Lieber ...,
Ich
mache eine kleine Pause um dir zu schreiben. Ja, dein voriges Mail war
etwas Besonderes. Du hast etwas intensiv wiedererlebt. Man kann sich
eigentlich nicht beschliessen so ein Mail zu schreiben. Die Gedanken und
Worte kommen ganz von selbst tief aus dem Inneren. Es ist fast als
hättest du bei mir "auf der Couch" gelegen. Und wenn du es dir nachher
anschaust, was du geschrieben hast, bist du selbst erstaunt.
Du
hast mir einmal ähnlich geschrieben über deine junge Liebe zu dem
kleinen Mädchen Vreni (so ungefähr war ihr Name). Ach, eigentlich gibt
es viele solche Passagen in deinen Mails, die so schön sind, dass es
fast schmerzt sie zu lesen.
*
Ja, der Film gestern war
interessant. Und speziell eine Szene war sehr dramatisch und ergreifend.
Der Fotograf, ein nicht mehr allzu junger Mann, sass still im Gras und
betrachtete die Gorillas, als plötzlich ein Weibchen, natürlich riesig
im Verhältnis zu seiner Grösse, auf ihn zuging und ihn in seine Arme
nahm. Und so sass sie lange da und hielt ihn umschlungen wie man nur
jemanden umarmt den man wirklich lieb hat. Zum Glück konnten andere das
ganze verfilmen und er konnte sich diese Szene nachher nochmals in Ruhe
ansehen. Er verhielt sich ganz still und wagte nicht, wie er eigentlich
hätte wollen, die Gorilladame zu umarmen. Und die ganze Zeit war er
etwas ängstlich dass der Graurücken, der Leiter der Gorillas, mit
Eifersucht reagieren könnte. Er meinte auch, dieser Augenblick wäre der
stärkste seines Lebens gewesen.
Ja, es ist schön, wenn man einen
gefühlsmässigen Kontakt mit einem Tier hat. Ich glaube besonders mit
Hunden passiert das leicht und ich verstehe Menschen die einem Hund fast
wie einem guten Freund nachtrauern.
*
Hier scheint heute
die Sonne und in den Bäumen hängen kleine Tropfen wie Kristalle. Die
Erde ist von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Es ist ganz einfach
schön.
Du hast recht. Es ist etwas einsam hier im Haus. Meistens
bin ich so sehr beschäftigt dass ich es nicht allzusehr merke. Aber wenn
Anna nach Hause kommt erfüllt sich das Haus mit einer Wärme und einem
Wohlbehagen, das ich vermisse wenn ich allein bin. Aber ganz allein bin
ich ja nicht hier. Du bist auch jeden Tag gegenwärtig. Und oft ist es
schön mit dir hier allein sein zu können. :-)
Nahrungseinnahme.
Das ist gut ausgedrückt. Und manchmal, wenn ich mich nicht einmal
hinsetze beim Frühstück z.B., denke ich an einen Satz in einem
englischen Buch, das ich vor langer Zeit gelesen habe. "She ate standing
so as not to make a ceremony out of it". Das Buch hat mir damals so gut
gefallen, dass ich es zum Schluss fast auswendig konnte. Und meine
Bekannten waren entweder hoch begeistert davon oder fanden es sehr
schlecht. Ich frage mich zu welcher Gruppe du gehört hättest. Das
Büchlein heisst: "The Girl with the green Eyes" von Edna O'Brian. Es ist
das mittlere Buch einer Trilogie über das Leben zweier Mädchen aus
Irland.
*
Ach, endlich verstehe ich deine Liebe für Wien.
Ja, es ist so, wenn man heiratet wählt man ein Leben. Schade, dass man
oft mehr mit den Hormonen als mit dem Verstand wählt. ;-) Seitdem ich
Kontakt mit Wien habe sehe ich was für ein schönes Leben man dort leben
kann. Rs Frau hat auch beruflich sehr interessante Aufgaben. Irgendwie
dirigiert sie das Musikleben in Wien. Konzerte, Ausbildung,
Aufführungen.. Neuerdings will man ein neues chinesisches Musikseminar
an der Musikuniversität aufbauen, es gibt eine ernste Anfrage. Solche
und ähnliche Dinge hat sie zu organisieren. "Wien, Wien, nur du
allein..."
*
Darf ich fragen wieviele Frauen du in deinem
Leben geliebt hast? Oder ist das gegen die § oder zu persönlich? Ich
meine Sartre und Simone haben sich darüber unterhalten. Warum sollten
wir es nicht können? ;-)
*
Bist du schockiert, ..? Ich muss schmunzeln wenn ich an deine Miene denke.
So, nun rasch wieder ins BL (Berufsleben). Ja, es unterscheidet sich stark von meinem PL.
Mit lieben Grüssen
Marlena
Ämne: PS
Ich bin nicht ganz sicher, dass ich eine Antwort
auf meine persönliche Frage haben möchte.. :-)
Gruss
M
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