Dienstag, 27. Oktober 2020

"on realism and escapism"


Subject: :on realism and escapism
Date: Thu, 27 Apr  14:00:29 


Liebe Marlena

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Du fragst mich, was ich meine, wenn ich sage, du könnest rasch auf Realismus umschalten. Und du weist darauf hin, dass doch unser Chat und unsere Mails auch Realität seien. Ich kann dir natürlich nicht die "Wahrheit" sagen, meine liebe Mauscopine. Ich kann dir nur schildern, wie ich es anschaue. Wahrheit gibt es ja sozusagen nicht. Ich sage immer: "Keiner hat die Wahrheit. Aber jeder hat das Recht, sich auf seine eigene Art zu irren". Ist doch gut gesagt, nicht wahr?

Also: Deine Realität ist dein Leben in Stockholm. Du hast deine Familie, du sorgst für Anna, du machst den Haushalt, deine Einkäufe, spähst auf dem Weg zur Arbeit nach den Geschwindigkeitskontrollen, bereitest deine Lektionen vor, arbeitest in deinem Arbeitszimmer, von wo man auf die Eisbahn sehen kann, wartest auf das Wochenende und auf K. und sein feines Sonntagsessen und so weiter und so fort. Das ist deine Realität.

Unsere Maladi ist natürlich auch Realität, aber eine andere Ebene irgendwie, in sich abgeschlossen, im Gefängnis sozusagen, in den Mauern des Internet. Das gibt ihr schon den Charakter des Spiels (allerdings "Spiel" nach meiner Definition). Aber auch Spiele sind Realitäten. Sie sind irgendwie in sich abgeschlossene soziale Interaktionsformen. Wenn ich Donnerstag abend mit Walter zusammenkomme, ist das auch ein Spiel, das ich mit ihm habe. Es gibt da gewisse Spielregeln und Grenzen, die wir beide einhalten. Man kann nicht sagen, Spiele seien weniger real als das übrige Leben. Schau mal, wie Menschen in Spielen aggressiv werden können, oder gefangen und eifrig sein können, wie sie sich enttäuschen lassen von Spielen. Oft sind Spiele sehr emotionale Realitäten. Spiele haben einen eigenen Ernst. Spiele sind genauso real wie das übrige Leben. Sie sind einfach gekennzeichnet durch einen Spielrahmen und durch eigene Spielregeln. Die Ehe ist eine Spielform des Zusammenlebens zwischen Mann und Frau. Französisch Conversation ist eine Spielform, Französisch zu lernen. Gemeinsam im Cyber-Room mit der Kusine zu essen und zu plaudern, wie du es mir beschrieben hast, wäre eine Spielform des Zusammeseins via Internet. Chatten ist eine Spielform des Dialogs, des rudimentären Dialogs muss man sagen. Telefonieren ist eine Spielform des Kontaktes. Du siehst, so verstehe ich das Wort Spiel. Das ist vielleicht nicht gerade so, wie es hier jedermann verstehen würde.

Wenn ich meiner Sehnsuche nach dir freien Lauf lasse, dann befinde ich mich im Gefängnis. Und das ist nicht real-life. Ach, jetzt haben wir es: Realität ist real-life. Und unsere Sehnsucht ist eben virtual-life. Du spürst zwar die Sehnsucht in deinem Körper, aber sie ist von deinem übrigen Leben getrennt. Sie ist sozusagen durch Spielgrenzen abgetrennt. Wenn das nicht so wäre, würden wir uns - sagen wir - morgen um 1600h in Paris Orly treffen und zusammen nach Ronda fahren, wie das der gute alte Hemingway - der ja sicherlich in Liebesfragen einige Erfahrung hatte - empfohlen hat. Na ja, vielleicht wäre es noch nicht richtig sommerlich warm für Liebesnächte in Ronda, aber immerhin wäre es besser als im ST, diesem harzigen System, das unsere Nerven auf die Probe stellt.

Und jetzt zum Punkt. Ich habe bei dir den Eindruck gehabt, dass du mit tiefen Gefühlen sprechen kannst, wie sehr du mich vermisst, aber kurz nachher auf unseren §5 (never fall in love again) hinweist. Das meine ich, wenn ich sage, du kannst rasch umschalten auf Realismus. §5 ist quasi eine realistische Anweisung. Wenn ich - im Gegensatz zu dir - ich mich der Sehnsucht hingebe, dann denke ich nicht an §5, dann interessiert mich dieser § sowenig wie am Morgen die hungerigen kleinen Vögelchen, die piepsen. Wenn ich mich der Sehnsucht hingebe, dann möchte ich dich sehen, mit dir plaudern und deine Person erleben, sehen wie du bist und wie du das Leben anpackst und die Kaffeetasse zum Mund führst. Das meine ich mit lyrischem Ich. Das sind Gefühle und Stimmungen und Hoffnungen, aber man kann damit nicht unbedingt ein real-life bestreiten. Sie sind einfach zuwenig realistisch. Sie sind zwar real, aber nicht realistisch. Das ist die Unterscheidung, die man machen muss: real sind die Gefühle, aber sie sind nicht immer realistisch. Real meint eine Seinsweise, realistisch meine eine Erkenntnisweise.

Ach, damit stecken wir schon tief im Sumpf der Philosophie. Mit ihr möchte ich dich nicht behelligen, meine Liebe. Das ist nicht nötig. Den Begriff des "lyrischen Ich" habe ich überigens von Kundera. Er spricht davon. Gemeint ist dieser Zustand der Verliebtheit, den wir doch auch von Rilke kennen, der seine Wahrnehmungen mit Sentimentalität durchtränkt und in sich verinnerlicht, um sie dann in schönen Elegien wieder der Welt zu präsentieren. Er ist ein absolut lyrischer Mensch, aber ziemlich lebensuntüchtig, wie man weiss, und auch früh gestorben, und hat oft geklagt über seine Mattigkeit (longueur bei Verlaine, habe ich im Dictionnaire nachgeschaut, zugegeben), seine Ängste und Phobien, seine Isolation, seine Hypochondrie und seine Verlassenheitsgefühle. Rilke war kein besonders gesunder Mensch. Er hat am Leben sehr gelitten. Lyrisches Ich ist also dieser Zustand der Verschmelzung mit den sentimentalisierten Aspekten der Welt, mit der geliebten Person, mit den Dingen, an die einen Begeisterung binden. Das ist dieser jugendliche Höhenflug, den wir kennen, wenn sich junge Menschen verlieben. L'amour est aveugle. Ils vivent d'amour et d'eau fraîche.

*

Du kannst meine Aussage einfach so verstehen: ich finde, du bist ein vielseitiger Mensch, du bist nicht eindimensional, sondern mindestens vierblätterig, wie wir doch schon festgestellt haben. Du bist eine tüchtige Berufsfrau, eine zuverlässige und liebe Mutter und Hausfrau, eine loyale Ehefrau. Und daneben hast du noch diese Maladi, das ist doch wirklich abgehoben von deinem Leben, ein schönes Spiel, sozusagen ein mentales Abenteuer. Andere Leute besuchen romantische Kinofilme um zu weinen, gehen ins Casino ihr Geld verspielen oder vertreiben sich die Zeit mit den 18 Löchern auf dem Golfplatz. Jeder hat seine spielerischen Vorlieben. Und wir haben unsere Maladi.

Du darfst nicht denken, ich nehme das nicht Ernst, weil ich es Spiel nenne. Das habe ich aus meiner Dissertation gelernt. Spiele sind genauso Realität wie das Alltagsleben. In der Tat könnte man sagen, das Alltagsleben sei nur eine Spielform, eben das Alltagsspiel, dem wir im Leben eine gewisse Priorität einräumen. Es ist sozusagen das Metaspiel, die grösste der russischen Puppen, die man so ineinander stecken kann. Unsere maladi bedeutet mir viel und ich möchte nicht darauf verzichten. Und du bist mir wichtig, meine amie souris, fast ein bisschen zu wichtig. Aber es ist ein abgegrenztes Spiel. Es ist eine der kleineren russischen Puppen. Je mehr ich an meine Fantasie des Gefängnisses zurückdenke, desto besser gefällt es mir. Ich finde, es ist gut erfunden: ein bisschen sentimental, ein bisschen lustig, ein bisschen ironisch, ein bisschen mit Bezügen zum Alltag (1. April), ein bisschen erotisch und hat einen gelungenen Schluss: die Pritsche, die reklamieren will, obwohl es nichts zu reklamieren gibt. Das ist sozusagen noch ein moralisches Element eingebaut. Es ist wirklich eine sehr komplexe, kleine Geschichte. Sie sieht harmlos aus, aber es ist fast alles drin, was man sich in unserer maladi denken kann. Wenn wir uns jetzt das Gefängnis noch im Turm vorstellen, dann haben wir Dein Bild auch noch mitverwendet. Wir bauen zusammen den Turm, aber wir sind IM Turm eingeschlossen. Ist das nicht eine wundervolle und geheimnisvolle Fantasie? Wir zwei Turmbauer, wir bauen am Turm, sind aber im selben Turm eingeschlossen und kommen nicht ins real-life hinaus. Wir bauen unser wunderschönes Turmgefängnis von innwendig, ohne auch nur eine Türe zu lassen.

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Ach, gerade höre ich die CDs mit Barbara, und bei jedem Stück überlege ich, wie es dir gefallen könnte. Manchmal sind die Chansons sehr melancholisch, eben lyrisch auf eine Art. Sie sind voller timbre. Ich muss sie dir wirklich so schnell wie möglich schicken. Jeder Tag ohne sie ist ein verlorener Tag (etwas dramatisch gesagt!). Hast du deine Adresse schon geschickt?

So lass ich dich nun, mein liebes Turmfräulein, meine amie souris, meine Mausbraut, meine Muse, die mit ihren Küssen so geizt.

IM
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