Dienstag, 26. April 2011

über meine Posen

date 31 March 2005 07:43
subject Re: ...


Liebe Malou
Hier ist das Wetter nun ziemlich mild geworden. Gestern hatte B.
Geburtstag. Aber unser Essen machen wir erst am Samstag. Sie hatte
keine Zeit, war mit ihrer Arbeit beschäftigt. Ich hatte ihr telefoniert
und meine Glückwünsche per Distanz geschickt. So beschäftigt sind
die jungen Leute heute schon. Na ja, manchmal denke ich, es ist
auch ein bisschen Pose.

Aber schliesslich haben wir damals auch von Posen gelebt. Ich weiss
noch, wie wichtig das richtige Jacket war. Ich hatte ein dunkelgrünes
Jacket, grober Stoff und hinten in der Mitte einen Schlitz. Der
Schlitz war total wichtig. Ohne Schlitz wäre das Jacket wertlos
gewesen. Nur mit einem solchen Schlitz konnte man sich auf der Strasse
zeigen.

Später durfte ich mir mal eine Skijacke kaufen. Du kannst dir
vorstellen, dass in einem Ort wie Visp, wo der Winter mindestens das
halbe Jahr besetzt, dass dort oben in den Bergen eine Winterjacke so
wichtig war wie ein gesundes Herz. Die Jacke habe ich heute noch
zuhause. Sie ist immer noch brauchbar und ganz passabel: bordeaurot,
lang, mit einem Gürtel und einer im Kragen eingerollte Kaputze. Dieser
Gürtel war damals der Clou. Während jahrelang ein solcher Gürtel
absolut out und altmodisch war, kam er damals plötzlich wieder in
Mode. Ausserdem konnte man die Jacke natürlich auch ohne Gürtel
anziehen, respektive den Gürtel einfach nicht spannen und binden. Ich
erinnere mich ziemlich genau an die Zeit, als ich die Jacke neu
erworben hatte. Sie war so leicht und zugleich so angenehm warm, wie
du es dir niemals vorstellen kannst. Es war wohl der Anfang der
Kunststoff-Bekleidung, wie sie heute ziemlich üblich ist. Und dazu
wirkte ich so smart und gutaussehend, wie vielleicht Alain Delon nicht
in seinen besten Zeiten.
Kurz und gut: in einer solchen Jacke fühlst du dich als anderer
Mensch. Ich nahm jede Gelegenheit wahr, an irgendwelchen Anlässen und
Gelegenheiten in Visp oder Brig teilzunehmen. Und immer hatte ich
dieses schwebende Glücksgefühl, wie es sonst nur Engel im Tiefflug
haben können.

Ach, unsere Posen damals, du kannst dir nicht vorstellen, wie wichtig
solch kleine Dinge waren. Sie waren sozusagen die Halme unserer
Vorstellung. Und in einer solch kleinen und engen Arena, wie sie das
Oberwallis darstellt, war man sich stets bewusst, dass die ganze Welt
zuschaut. Man hatte wirklich das geheime Gefühl, alle Visper, ja gar
alle Oberwalliser schauten zu und können sehen, was hier losgeht. Ist
das nicht merkwürdig? Dies war eines der ersten Gefühle, die ich in
Zürich beim Studium loswerden musste. Dort schaute kein Mensch mehr
zu. Niemand kannte dich. . All die vielen Menschen waren mit sich und
ihren eigenen Dingen beschäftigt. Niemand nahm Anstoss. Niemand hatte
ein Wort, nicht mal einen Blick für dich. Es war am Anfang so ähnlich
wie Isolationshaft, wenn ich es mir überlege.

Na, unsere Posen, das waren natürlich auch die Sprüche im
Freundeskreis. Wir Visper waren eine besondere Clique in Brig. Man
kannte die Visper. Während die Schüler von Brig und Umgebung abends
nicht mehr aus dem Haus durften, weil dies die Schule so vorschrieb,
gab es das in Visp natürlich nicht. Die Lehrer hatten die Gewohnheit,
wenn sie abends durch die Stadt gingen, sich nach Schülern umzusehen.
Und wenn sie fündig wurden, so konnte dieser Schüler, der sich nicht
an die Regeln gehalten hatte, nächstentags in der Schule etwas hören.
Meist war es so, dass er am nächsten Morgen in der Schule ganz einfach
aufgerufen wurde, die Lektion der letzten Stunde vorzutragen, was ihm
dann eine Note eintrug. Das konnte sehr unangenehm sein, wann man sich
nicht gut vorbereitet hatte. Aber wir Visper lebten ganz in diesem
Milieu, entgingen aber dieser dummen Kontrolle. Wir waren sozusagen
die Freien, neben den Sklaven aus Brig und Glis und Naters. Und vor
allem neben den Internen, die in der Schule lebten. Sie waren in der
Tat die Untersklaven, bedauernswerte und gebeutelte Menschen.

Da erinnere ich mich noch an eine andere lustige Begebenheit aus der
Schulzeit. Als AC, der neue Rektor "an die Macht gekommen war",
verfügte er, dass die Mützen, die wir alle beim Eintritt in die Schule
kaufen mussten, auch wirklich getragen werden sollten. Die Mützen
waren wirklicher Studenten-Wichs aus dunkelblauem Samtstoff mit einem
steifen Schirm. Doch weil sie niemand trug und alle bloss in der Mappe
aufbewahrten, sahen die meisten ganz heruntergekommen und zerbrochen
aus. Natürlich galt es als chick, eine solch abgewetzte und gebrochene
Mütze zu haben. Wer ein neues Ding mit sich führte, gab sich als
Anfänger zu erkennen. Nun ja, damals also erliess A.C., der neue
Rektor, den Befehl, dass alle Schüler auf dem Schulweg diese Mütze
tragen sollten. Und, nicht ohne Pointe, beinhaltete dieser Befehl auch
den Zusatz, dass man die Lehrer der Schule zu grüssen hatte, indem man
die Mütze vom Kopf nahm. Voilà. Ich fand das in meinem damaligen
Alter äusserst läppisch. Erstens konnte diese unmögliche Mütze die
schöne Frisur verderben. Und zweitens grüsst man in der Regel mit
einer Mütze nicht, indem man sie abnimmt, sondern indem man Hand
anlegt, ähnlich wie im Militär. Ich war also nicht begeistert von Cs
Befehl, und meine Kameraden nicht minder. Eines Tages, als wir auf dem
Weg vom Bahnhof in die Schule waren und angeregt diskutierten, stiess
mich W in die Seite und machte mich darauf aufmerksam, dass der
Rektor, der irgendwo in der Nähe war, mich gerufen hätte. Ich war ein
bisschen irritiert, weil ich mir nicht vorstellen konnte, weshalb
gerade ich aus dieser grossen Zahl von Studenten, die alle auf dem Weg
zur Schule waren - die etwas oberhalb der Stadt liegt - , weshalb er
gerade von mir etwas wollte. Und wirklich. Als ich ihn erreichte,
fragte er mich, weshalb ich ihn nicht gegrüsst hätte. Stell dir vor.
So etwas konnte ich nun wirklich nicht begreifen. Ich hatte ihn bloss
nicht gesehen. Und ich hatte natürlich auch nicht sonderlich genau um
mich geschaut. Doch dies alles kam mir ein bisschen vor die Geschichte
von Willhelm Tell, wenn du weisst, was ich meine.
Nun ja, AC hat mir dies nicht übel genommen. Er hat mit im Unterricht
immer respektiert und hat auch anerkannt, dass ich damals den Maler
der Kunstkarte als einziger der Klasse herausfinden konnte. Ich
glaube, er hatte immer die Idee, ich wäre besonders begabt. Und er hat
mich auch, so kommt mir wieder in den Sinn, bei einer kleinen
Entlöhnung als Aufsicht für das Morgenstudium eingesetzt. Dazu eignete
ich mich, weil ich nicht katholisch war und nicht an den bezeichneten
Tagen die Messe besuchen musste. So konnte ich dieses Amt übernehmen,
welches darin bestand, in einem grossen Schulzimmer, wo die Schüler
bis zum Beginn des Unterrichtes nochmals ihre Lektionen repetieren
konnten, in diesem Schulzimmer also für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Du siehst, Marlena, manchmal schadet es nicht, wenn man die Könige
nicht grüsst!!

Soviel über meine Posen.
MlG
...

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