Mittwoch, 16. April 2014
kleine Gewitter - Reisen - verlorene Solidarität
Ämne: mimo
Datum: 08:56
Liebe Marlena
Ich bin bei der Arbeit, wie Du angedeutet hast, bei meiner Pflicht. Ich
schreibe frühmorgens mein Mail, weil ja später nicht mehr sicher ist, ob ich
überhaupt noch Zeit habe. Heute bin ich den ganzen Tag ausserhalb L...
Ist das Mail, das ich schreibe Pflicht? Ich glaube, die Frage hängt zusammen
mit der Frage der romantischen Liebe. Wie soll ich das beantworten?
Für mich ist das Mail im Moment Vorspiel zum Tag. Es ist schön, wenn man den
Tag mit einem kleinen Vergnügen anfangen kann. Wenn ich so um 07h ins Büro
komme, leere ich erst mein Mailbox, dann gehe ich kurz die Zeitung durch,
überblicke die Aktienkurse vom Vortag und gehe dann in mein Privatmail, um
Dich da aus der Gefangenschaft herauszuholen.
Und wenn ich Dein Mail gelesen habe, mächte ich am liebsten gleich
antworten. Das wäre am einfachsten und am spontansten. Wenn ich Dein Mail
liegenlasse, kann ich nicht mehr so direkt darauf reagieren. Du verstehst,
was ich meine.
Früher hatte ich die Mails am Abend geschrieben. Das waren dann wohl eher
Tagesrückblicke, Tagesreste, wie die Psychoanalyse zu sagen pflegt, und
ähnliche kleine Überreste. Weil ich im Moment versuche, abends etwas früher
heimzukommen, habe ich meinen Tag umgestellt. Zur Zeit hast Du also die
Morgenpost, nicht den Abendkurier. Alles klar?
Romantische oder nicht-romantische Liebe? Ich glaube, es ist die Art,
welchen Stellenwert man den Gefühlen gibt. Wenn man sagt, alles sei von
Gefühlen getragen, Gefühlen wären sozusagen der Grundinstinkt des Menschen,
dann haben wir Gefühle als Wahrnehmungsinstrument, als Konstruktionsprinzip
der Welt. Und wenn man dagegen behauptet, Gefühle seien zwar ubiquitär, aber
sie seien auch wechselhaft und unzuverlässig, so hält man mehr nach dem
Verstand, den man für konstanter und für objektivistischer hält. Gefühle
sind dann nur mehr kleine Gewitter, die dazwischen treten, die zeitweise
unsere Sicht etwas trüben, die natürlich auch ein wenig Farbe ins Leben
bringen, die aber doch bestimmt nicht die Hauptsache sind im Leben.
Ich glaube, dass es katastrophal wäre, wenn die Gefühle die Welt regieren
würden. Das wäre horrend, das reine Unglück und Chaos. Ich glaube, dass es
gut ist, wenn man versucht, die Vernunft aufrecht zu halten, auch wenn man
heute sieht, dass es nicht die Vernunft gibt, sondern offensichtlich
verschiedene Spielarten, die ja vielleicht letztlich von Gefühlen und
subjektiven Motivationen gefärbt sein mögen. Aber die Gefühle sind
gewissermassen das individuelle Prinzip, die Vernunft das kollektive. Kann
man das sagen? Es würde dem widersprechen, was ich im letzten Mail behauptet
habe, nämlich dass die Gefühle in der Demokratie das gesellschaftliche
Zement sei, der Zusammenhalt.
Kurz und gut, ich weiss es nicht so genau. Ich wünschte mir seit langer
Zeit, mal eine Vorlesung über die Romantik zu hören. Ich habe das Gefühl,
dass sie für unser Weltverständnis in unserer heutigen modernen Zeit eine
besonders wichtige Zeitphase gewesen war. Und vielleicht ist es so, dass
alles, was vor der Romantik war, deutlich weiter entfernt und viel älter
erscheint, wenn wir (geschichtlich) zurückblicken. Im Grunde muss man sagen,
das Romantische sei das Moderne.
*
Es ist wirklich beneidenswert, wie oft K reisen kann. Ich habe oft den
Wunsch, zu reisen. Aber ich glaube, ich reise gerne in Gedanken. Die
Unanehmlichkeiten des wirklichen Reisens: die schweren Koffer, die Hetzerei
wegen der Termine, die Umstände mit den Tickets, die Engnisse im Flugzeug,
die Witterungsverhältnisse (zu deutsch: das schlechte Wetter), die fehlende
Orientierung, die unbequemen Hotelbetten, die Diebe überall, die müden
Beine, die verlorenen Stunden durch Umherirren in einer fremden Stadt, die
langweiligen Wartezeiten etc. etc., das alles zusammengenommen ist doch
einigermassen beschwerlich. Und wie schön ist dagegen die Gedankenreise. Sie
ist luftig leicht und man kann wirklich alles erleben, was man gerne erleben
möchte. Und wenn man, nach wirklich grosser Reise wieder zurückkehrt, ist
man ausgeruht und voller Erlebnisse. Ich glaube, ich bin auch etwas bequem
geworden. Und natürlich ist es immer auch ein Aufwand, wenn man mit mehreren
Personen reist, die Kompromisse zu finden. Wer will was sehen? Sollen wir
jetzt essen oder noch nicht essen? Ist dieses Hotel gut genug oder genügt es
nicht? Es ist immer ein hin und her und auf unserem bürgerlichen Niveau
ziemlich kompliziert geworden. Als Clochard zu reisen wäre bedeutend
einfacher. Ich glaube, das würde ich gerne tun. Trampen haben wir das früher
genannt.
*
Na ja, die Solidarität geht überall verloren, nicht nur bei den Lehrkräften.
Ich erzähle Dir ein Beispiel: früher, vor etwa 15 Jahren, als ich wie heute
manchmal mit dem Zug zur Arbeit fuhr, war es üblich, dass die Menschen sich
am Morgen auf dem kleinen Bahnhof gegrüsst haben. In dem kleinen Ort haben
sich alle mehr oder weniger gekannt. Auf dem Bahnhof stand man in Gruppen
zusammen und man hat diskutiert, über irgend etwas, das Wetter vielleicht,
die Politik, Fussball oder was immer. Heute gibt es frühmorgens auf den
Bahnhöfen diesen Gratisanzeiger genannt 20 Minuten. Schon der Titel der
Zeitung ist doof. Und all die Menschen holen sich am Morgen eine solche
Zeitung und lesen darin, was sie von den Fernsehnachrichten des Vorabends
ohnehin schon wissen. Jeder steigt für sich ein und liest. Es gibt kein
Gespräch mehr. Die Leute wissen gar nicht mehr, wie und über was man
miteinander im öffentlichen Raum spricht.
Es sieht alles ein bisschen triste aus.
*
Aber wir wollen nicht klagen. Und ich habe meine Préludes damit beendet.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit lieben Grüssen
...
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