Sonntag, 18. Januar 2026

Katzen und F. Glauser




Liebe Malou
Du entdeckst hinter meiner Beobachtung der beiden Katzen meine Gedanken? Ich habe geschmunzelt bei dieser Bemerkung. Allerdings muss ich Dir erzählen, dass ich nicht alles geschrieben habe, was zu sehen war. Auf einmal, als die Katzen eine Weile so teilnahmlos dagesessen haben, ist die eine auf die andere zugegangen. Ich habe gedacht, sie würde nun schnuppern und ihrer Kollegin etwas positive Aufmerksamkeit schenken. Aber die andere hat völlig entnervt reagiert und hat versucht, ihr mit der Tatze eins runterzuwischen.
Kurz und gut, meine Beschreibung war nur zur Hälfte wahr. Der Rest war gänzlich anders. Ich hatte aber keine Zeit mehr, das alles in meine Beschreibung reinzunehmen. So habe ich es eben bei der Romanze bleiben lassen. In Wirklichkeit war es ein handfester Streit um Platzvorteile und um die Frage, wer denn wen in welcher Situation belästigen darf.
So siehst Du, meine Gedanken sind doch etwas komplexer, als Du annehmen willst.
Und dazu habe ich noch eine weitere Unklarheit. Im März kommen doch die jungen Katzen, und nicht die Serenaden? Bin ich falsch informiert über den Nachwuchs? Auf jeden Fall kommen die Jungen nicht gleichzeitig mit den Serenaden, soviel ist klar. Ich selbst habe in meinem Leben nicht oft karisierende Katzen gehört. Sie haben mich immer ein bisschen beunruhigt, denn sie klangen wie jammernde Kinder. Dieses Jammern hatte etwas Unheilvolles in seinem Klang, dachte ich immer. Aber Katzen, die streiten, habe ich sehr wohl gehört. Ich erinnere mich an Ferien in Italien, als die Katzen in der Nacht um den Eingang in die Hotelküche gestritten haben. Ich glaube, es war so, dass ein Teil der Küche im Freien eines Hinterhofes war. Und weil man dort wohl täglich Fische und andere geschmackvolle Frittures gemacht hat, sind die Katzen nachts ihrer Nase gefolgt und haben dort unten einen ordentlichen Krawall veranstaltet. Ich hatte mit meinem Bruder das Zimmer geteilt und wir hatten überlegt, was wir nun denn aus dem 2. oder vielleicht sogar 3. Stock hinunterwerfen könnten, um sie zu vertreiben. Aber, wenn ich mich recht erinnere, gab es in diesem Hotelzimmer überhaupt nichts Entbehrliches, was man so in nützlicher Weise hätte los werden können. Nichts, nicht mal eine zweite Seife war dort!!

Ja, habe ich gewusst, dass F. Glauser eine zeitlang in Liestal gelebt hat. Er kam von der Strafanstalt Witzwil im Kanton Bern hier zu einem Gärtner und beschreibt, wie er gleich am ersten Tag im Regen Himbeeren pflücken musste. Er war in der Tat ein armer und einsamer Typ, war sogar einige Zeit in der Fremdenlegion gewesen, obwohl man ihn früher einmal aus der Schweizer Armee ausgemustert hatte, weil er als Korporal nicht fähig war. Die Biographie, die ich lese, ist ziemlich detailliert und hält sich an all die Briefe, die Glauser geschrieben hat. Und auch in seinen Werken, gibt es Figuren die jenen der Realität nachgebildet sind. Auch solche Passagen zitiert der Autor der Biographie, um das Bild Glausers aus seinen Werken her noch zu beleuchten. Man kann so feststellen, dass gewisse Szenen und Vorgänge, die Glauser in den Romanen beschreibt, ziemlich genau so sich in seinem wirklichen Leben abgespielt hatten.
In seiner Liestaler Zeit beschreibt Glauser die Arbeit, seine gesundheitlichen Probleme und seine sonntäglichen Besuche in Basel. Er hatte dort einige Bekannte durchaus aus guter Gesellschaft, die er sonntags besuchte. Eine Frau muss er dabei geliebt haben: Beatrice Gutekunst. Es war bestimmt eine platonische Sache und es ist nicht klar, ob die Sympathien beidseits lagen. Auf jeden Fall hat Glauser diese Sache in seinen Briefen angedeutet und ein bisschen sentimental darauf hingewiesen, wie ergötzlich eine solche Beziehung sei. Na ja, er war sonst wirklich sehr allein und hat jede Nettigkeit in sich aufgesaugt. In Liestal hat er offenbar auch wieder in der Apotheke unten beim Amtshaus Heroin geklaut. Das war seine Spezialität und bestimmt einer der wichtigsten Gründe für sein ruheloses Leben ausserhalb bürgerlichen Rahmens. Sein Vater war eine hochgestellte Person, war Professor, Schulleiter und irgendwie Konsul in Mannheim. Er hat sich immer wieder um seinen Sohn Sorgen gemacht und gehofft, dass er sich bessern könne. Er hat ihn aber auch den Fürsorgebehörden der Schweiz ausgeliefert, weil er sah, dass ihm die Besserung nicht wirklich gelingen kann.

Aber irgendwie habe ich nicht wirklich Mitleid, mit dem armen Kerl. Ich merke, wie ich mich hinter dem klinischen Blick verschanze und überlege, weshalb Glauser immer wieder in dieselben Situationen gerät. Er war in dieser Hinsicht sehr unbelehrbar, während er doch andererseits feine Wahrnehmungen und Erkenntnisse machen konnte. Er erinnert mich an Hodler (weshalb eigentlich? Hodler war zu seiner Zeit bekannt und bestimmt nicht mehr ganz arm. Na ja, vielleicht waren sie ungefähr Zeitgenossen, und auch Hodler lebte einen guten Teil seines Lebens in der welschen Schweiz) Übrigens war Glauser an vielen Orten in der Schweiz, und wenn ich seine Biographie lese, erinnere ich mich an Städtchen und Dörfchen, wo ich einst gewesen war. Etwa Baumes im Berner Jura, wo wir im Militär oft waren. Dort war Glauser eine zeitlang auf einer Krankenstation. In der kantonalen Psychiatrischen Klinik Herisau war er zuletzt interniert und ist, so glaube ich, auch dort gestorben. Dort hatte ich eines meiner klinischen Praktika absolviert. Und an jene grosse Klinik denke ich heute noch gerne zurück, obwohl sie eine kantonale Insitution war, und diese alten Kliniken oft sehr düster und gefängnisartig wirken. Aber die Klinik Herisau lag ausserhalb des Ortes auf einem grünen Hügel mitten in einer wunderschönen Landschaft. Wir waren mehrere Praktikanten, Mädchen und Burschen, und wir hatten ein schönes Leben. Abends kochten wir gemeinsam Teigwaren und assen dann rund um einen tiefen Clubtisch, der mit tausend Dingen unordentlich und zigeunerhaft übersäht war. Eines Sonntag kam S zu Besuch, statt dass ich zurück nach Zürich fuhr. Ich erinnere mich, wie die Frau am Eingang mir Komplimente machte für meine elegante und hübsche Freundin. Wahrscheinlich hatte sie mich auch eher als Zigeuner angeschaut vorher. Und dann kam uns mein Onkel abholen, mit seinem überaus gepflegten Volvo, und wir hatten ein Wochenende am Bodensee.

Ach Du siehst, die alten Erinnerungen kommen. Ich muss sie abbrechen.
Mit lieben Gs und Ks




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