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Irgend einmal - nach 2 Semestern und einem Praktikum in einem grossen Zürcher Büro - bin ich von meinem Architektur-Studium abgekommen. Die Ausbildung war mir einfach viel zu technisch. Und die ETH war mir eine zu trockene Anstalt. Natürlich mag da auch der Zeitgeist mitgewirkt haben. Ein Umbruch lag in der Luft. Die Studenten an der Uni haben viel diskutiert. In den Zürcher Strassen gab es Demos. Die gesellschaftliche Situation wurde immer heisser. Studienrichtungen wie Psychologie, Sozialpsychologie, Philosophie und Soziologie waren enorm populär. Alles, was in der Gesellschaft und in der Welt draussen geschah, wurde unter dem Aspekt dieser Sozialwissenschaften erklärt. Wenn man in diesen Fächern studierte, fühlte man sich im Zentrum des Hurrikans.
Und dabei war es ursprünglich mal Prof. Staiger gewesen, der mich an die Uni gelockt hatte. Noch zu meiner ETH Zeit ging ich jeweils montags 10-12h hinüber in seine Vorlesung. Er las anfangs gerade über Rilke, und da fühlte ich mich in diesem fremden Zürich beinahe ins Wallis zurückversetzt. Ich hatte an der ETH von 8-10 Vorlesung in perspektivischem Zeichnen, allerdings konstruiertes Zeichnen, so wie die Architekten das tun. Gegen 10h gab Prof Hess jeweils eine Übung, die man dann bis 17h abends abzuliefern hatte. Ich ging also, mit dieser Übung im Hinterkopf, hinüber in die Universität, die gleich über die Strasse liegt, in die grosse helle Aula voller entspannter und vergnügter junger Studentinnen und Studenten, mit einigen älteren Fachhöhrern - wie sie damals genannt wurden - und liess mich von Staiger in höhere Gefilde versetzen. Staiger war damals so etwas wie der deutsche Literaturpapst. Er hat irgendwie eine eigene Schule der Literaturinterpretation begründet. Aber er war eigentlich ein Idealist, ein spezialist für deutsche Klassik.
1968 hat Staiger den Kunstpreis der Stadt Zürich erhalten. Die Feier fand im Schauspielhaus statt. Und dort schimpfte Staiger in seiner Dankesrede über die moderne Literatur, die sich mit Bordellen und Kloaken und Trinkern etc beschäftige. Seine Worte kulminierten in der rhetorischen Frage, in welchen Kreisen sich die Künstler denn aufhalten würden! Das war ein Skandal. Frisch, Dürrenmatt, Loetscher - alles was Rang und Namen hatte protestierte. Ein Jahr später erhielt Varlin den Kunstpreis der Stadt Zürich. Und an seiner Stelle hat 1969 Dürrenmatt die Rede gehalten. Sie führt den Titel "Varlin schweigt". Und es ist in weiten Teilen eine Abrechnung mit Staiger. Dürrenmatt war ein guter Redner. Er konnte markante Gedankengänge finden, die ebenso kritisch wie komisch wirkten. Und seine Sprache klang mit dem berndeutsch eingefärbten Deutsch fast unbeholfen, aber auch sehr treffend. Er hatte stets die Lacher auf seiner Seite.
Ich habe Dürrenmatts Rede gerade vor ein paar Wochen unter meinen Papieren wieder gefunden und nach so langer Zeit nochmals gelesen. Sie war in der Tat eine würdige Antwort auf die idealistisch-klassische Position Emil Staigers. Eigentlich hätte ich schon seit Jahren Staigers Rede gerne gefunden und gelesen. ich hatte davon immer nur in der Zeitung gelesen. Aber das ist mir bisher - auch nicht im Netz - nicht gelungen.
Du siehst Malou, ich gleite ab in die Erinnerung meiner alten Zürcher Studentenzeiten. Und natürlich romantisiere ich sie sehr. Ich erinnere mich nämlich auch, wie ich mich damals in Zürich eher verloren fühlte. Ich war unglücklich in diesem Architektur-Studium. Die ETH an der Rämistrasse ist ein schweres, ernstes Gebäude mit grossen Hallen so dunkel wie ein Kuhmagen. Die Studenten waren - wie mir schien - technisch interessierte Menschen. Ich kannte noch kaum Leute. Alle meine Schulkameraden studierten in Fribourg oder in Bern. Nur einige wenige waren ebenso an der ETH, aber, wie sich später herausstellen sollte, auch nicht sehr lange. Hans wollte damals noch Elektroingenieur, Amadé Agraringenieur lernen. Beide haben ihr Studium abgebrochen und keinen Abschluss gemacht.
Aber jetzt lass ich dich mit meinen Gedanken zurück in die Jugend. Warum bloss läuft mir das alles sosehr nach? Weshalb bloss finde ich das alles so romantisch, wo ich doch weiss, dass es auch eine ziemlich schwierige Zeit war mit viel Unsicherheiten, Einsamkeit, Desorientiertheit. Du weisst ja, wie mir letztes Jahr dieses Zürich wie eine Spritze Heroin ins Blut gegangen ist!
Ich schicke dir liebe Gs und Ks
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