Samstag, 5. August 2023

Bei Tageslicht über die Nacht


Ämne: Bei Tageslicht über die Nacht
Datum: den 10 november 

Meine liebe Marlena
Dein wunderbarer Brief hat mich sehr berührt. Du schreibst so ruhig und überlegt und reif, es ist einfach herrlich. Und es stimmt mich auch ein wenig melancholisch. Die Art, wie Du die Menschen betrachtest und wie Du alte Erinnerungen andeutest und die Zeiten überblickst. Es ist wirklich wunderschön. Du weißt doch sicher, Marlena, dass das eine Kunst ist? Es gibt wenige Leute, die das so können wie Du. Und ich fühle mich geehrt, dass ich es bin, der solch zauberhafte Zeilen bekommen darf. Ich danke Dir wirklich sehr, meine Liebste.

Weißt Du, ich bin auch glücklich, einiges über Deine lieben Bekannten und Verwandten zu hören. Manchmal habe ich den Eindruck, Deine Arbeit und Dein Haushalt überschwemmen Dich förmlich. Und dann erscheinst Du mir so einsam in Deinem Häuschen zusammen mit Anna. Das, obwohl ich sehr gut weiss, dass Du bei Deiner Arbeit ja jede Menge Kontakt hast und dass Du ein offener und sozialer Mensch bist. Darunter können sich Lehrer ja wohl nicht zu sehr beklagen, unter Mangel an Kontakt. Schon eine einzige Unterrichtsstunde ist ein Bombardement von Strokes, nicht wahr? Und dann hast Du die vielen Kolleginnen und Kollegen, in deren Kreis Du eine wichtige Rolle spielst. Das weiss ich alles, und doch erscheinst Du mir manchmal in meiner Vorstellung oft so einsam. Vielleicht ist es so, weil Du - wie Du sagst - Deine innersten Gedanken mit mir teilst?

Das hat mir auch gut gefallen, wie Du Dich in meinen Fantasien eingenistet hast. Na klar, wir werden später einmal im Süden leben und ab und zu werde ich Dich besuchen, oder umgekehrt. Ich werde Dich natürlich auch porträtieren, unter dem Titel "Die Schöne aus dem Norden". Aber das soll nicht geschehen, wie beim jungen Fräulein, das so schweigsam ist. Es soll eine schöne und lebendige Diskussion sein. Es soll ein vergnügtes Hin und Her geben. Ich will keinesfalls allein referieren. Das mache ich absolut nicht gerne. Ich höre gerade so gerne zu wie Du. Aber ich muss Dich doch warnen. Wenn man jemanden liebt, ist es sehr schwierig, die Person zu malen. Kannst Du Dir das vorstellen? Man ist dann gebunden mit unzähligen Rücksichten und subjektiven Gefühlen, so dass man gar nicht frei und herzhaft die Person wahrnehmen kann. Man will ihr kein Unrecht antun. Alles ist mit süssen Schleiern halb verhüllt. Und das macht keine guten Porträts. Ich habe das lange nicht begriffen. Aber beim Malen ist das grösste Problem die richtige Distanz, oder die richtige Nähe, wie man es nimmt. Man darf der Person nicht zu nahe stehen, durch Gefühle oder andere Bindungen oder Abhängigkeiten, aber man darf natürlich auch nicht zu entfernt sein, sonst fehlt das Interesse und der Eifer. Wenn, dann muss man sich eben in einer Diskussion nähern und in die richtige Position bringen. Man muss sich gut positionieren, in einem psychologischen Sinne.
Ich habe einen Schweizer Maler, den ich besonders schätze (Varlin, so der Name des Malers, Künstlername). Er hat viele prominente Leute gemalt wie Dürrenmatt, Frisch, Loetscher und andere. Einerseits kann man aus den Erinnerungen der Porträtierten hören, wie diese Sitzungen abgelaufen sind. Andererseits beschreibt auch Varlin solche Situationen. Er war nebenbei ein exzellenter Schreiber. Und irgend einmal, als ich mich mit diesen Gedanken beschäftigt habe, ist mir aufgegangen, wie die Sitzungen und das Getue Varlins einzig und allein das Ziel hatten, die richtige Distanz und ein Gleichgewicht zwischen den Personen herzustellen. Diese Personen waren ja weltberühmt und reich, und er selbst war höchstens regional ein wenig bekannt und eigentlich ein armer Schlucker. Er ist immer ein bisschen verkannt geblieben. In den Malsitzungen muss nun Varlin sehr unruhig agiert haben, immer wieder neu angefangen, von einer weiteren Seite einen neuen Versuch gemacht haben. Er hat seine berühmten Leute auch umherdirigiert, Dürrenmatt lag schliesslich auf einer losen Matratze im Bett. Und auf einem weiteren Porträt hält er in seiner ganzen Massigkeit ein zartes Hündchen in Armen, so glaube ich mich zu erinnern. Ich denke, mit Dürrenmatt konnte es Varlin besser als mit Frisch. Frischs Porträt ist nur sehr rudimentär, nicht beendet, und ein wenig kühl und hart. Lustlos, so würde ich das nennen. Ich glaube, mit Dürrenmatt fühlte er sich echt verwandt. Und auch umgekehrt, wie Dürrenmatt selber schreibt. Dürrenmatt hat ja selbst auch gemalt, schon seit jungen Jahren. Mit besonderer Liebe hat er ganze Zimmerwände oder WC-Flächen al fresco behandelt.
Habe ich Dir nicht von meinem Varlin geschrieben? Gerade diesen Sommer gab es eine Erinnerungsausstellung in Aarau. Ich habe sie gleich dreimal besucht. Und es war - so glaube ich - 25 Jahre nach der ersten Aarauer Ausstellung. Damals hatte ich in Olten gewohnt und gearbeitet. Es war meine erste Arbeitsstelle. Na ja, es war diese glückliche Oltner-Zeit am Anfang unseres Familienlebens und meines beruflichen Lebens. Und ich hätte nur allzu gerne ein Bild von Varlin gekauft. Es waren seine letzten, grossen Bilder, die in Aarau ausgestellt waren. Doch die Preise erwiesen sich als etwas zu hoch für mich, der ich noch nicht zu lange ein festes Gehalt hatte. Die Bilder waren um die 10'000sFr.. Und mein Salär lag bei etwa 3500sFr., wenn ich mich richtig erinnere. Doch wenn ich die Preise der Gemälde heute, nach seinem Tod, anschaue, dann hätte ich wirklich unbedingt ein Bild von Varlin kaufen sollen. Es hätte sich sehr gut ausgenommen in unserer Stube, hätte fast eine ganze Wand bedeckt. Und sein Preis wäre mit einem Faktor 10 gestiegen. Wir hätten geradezu eine Diebstahlsicherung einbauen müssen. Denn ich glaube nicht, dass unser Hund, dieser rote Spaniel namens Dido, ich glaube nicht, dass sie das Bild wirklich bewacht und verteidigt hätte. Sie war viel zu vertrauensselig und hat sich mit jedem angefreundet, der ein liebes Wort für sie übrig hatte. Sie war ein wenig liederlich in dieser Beziehung.
Ach, das Leben besteht zum grossen Teil aus verpassten Gelegenheiten.
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Ich erzähle zuviel von dieser Malerei. Und dabei ist das doch eine visuelle Angelegenheit. Ich möchte Dir das alles so gerne zeigen. Da würde ich richtig in Begeisterung geraten.
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Ach, ich habe soeben Deinen Brief nochmals gelesen. Ich kann das gar nicht alles verstehen, weshalb er mich so beeindruckt. Er ist einfach wunderschön und hat so eine Weite. Weite macht mich immer ein bisschen melancholisch. Sowohl die räumliche als auch die zeitliche Weite. Ja, und dann überlege ich mir, was Du Dir denn von einem Mann wünschst. Einerseits magst Du einen aufgedrehten Typen wie Alois, einen hochtourigen Italienier im Quadrat, oder einen Draufgänger wie jenen Schauspieler, wie heisst er schon, derjenige aus dem Kuckucksnest (Jack Nikolson; ist das ein gebürtiger Schwede?) Andererseits hast Du zu Hause einen metallblauen Mann, der ja ziemlich distanziert zu sein scheint. Und bei mir hast Du auch die Vorstellung (oder vielleicht den Wunsch) gehabt, ich sei ein ruhiger Braunbär am Schreibtisch, der sich bloss jede halbe Stunde zu einer Bewegung entschliesst, und der vielleicht seine wildesten Aktionen vornehmlich in der Fantasie austobt.
Aber eines kann ich Dir vielleicht noch sagen, meine liebe Marlena, in diesem grossen Quiz. Ich glaube, ich bin ruhiger, als man mich aus meinen Briefen und Sätzen und Fantasien vermutet. Vielleicht würdest Du wirklich erschrecken, wie langweilig manchmal sein kann. Kürzlich ist mir aufgefallen, wie lebendig meine beiden Töchter sind. Wir waren irgendwo zu Besuch und ich glaubte, sie hätten sich verlaufen. So bin ich den Weg zurück. Und von weitem haben sie mich gesehen und laut und lustig reagiert. In meiner Ursprungs-Familie hätte man das niemals gemacht. Wir waren alle ziemlich ruhige Kinder, vor allem auch ausser Haus. Nun ja, vielleicht waren ja damals Kinder allgemein viel ruhiger als heute. Aber ich war stolz, dass meine Töchter so lebendig und aufgestellt sind und so spontan reagieren können. Und da spielt sicher das persische Blut eine nicht zu unterschätzende Rolle. Besonders B ist auch eine gute Schauspielerin. Sie kann sehr lustig sein und echt in Fahrt geraten. Sie macht dann Sprüche und Spässe, hat aber immer noch ein gutes Gefühl dafür, was erlaubt und was nicht mehr erlaubt ist. Ich bin manchmal ganz fasziniert von ihr. Ich glaube, sie hat eine gute künstlerische Ader. A ist ruhiger. Ich glaube, sie ist mir ähnlicher. Oder anders gesagt: sie gleicht in der Art sehr meiner älteren Schwester. Und diese ist eine ziemlich ruhige Person.
*
Und ich freue mich auf den Moment, da wir uns im Süden gelegentlich treffen. Und ich werde Dein Porträt malen. Das ist ein Risiko. Damit kann man Menschen oft nur enttäuschen. Denn sie halten sich ohnehin immer noch für viel schöner und sympathischer, als man es auf die Leinwand bringen kann. Meine Porträts sollen nicht wirklich schön sein. Sie sollen die Persönlichkeit zur Darstellung bringen. Und das darf manchmal schon ein wenig karikaturistisch sein. Nicht zu sehr, aber ein wenig.
Doch an Deinem Porträt werde ich ewig malen, so dass Du immer wieder vorbeikommen musst. Es wird meine "Unvollendete" werden und bleiben. Immer werde ich noch dieses oder jenes verbessern wollen, hervorheben oder in den Hintergrund drängen. Und ich freue mich wirklich auf die entspannten Gespräche, die wir haben werden. Ich höre schon Deine wunderbare Kristallstimme durch den Terpentingeruch bis zu mir dringen. Ach, es wird wunderbar werden. Und dann und wann machen wir in meiner rudimentären Küche einen feinen starken Kaffee und knabbern an einem Biskuit. Es könnte alles so schön sein, Marlena.
Und so maladiere ich noch ein wenig vor mich hin.
Mit süssen Küssen
...

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