Liebe Marlena
Da siehst Du, wie mir die Erinnerungen hoch kommen. Das Stichwort "Heidegger" genügt. Und das zweite Buch, nun ja, die Lateingrammatik, ich wollte dazu nur sagen, dass ich ebenso viel Zeit über jenem Buch verbracht hatte. Das war ein reiner Einfluss auf mein Verhalten, eine Kontrolle sozusagen. Da ist viel Energie und Lebenszeit hineingeflossen. Sie wollten wirklich Jesuiten aus uns machen. Unsere Schule war eine ehemalige Jesuitenschule, und das Studententheater hatte - in guter jesuitischer Tradition - eine lange Geschichte. Und man hörte Gerüchte, dass die Studenten der Schule vor 20 Jahren noch verpflichten gewesen waren, während der Pausen miteinander Latein zu reden. Stell Dir mal vor, Marlena! Sicherlich haben sie es nicht immer und überall getan. Aber wenn sie erwischt wurden, hatten sie mit einer Strafe zu rechnen. Man kann sich kaum vorstellen, wie sehr sich die Welt verändert hat. Aber ich muss doch sagen, dass ich mit diesem intensiven Lateinunterricht zwei Dinge gelernt habe: ich habe Deutsch gelernt. Und ich habe gelernt, was ein Text ist. Damit meine ich, ich habe ein Gefühl dafür bekommen, wie Sprache daher kommt, und worauf man achtet, wenn man sie übersetzen muss. Ich galt immer als guter Übersetzer. Und ich glaube, ich war es bloss, weil ich oft die Wörter nicht kannte und einfach raten musste. So habe ich immer ein wenig spekuliert und "grosszügig" übersetzt. Und jene, die Wort für Wort dran gingen, haben bloss eine hölzige und oft nichtssagende Version zustande gebracht. Dafür habe ich mich wohl auch ab und zu richtig verrannt und dem Autor völlig abwegige Gedanken unterschoben. Wir hatten in den späteren Jahren einen ausgezeichneten Lateinlehrer, mit dem wir viele Texte übersetzt haben. Er konnte das Gefühl vermitteln, dass Übersetzen ein Abenteuer, eine Entdeckungsreise sei. Er zeigte uns, wie man Hypothesen einsetzt, wie man die ganze eigene Fantasie und natürlich die Lateinkenntnisse ins Spiel bringt, um den Sinn des Textes hervorzuzaubern. Er zeigte uns, dass es nicht eine 1 zu 1 Entsprechung sein kann, sondern bloss eine Annäherung, ein Erraten, eine Neukomposition. Ich glaube, damals habe ich sehr viel gelernt, und Franz Halters Lektionen fand ich so spannend und unterhaltsam, wie ich sie in der Schule selten mehr erlebt hatte. Es ist gar nicht so lange her, da habe ich ihm in einem Brief meine positive Einschätzung seines damaligen Unterrichtes mitgeteilt. Und er war ganz gerührt und - -- wohl auch ein bisschen scheu. Er stammt aus einer angesehenen Visper Familie. Eine seiner Schwestern war Klavierlehrerin, und mein Bruder Peter ging jahrelang zu ihr in den Unterricht. Er selbst war katholischer Priester, nicht gleich Jesuit, aber doch in schwarzer Kleidung. Allerdings habe ich ihn nie in einer Soutane gesehen. Ich habe als Junge ihm in Visp oft beim Tennisspiel zugesehen. Und dort hatte ich immer den Eindruck, er hätte zuwenig Siegeswillen und Mut und Durchhaltevermögen. Dort wirkte er etwas schwächlich. Das war er vielleicht auch körperlich. Aber im Unterricht zeigte er sich mir als wunderbar, unser Franz Halter.
*
Ich muss jetzt von Dir lassen, meine Liebe. Die Arbeit wartet auf mich, und ich ergehe mich in meinen schönen Jugenderinnerungen. Doch die Pflicht ruft. Sie ruft nicht nur, sie schreit. Also muss ich wohl ...
Ich küsse Dich
...
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