Liebe Marlena
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Ich habe gestern in Basel ein Büchlein einer russischen Schriftstellerin gefunden. Wenn ich ehrlich bin, so muss ich zugeben, dass ich zugegriffen habe, weil mir der Einband besonders gut gefallen hat. Es ist eine Romansicht von Corot. Romantisch also, die Ansicht über das Forum Romanum hinweg zu den barocken Kuppeln und warmroten Fassaden im Abendlicht.
Die Schriftstellerin heisst Viktorija Tokarewa und ist offenbar schon über 60 Jahre alt. Auf dem Umschlag hinten ist ein Foto zu sehen, etwas unscharf, aber doch nicht ohne Ausdruck. Sie hat grosse, schöne Augen und ein freundliches Lächeln. Wirkt sehr feminin, aber Du solltest jetzt nicht annehmen, ich hätte das Buch wegen dieses Teils des Umschlages genommen. Es war wirklich mehr wegen Corot und der Assoziation "Rom". Und in der FAZ wird offenbar über sie geschrieben "Die sinnliche Prosa der Tokarewa hat viel von den physiologischen Skizzen der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Die Verbindung zu Cechov wird sichtbar: in Ironie und Skepsis ebenso wie im Denkhorizont. Gute Aussichten für eine russische - und wieder europäische - Literatur nach dem sozialistischen Realismus". Ich kann Dir noch nicht genau erklären, wie sie die vier Geschichten inszeniert. Doch man fühlt sich unversehens mitten drin. Und sie findet wunderschöne und erfrischend originelle Vergleiche: "gegen Mittag legte sich Dämmerung auf die Erde wie frühes Alter", "Tamara war wie ein doppelter Heizkörper: breit, heiss und stickig wie eine überfüllte Strassenbahn im Sommer", "Tamara sprach über Menschen wie über Cocktails", "das ganze Leben eine nicht enden wollende Dienstreise", "das zum Klumpen geronnene Entsetzen".
Ach, alle drei Zeilen findet man solch kleine Bilder, und meist sind sie neu und gut, plastisch und entlarven sozusagen das Leben. Ich will Dir jetzt nicht die erste Geschichte nacherzählen. Aber ich war doch erstaunt, wie sehr sie mich fesseln konnte. Du siehst, meine Lektüren sind nicht sehr geplant. Sie sind abhängig von schönen Einbänden und Sonderangeboten im meinem Buchladen. Aber das hat immerhin den Vorteil, dass ich gelegentlich auf schöne Ueberraschungen treffe. Ich habe so schon etliche Schriftsteller kennengelernt, die ich als gross bezeichnen muss. Aber niemand in meiner Umgebung kennt sie. Sie sind sozusagen meine Geheimtipps. Geheimtipps, die ich aber niemandem weitergeben kann. Meine Umgebung zuhause oder im Büro liest nicht so viel. Und wenn, dann wollen sie wohl ihre Trouvaillen selber machen.
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(weiter morgen)

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