Freitag, 31. März 2017

Berufsbeginn - Altersheime u.a.m.


Berufsbeginn - Altersheime - Röntgenaufnahme - Seeräuberbart

den 4 mars  09:02


Liebe Marlena

Gestern war ich den ganzen Tag sehr beschräftigt. Ich habe endlich damit angefangen, die eingegangenen Bewerbungen zu studieren. Ich glaube, es sind um die 30 Leute, die sich für unsere zwei halbe Stellen interessieren. Und so, wie alles ausschaut, können wir eine halbe Stelle vergeben, die andere werden wir intern zuteilen.

Das war also ein ziemlich strenger Tag. Und es ist ein sehr zweifelhaftes Vergnügen, sozusagen den lieben Gott für diese Menschen zu spielen. Ich mache mir zwar nicht mehr soviele Sorgen darüber wie früher, aber immerhin. Vor allem sehe ich diese vielen jungen Leute, die soeben ihr Studium abgeschlossen haben und die nun voller Optimismus und Tatendrang eine Stelle suchen. Wenn ich es vergleiche mit jener Zeit, als ich eine Stelle suchte, na ja, vielleicht war es nicht ganz anders. Habe ich Dir schon mal erzählt, wie es damals zuging.

Ich hatte also mein Lizentiat im Sack. Mein Professor hatte geraten, daraus eine Dissertation zu machen, und er machte mir ein Angebot, das ich nicht ausschlagen konnte. Ich brauchte bloss noch etwa 40 Seiten zu schreiben. So stellte ich mir vor, dass ich mich als Arbeitsloser melden sollte, um daneben in aller Ruhe und Gemütlichkeit meine 40 Seiten zu schreiben. Aber unsere Arbeitslosenkasse machte es mir zur Pflicht, ihr nachzuweisen, dass ich mich auch schön an verschiedenen Arbeitsstellen beworben hatte. So schrieb ich meine Bewerbungen an psychiatrische Kliniken hauptsächlich. Das war ziemlich die einzige Variante, die ich mir als Arbeit vorstellen konnte. Nun, daneben hatte ich ja noch die Arbeit an der Hochschule für angewandte Psychologie mit diagnostischen Aufgaben im Verkehrsbereich. Damit hätten wir auch überleben können. Und S hatte auch ihre Arbeit. Ich machte mir absolut keine Hoffnungen, innert nützlicher Frist eine passende Stelle zu finden. Schliesslich wollten sie mir sogar auf dem Arbeitsamt eine Stelle geben. Ich wäre verantwortlich geworden, mit arbeitslosen Leuten Waldwege zu reparieren und andere Arbeiten in der Natur durchzuführen. Gleichzeitig kam dann dieses Angebot aus Olten, wo man einen Psychologen in einem Drop-In suchte. An einem regnerischen Tag fuhr ich in diesen Ort und stellte mich vor einer ganzen Kommission von Leuten vor. Olten war mir ein absolut unbekannter Ort. Er galt und gilt zwar als Eisenbahnknotenpunkt der Schweiz, und jedes Kind hatte in der Schule gelernt, dass bei uns alle Wege über Olten führen. Aber niemand war je dort dem Eisenbahnwagen entstiegen, um sich das hübsche Städtchen anzuschauen. Ich entschied mich für Olten, weil ich fand, das Züricher Angebot wäre nicht wirklich für einen Psychologen. So hatte ich eine Arbeitsstelle, wo ich doch gar noch nicht so schnell arbeiten wollte. Und so kam ich in diesen hübschen Ort am Jurasdüdfuss an meine erste Stelle, wo ich unendlich viel Freiheiten und auch freie Zeit hatte. Die ersten Monate reiste ich mit der Eisenbahn hin und her. Ich hatte jede Menge Zeit, während der gut zweimal 30 Minuten Eisenbahnfahrt Zeitungen zu lesen.

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Ja, die Altersheime! Auch die Perser verstehen nicht, wie schlimm wir unsere alten Leute behandeln. Ich erinnere mich an jene erste Zeit, als wir in Teheran in den Ferien weilten. Plötzlich tauchte in der Familie Simines eine alte Tante auf. Sie sass schon am Morgen früh mitten in der Stube auf dem Teppich, rauchte eine Zigarette nach der anderen und kreischte mit rauher Stimme lautstark in der Wohnung herum. Alle Familienmitglieder waren mit ihren Dingen beschäftigt, und dazu gab sie ihre Kommentare oder sie versuchte irgendwelche Plaudereien zwischen verschiedenen Räumen. Jeder in der Familie war sehr freundlich mit ihr, vor allem die Kinder, wie mir auffiel. Sie lächelten, wenn sie etwas gefragt wurden, gaben geduldig Antwort und liessen sich durch durch diese alte Frau von ihren Tagespflichten abhalten. Für mit mit meiner europäischen "Ordentlichkeit" war das alles ziemlich fremd. Und ich erfuhr, dass sie sozusagen eine Pensionierte sei, eine ältere Tante, die ihr Leben damit zubrachte, ihre Verwandtschaft zu besuchen und damit ihren Lebensabend zu verbringen. Sie blieb vielleicht eine Woche in einer Familie, sass mitten in der Stube, rauchte diese dünnen persischen Zigaretten, schlürfte ihren Schwarztee, rührte aber absolut keine Hand, um etwas im Haushalt mitzuhelfen, hatte hingegen für alles und jedes irgend einen Kommentar, und liess sich dann vom Schwiegervater in die nächste Familie transportieren. In meinem Erleben war sie sehr unangenehm. Aber für die Familie war sie nichts Ungewöhnliches, eine Tante eben, die zum Leben gehörte, es sogar bereicherten.

Siehst Du Marlena, deshalb stelle ich mir vor, einen Teil meiner Pension im Iran zu verbringen, auf irgend einem wunderbaren persischen Teppich zu sitzen, überzuckerten Tee zu schlürfen, würzigen Tabak zu rauchen, den Respekt der Leute rundum zu geniessen und die Welt mit meinen Sprüchen zu beglücken.

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Finde ich toll, dass Du die Röntgenaufnahmen bekommen hast. Weshalb rahmst Du sie nicht, um sie dann vors Fenster zu hängen. Man könnte sie auch unter das Glas des Tischchens in der Stube legen. Und die kannst sie noch interessanter gestalten, indem Du mit einem Filzstift irgendwelche Bemerkungen, Markierungen, Pfeile, Ausrufezeichen darauf zeichnest. Ich bin überzeugt, dass sich damit etwas Interessantes machen lässt.

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Nein, ich habe meinen Seeräuberbart wieder entfernt. Simine mag das absolut nicht. Er ist also ein geeignetes Mittel, sie ab und zu einwenig zu ärgern. Im Iran ist ein solcher Dreitagesbart heute wieder ein Zeichen armer Leute. Aber unmittelbar nach der islamischen Revolution war er absolut in Mode bis weit hinauf in der sozialen Schichtung. Deshalb nenne ich ihn einen Islamistenbart. Vielleicht ist er meine letzte naturwüchsige Möglichkeit des Protestes gegen Künstlichkeit und steriles Zweckdenken in unserem Leben? Und er gibt dem Gesicht die Patina und den Duft des Lebens, nicht wahr?

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Mein jüngster Bruder wohnt nicht im Wallis, sondern in Luzern. Onkelchen war und ist sein Pate, deshalb muss er ihn heute speziell berücksichtigen und ab und zu besuchen. Er weilte oft, nachdem unsere Mutter nach der Geburt gestorben war, in Lenzburg. Onkelchen und Tantchen hatten sich ihm gegenüber immer irgendwie als Ersatzeltern gefühlt und ihn behütet und verwöhnt. Ich glaube, sie wollten ihn sogar adoptieren, was mein Vater aber nicht akzeptiert hatte.

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Heute muss ich die zweite Hälfte der Bewerbungen durchschauen. Und ich muss morgens daran gehen, sonst komme ich nicht vorwärts.

Ich wünsche Dir einen schönen Tag

Mit lieben Grüssen
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