(R)
Ämne: ach meine omi
Datum: den 28 januari 11:35
(ungekürzt)
Liebe Marlena
Langsam habe ich Dich im Verdacht, dass Du ein richtiger Fernsehmuffel seist. Du erwähnst soviele Sendungen, die Du gesehen hast, sehen möchtest oder sehen wirst, dass ich Dich schon beinahe beneide. Aber vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass Du allein im Haus wohnst, und nachdem auch das Vögelchen nicht mehr mit Dir plaudert, hälst Du grosse Konservationen mit den Fernsehansagern.
Dass es uninteressant sei, für sich selbst zu kochen, und schon gar zu essen, das hatte meine Grossmutter auch immer gesagt. Und wenn wir Buben bei ihr zu Besuch waren, dann hat sie feine Menues gekocht, hat uns gar gefragt, was wir gerne essen wollten. Eine solche Ernährung à la carte, das waren wir nicht gewohnt. Und sooft musste sie dann Pommes backen, die wir am liebsten assen. Sie hat mit ihren sehnigen, etwas zittrigen Händen stundenlang Kartoffeln geschnitten und die Dinge auf ihrem kleinen Herd im Öl gebraten.
Wir Buben sassen in der halbdunkeln Stube, zeichneten meistens, oder schauten uns alte Heftchen an, die sie hinter dem Radio oder unter dem Tischchen vor dem Sofa stapelte.
Ihr Mann, der Ingenieur und Direktor der beiden Regionalbahnen hier im Kanton gewesen war, hatte als Mathematikgenie und als ziemlich autoritär gegolten. Er starb - soviel ich weiss - im Jahre, als ich geboren wurde. Und so hatte die lebenslustige und recht hübsche und weltoffene Frau noch mehr als ein halbes Leben als Witwe. Manchmal, wenn sie uns von ihm erzählte, kam ein Anflug von Klage, weil er wirklich sehr autoritär und eigensinnig gewesen sein muss.
Dann aber wieder hatte man auch den leichten Eindruck, dass sie eigentlich froh war, nicht mehr unter ihm zu leiden. Doch sie war eine menschenfreundliche Person und litt im Grunde unter ihrem Alleinsein. Im Parterre hatte sie die Wohnung an zwei ledige Schwestern vermietet, die hier bei der Kaserne eine sogenannte Soldatenstube führten, also eine kleine Kantine für das Militär, von dem es hier nahe der Grenze während des Krieges immer viel gegeben hat. Ich kann mich noch an die eine von ihnen erinnern, wenn sich ihre Silhouette hinter der Glasscheibe der Eingangstür aufbaute. Sie war dicklich, hatte graues, hochgebundenes Haar und wirkte auf mich als Knabe irgendwie mehlig. Vielleicht war es ihr Make up. Auf jeden Fall hatte ich den Eindruck, sie sei verstaubt. Aber ich gab mir Mühe, nett zu sein, denn immerhin musste meine Grossmutter mit ihnen leben. In Wahrheit waren die beiden Partien gut befreundet und meine Grossmutter soll sogar gelegentlich in dieser Soldatenstube ausgeholfen haben. Das wiederum, so glaubte ich im Gesicht meines Vaters zu sehen, mochte dieser gar nicht. Wahrscheinlich fand er es nicht sehr standesgemäss, in einer solchen Kantinezu arbeiten. Aber meine Grossmutter suchte irgendwelche Tätigkeiten, um unter die Leute zu kommen. Sie war über lange Jahre beim Samariterverein, eine Organisation, die Leute in erster Hilfe und in medizinischen Grundfragen ausbildete. Sie arbeitete für das Rote Kreuz und sicherlich für andere karitative Organisationen, um aus ihren vier Wänden zu kommen. Als in den 60er Jahren rund um den Ungarnaufstand viele Flüchtlinge in die Schweiz kamen, hatte sie sich sehr für eine Familie eingesetzt und diese praktisch adoptiert. Ich erinnere mich schwach an das Paar. Er war Chemiker mit schwarzem, pomadisiertem Haar, sie eine blasse Person mit sehr schlechten Zähnen. Ich hatte mich schon als kleiner Bub gefragt, was er wohl an ihr gefunden habe, wo doch meine Omi viel hübscher war als diese junge Person.
Ich glaube, für meine liebe kleine Omi wäre ein Fernseher sehr gut gewesen. Und mangels eines solchen Gerätes, was es damals noch nicht gegeben hatte, sass sie stundenlang an einem kleinen Tischchen am Fenster, schaute die kleine, von Tannen gesäumte Allee hinunter bis zum Gartentürchen und beobachtete, wer die Strasse hoch oder hinunter ging. Sie strickte Socken und Pullover für ihre Enkel, sie nähte, und sie war eine wahre Meisterin der Kreuzworträtsel. Ich hatte mich oft gefragt, wie man auf sowas Unnützes wie Kreuzworträtsel soviel Zeit verwenden konnte. Aber sie war geradezu versessen darauf, kaufte deswegen ihre Illustrierten, die wir dann als Buben später anschauen konnten, und überlegte sich stundenlang irgendwelche Nebenflüsse der Donau.
Sie konnte überigens sehr gut Klavier spielen, unsere Omi. Und manchmal spielte sie ein Stück, das hiess - wenn ich mich sehr irre - das Schwedenmädel. Sie spielte es mit etwas zittrigen Fingern, musste manchmal wieder zurückgehen und abtasten, wie die Melodie weiterging. Als Knabe war ich sehr von ihrem Anschlag auf diesem schönen, schwarz- glänzenden Klavier beeindruckt. Ich meine, weißt Du Marlena, sie spielte diese Melodie nicht einfach in einem fixen Takt, sondern legte viel Gefühl hinein, kam an gewissen Stellen mit der Melodie sehr gekonnt in eine kleine Verzögerung, was überaus menschlich und sehr melancholisch klang. Sie spielte nur selten, eigentlich nur für uns Buben, und meines Wissens war dieses Schwedenmädel das einzige Stück, das sie noch einigermassen konnte. Und auch das nur passagenweise. Auch mein Vater hatte in den Jugendjahren Klavier gespielt. Er erzählte wiederholt von der alten Lehrerin, die während der Lektion daneben sass, und die nach ein paar Minuten einzuschlafen pflegte. Er musste bloss immerzu weiterspielen, falsch oder richtig, das spielte keine Rolle. Nur wenn er sein Spiel unterbrach, wachte sie wieder auf. Man kann sich fragen, weshalb er es nicht bis ins Guiness' Buch der Rekorde gebracht hatte?
Ja, unsere kleine Omi, die ein halbes Leben in diesem Haus sass, was sie in ihren jungen Jahren noch Villa genannt hatten, zwischen den Tannen und über den beiden Damen, die in der Soldatenstube für die armen und einsamen Soldaten wohl eine Art Mamas gespielt hatten. Unter dem Dach gab es zwei Mansardenzimmer. Als ich mal in den Ferien bei ihr weilte, hatte sie eine Untermieterin, eine Italienerin. Abends kamen die Italiener und pfiffen vom Gartenzaun her nach der Bellezza, und am Morgen hörte> ich noch im Bett, wie die Omi mit dieser Person quer durchs Treppenhaus laut und vergnügt und italienisch parlierte. Italienisch hatte sich Oma offensichtlich selbst beigebracht. Als ich dann aufstand, ging eine schwarzhaarige, ziemlich muntere Italienerin in einem durchsichtigen Morgenrock in unserer Wohnung auf und ab. Diesen transparenten feinen Stoff, der so in Rüschchen von ihrem Körper hing, ähnlich, wie man es vielleicht auf Theaterfotos gesehen hatte, den fand ich ziemlich wenig solide und einigermassen unseriös. Es war wohl das erste mal in meinem Leben, dass ich eine Frau in solch privatem Aufzug gesehen hatte. Aber die muntere Italienerin verzog sich dann bald wieder in ihre Mansarde, und ich hatte alles bald vergessen an diesem schönen, sonnigen Sommermorgen in den Ferien. Nur die Stimmung war mir geblieben, die Atmosphäre eines fröhlichen, vergnügten Hauses in der sommerlichen Morgensonne.
Ach, wie komme ich dazu, Dir soviel von unserer Omi zu erzählen, die eine ziemlich temperamentvolle Person gewesen war? Mein Vetter, der heute als Arzt in der Nähe Zürichs arbeitet und lebt, liebte sie sehr und war regelmässig bei ihr in den Ferien. Er hatte sogar noch während des Studiums in Basel bei ihr gewohnt. Wahrscheinlich war er geprägt von ihrer Sympathie für die ungarischen Flüchtlinge. Auf jeden Fall heiratete er früh eine Ungarin zweiter Generation und hatte noch während seines langen Medizinstudiums zwei Söhne, für die seine junge Frau mehr oder weniger aufkam. Doch heute sind die beiden geschieden, nachdem sie über lange Jahre im Haus meiner Grossmutter nach ihrem Tode gelebt hatten, das ihne mein Vater überlassen hatte.
Manchmal habe ich den Eindruck, unsere Omi und S haben nicht wenig Gemeinsamkeiten. Der Stolz, die Freude am Spiel, am Tanz, am Kontakt, an der Mode, ihre Art Unerschrockenheit und Mut, dem Leben ins Gesicht zu sehen. Sie hatten sich aber nicht mehr kennengelernt. Ich habe meine Oma bloss noch im Ohr, wie sie mehr rhetorisch als wirklich gefragt hatte, wie denn ein Schweizer Offizier eine persische Frau heiraten könne? Sie wollte das nicht verstehen, verstand es aber bestimmt insgeheim sehr gut, nachdem sie mich jahrelang vorher immer wieder nach diesem jungen, jüdischen Mädchen aus Wien gefragt hatte, welches ich in einer Rotary Woche in Frankreich unter vielen anderen kennengelernt, und von welchem ich ihr erzählt hatte. Diese Christa war wirklich ein hübsches Mädchen, sie war eigentlich schon eine Frau mit grossen dunkeln Augen. Als wir zum Schluss Adressen austauschten, hatte sie (wie Du einmal) gewarnt, dass sie eine schlechte Briefeschreiberin sei und die Leute jahrelang mit ihrem langen Schweigen hinhalte. In Genf, auf unserer Rückreise, die ich mit ihr zusammen im Zug dann gemacht habe, wurde sie von einem grossen Luxuswagen, einem Rolls Royce abgeholt. Meine Omi hätte es nur zu gerne gesehen, wenn ich mir eine Frau aus Wien geholt hätte, auch als rühriger Offizier der Schweizer Armee. Und ich muss zugeben, es wäre bestimmt keine schlechte Partie gewesen. C. lebte in Wiener Neustadt bei ihren Eltern, und sie hatte damals darauf hingedeutet, dass sie wahrscheinlich Medizin studieren würde. Meine Omi liebte Wien, liebte den Wienerwalzer, den sie mir beibrachte zwischen dem sperrigen und schweren Stubentisch mit der unverwüstlichen, dicken Tischdecke und dem alten, etwas scheppernden grünen Plattenspieler, liebte Schönbrunn und diesen alten Pomp und den Wiener Schmäh und das ganze aristokratische Getue. Wenn sie in Laune war, sprach sie einige Sätze in Wienerdialekt, oder brauchte besondere Redewendungen wie gnäd'Frau und Küssdiehand solch abwegige Dinge.
Ich glaube, ich hätte es als 10 jähriger Knabe bei unserer Omi in den Ferien leicht fertig bringen können, sie zu überreden, gemeinsam nach Wien durchzubrennen. Ist das nicht ein hübscher Gedanke, als Bony and Clide mit der Oma abzuhauen? Sie hätte dazu bloss ihre kleine Handtasche bis zum Rand mit Kafa-Packungen füllen müssen. Unsere Omi hatte nämlich immer wieder Migräne, und ich glaube, sie war gewohnt, abends zum Einschlafen stets ein Kafa zu schlucken. Heute müsste man sagen, sie sei medikamenten- süchtig gewesen. Aber damals hatte sie alles von ihrem Arzt verschrieben, und ist ja dann doch mit klarem Verstand über 80 geworden. Heute glaube ich, ihre damalige rhetorische Frage hatte mehr zum Ziel, mich dazu zu bringen, ihr meine S. vorzustellen. Bestimmt hätte sie sie sehr gerne kennengelernt, und ich bin überzeugt, sie hätte sie auch gut akzeptiert. Die beiden Frauen hätten sich wahrscheinlich sehr bald gegen mich zusammengetan.
Ja, unsere Omi, sie war eine wundervolle Person und ich weiss nicht, weshalb mein Vater zu ihr immer etwas förmlich geblieben ist. Nur wenn ich an ihr Ende denke, werde ich traurig. Sie war im Spital und sie muss ziemlich allein gewesen sein in ihren letzten Jahren. Die beiden Söhne mit ihren Familien waren fern, der eine im Wallis, der andere im Nordosten am Bodensee. Nur dieser Enkel, mein Cousin, war in den letzten Stunden des Todes bei ihr. Diesen mehr oder weniger einsame Tod hat sie nicht verdient. Sie war immer für uns alle, besonders für die Enkelkinder, da gewesen und hat wohl in Gedanken am Fenster ihrer Stube stundenlang ihren Söhnen und diesen 6 Enkelkindern nachgehängt, hat sich lange überlegt, was sie ihnen zu Weihnachten mitbringen, zum Geburtstag schicken könnte, was sie ihnen stricken sollte. Sie fuhr für die Weihnachtstage ein Jahr zu uns ins Wallis, und das nächste Jahr zum anderen Sohn an den Bodensee, immer abwechslungsweise. Und so konnte sie dann jeweils an einem Ort vom diesem erzählen und wir erfuhren ein bisschen, was sich in unserer weit entfernten Familie tat. Und sie gab sich Mühe, diskret zu bleiben und mit den Schwiegertöchtern nicht in eine Spannung, gar Streit zu geraten. Ich glaube, sie war irgendwie meine erste Freundin. Sie hat sich immer< gleichgestellt gegeben, niemals die Macht des Erwachsenen gegenüber dem Kind aufgebaut und damals, mit vielleicht 10 oder 12 Jahren waren wir ungefähr von gleicher Grösse. Ich erinnere mich sehr gut an ihr temperamentvolles Profil, ihr silbern gelocktes Haar und an die vielen Fältchen im Gesicht mit dem optimistischen Lächeln. Sie hatte schöne Hände mit dicken blauen Venen, die die Handrücken zu überfluten schienen. Und wenn sie im Kartenspiel dreimal hintereinander verlieren sollte, schmiss sie die Karten auf den Tisch und verschwand für eine Zeit in der Küche. Pech, das wollte sie nicht so einfach und in Demut hinnehmen.
*
Siehst Du, Marlena, all das kommt mir in den Sinn, wenn ich mir vorstelle, wie Du allein in Deinem Hause lebst, Essensvorräte aufkochst und dann und wann gedankenversunken aus dem Fenster in die Weite siehst. Da kommen mir echt grossmütterliche Erinnerungen.
Ich grüsse Dich lieb
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