Donnerstag, 10. April 2014
auch Rilke und Martin Walser
Liebe Marlena
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Rilke war einer der ersten Proust Leser unter deutschen Schriftstellern. Schon 1913 soll er sich mit "In Swanns Welt" beschäftigt haben. Das ist plausibel, denn Rilke passt wohl zu Proust, ein Bruder im Geiste. Erst 1957 kam die vollständige Uebersetzung durch Eva Rechel-Mertens heraus. Und da bot sich den Deutschen die Beschäftigung mit Rilke. Es seien etliche gewesen: Benjamin, Hesse, Doderer, Koeppen, Arno schmidt.
Sehr eingehend hat sich Martin Walser mit Proust beschäftig. Er publizierte 1958 seine "Leseerfahrungen mit Marcel Proust". Walser anerkennt, dass es Proust gelinge, einen Gesellschftsroman par excellence zu schreiben. Und er fragt, welche Erzählweisen und welche Figurenbezeichnungen erforderlich sind, um aus Ausschnitten ein Symbol des Ganzen zu machen. Walser anerkennt in Porust den Porträitisten einer niedergehenden Epoche, der offenkundig bis heute nachahmenswerte Verfahren gefunden hat, gesellschaftliche Wirklichkeit so in einen Romantext zu integrieren, dass der Leser nicht durch gesellschaftskritische Absichten erdrückt wird. Wie "Muster in einnem Teppich" erscheinen Prousts Figuren im Gesellschaftstabelau. Diese Metapher ist nicht zufällig, wird doch der Begriff Text immer wieder mit Textur in Verbindung gebracht. Es drängt sich bei Proust auf, das Raffinnement seiner Textkonstruktionen zu analysieren. Sie sind hochartifizielle Produkte, die gleichzeitig den Anschein geben, unkonstruiert und natürlich zu sein. Darin liegt nach Walser Prousts Qualität: er bietet mehr als "ästhetische Konstruktion" mit der Leichtigkeit des lässig Hingeworfenen. Diese Leichtigkeit und Natürlichkeit ist feinste künstlerische List, die den Stoff des wirklichen Lebens gewissermassen ohne Verlust in die Kunst hinüberrettet. Die Textsituationen machen uns zu Lesern unseres eigenen Lebens. Es ist kunstvoll hergestellte Kunstlosigkeit, die den Zustand des Vgen und Uneindeutigen hervorruft. Walser meint "Proust schrieb ja keinen deutschen Entwicklungs- oder Bildungsroman, wo die Helden kaum zum Taschentuch greifen, ohne dass ihnen daraus ein Schicksal erwächst". Doch Walser hat auch Reserven mit der für Proustiens hochgelobten "wiedergefundenen Zeit". Proust sieht ja in der Erinnerung und im Kunstwerk ein Heilmittel gegen den Verlust und das Auseinanderdriften der Welt (de Botton erwähnt diese Intention auch). Dagegen wehrt sich Walser: "Die Vergangenheit als solche gibt es nicht. Es gibt sie nur als etwas, das in der Gegenwart enthalten ist, ausschlaggebend oder unterdrückt, dann als unterdrückte ausschlaggebend. (...) .. das, was man für wiedergefundene Vergangenheit hält, (ist) eine Stimmung oder Laune der Gegenwart, zu der die Vergangenheit eher den Stoff als den Geist geliefert hat." Die Recherche ist eine Konstruktion der Einbildung.
Ist doch lustig, Marlena, dass ich mich hier mit Romanen und Texten beschäftige, die ich selbst noch nie gelesen habe. Das, glaube ich, ist nun wiederum postmodern. Man erzählt, was andere erzählt haben, über Dinge, die erzählt worden sind. Und die Dinge sind hier Un-Dinge (wie Flusser schön sagt), eben Texte. Du merkst, Marlena, das interessiert mich irgendwie, die Frage, was ist ein Text, was ist ein Wort, und wie ist damit umzugehen. Ich habe dich ja schon gelegentlich ein bisschen genervt mit diesen Gedanken über den Text und den Nur-Text (Liebe oder Text, das ist hier die Frage ;--)). Du scheinst ja eher zu glauen, dass die Worte die Welt und ihr Geschehen abbilden, wiederzeigen, spiegeln sozusagen. Ich glaube eher, oder ich versuche es so anzuschauen, dass ich denke, die Worte schaffen erst die Welt und die Wirklichkeit. Alles ist also Text. Und wenn man dann, wie es heute geschieht, vom Buchzeitalter ins Bildzeitalter des Fernsehens hinübergleitet, muss man sich fragen, was so mit der Welt geschieht. Es muss eine Revolution im Gange sein.
Aber ich gebe Dir gerne zu, meine liebe Marlena, dass Frauen die realistischeren Menschen sind als Männer. Meistens, oder sagen wir gelegentlich.
Unter uns gesagt, liebe Marlena, ich glaube nicht, dass du meine Theoretisiererei besonders magst. Aber du drückst ein Auge zu. Das weiss ich, denn ich weiss, dass du ziemlich tapfer bist. Ach, das war jetzt alles ein bisschen ironisch und ein bisschen zärtlich gemeint. In vivo würde ich mich jetzt mit einem "lässig hingeworfenen Küsschen" verabschieden, einem der süssesten künstlichen Backwerke, die wir kennen.
Schreib mir, meine Liebe, ich möchte von Dir hören.
MMM
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