn gegeben.
Whatever will be will be.
Mit einem schönen Gruss
...
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