Dienstag, 11. August 2015

Tour ... et retour


Tour

3/7
Subject: Ti voglio molto bene: Abschiedsküsse

Liebste Marlena
Wie geht es Euch denn dort oben im hohen Norden? Bei uns ist es ziemlich kalt. Vielleicht ist bei Euch ja noch schlimmer, ein Rückfall in den Vorfrühling? Ich sitze zuhause und versuche, meine sieben Sachen fertig zu packen. Eigentlich habe ich keine grosse Lust. Und ich kann es mir kaum vorstellen, dass ich heute Abend schon in der Luft sein sollte.
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Mit anderen Worten, heute abend um 1930h fliegen wir ab von Basel nach Zürich. Dort haben wir eine ganze Stunde Auftenthalt. Und dann geht es um 2100 ab nach Teheran, wo wir morgens um 430 ankommen sollen. Inshallah. Und Du weißt, meine Liebste, ich habe Dein Auge mit im Gepäck. Ich werde Dir alles zeigen, was von Interesse ist.
Ich küsse Dich meine Liebste, und ich wünsche Euch noch weiterhin schöne Ferien.
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PS: Ich habe mir einen 5-Tage-Bart wachsen lassen, damit mich die Moslems dort drüben wie einen Bruder empfangen. Let us hope for the best and expect ..

et retour

 
11/8
Subject: Wenn Fliegen fliegen ...

Liebe Marlena
Irgendwie weiss ich gar nicht, wie beginnen. Es gibt so grosse Lücken und Leerstellen, dass es viel aufzuholen gäbe. Eigentlich habe ich eine Art Tagebuch geführt. Ich habe aus dem Büro eine alte, leere Agenda aus dem Jahre 97 mitgenommen. Und darin habe ich die Tage einigermassen reflektiert. Es ist ja sonderbar im Iran.
Sie haben diese wunderschöne Erfindung des Schläfchens nach dem Mittagessen. In Italien nennen sie es Siesta. Die Perser haben dafür nicht ein eigenes Wort. Umso mehr geben sie sich diesem süssen Schlümmerchen hin. Es ist die beste Erfindung, die ich kenne, vielleicht neben der Erotik und der Hendune, der süssen, roten Wassermelone. Es gib im Iran etwa um 14 Uhr Mittagessen. Vielleicht auch um 1330h, je nachdem. Und nach dem Essen, meist irgend eine Speise mit Reis, kommt automatisch diese Schwere, die dich aufs Bett legt. Und langsam und gemächlich lässt du dich in diesen süssen Schlummer gleiten. Es gibt gar keine andere Möglichkeit, er erfasst Dich mit sanfter Hand und führt dich hinüber.
Zum Schlümmerchen legt man sich auf ein Bett, oder eine Matratze irgendwo im Haus. Man kann sich auch bloss auf den Teppich legen, vielleicht vor die Air Condition, wovon die Schwiegermütter vehement abraten.
Gegen dieses Schlümmerchen gibt es nur einen ernstzunehmenden Feind: die gemeine Stubenfliege. Kannst du dir vorstellen, wie so etwas läuft? Du liegst da und bist gleich weg in den süssen Schlummer, und dann setzt sich dieses Miststück auf deine Wange. Es ist die reine Provokation. Und mit einem unwilligen Wisch verscheuchst du sie. Du hört sie wegfliegen, dann bist du gleich wieder am Eingangstor des Schlafes. Doch dieses Mal und genau berechnete circa 5 Minuten später setzt sie sich exakt auf deine Nase. Du zögerst, deiner Hand einen entsprechenden Räumungsbefehl zu geben, es könnte ja alles auch ein neckischer Traum sein. Aber nein, sie stolziert kreuz und quer und gespreizt auf deiner Nase herum. Du hast keine andere Wahl, du musst reagieren und sie verscheuchen, andernfalls untergräbt sie deine Autorität vollständig. Und natürlich schaffst du es, dass sie sich dir unterwirft und schliesslich abdüst. Und so versuchst du dich - schon etwas unruhig und verärgert - zu entspannen und mit Hilfe schöner Vorstellungen von Neuem in den Schlaf zu wiegen. Du stellst dir vor, du stehst am Eingang des Golestan (Rosengarten) und hinten sitzt er, dein Edelgeliebter. Langsam näherst du dich ihm, mit einiger Beklemmung und ganz langsam und wohltemperiert. Und schliesslich nimmst du deinen Mut zusammen und fasst seine Hand und - verwegen wie du bist - suchst du mit deinen Lippen die Seinen. Ach wie süss, der feine Hauch durchfährt deinen ganzen Körper. Ein feiner Reiz auf der Lippe durch zieht deinen ganzen Körper wie eine elektrisierende Welle. Doch es artet aus in ein Kitzeln und es wird stärker und lästig gar. Und schliesslich stehst du ärgerlich da und reibst deine Lippen und beisst sie unwirsch, auf denen gerade noch dieses unverschämte Insekt auf- und abflaniert war. Das ist wirklich die Höhe, denn mit dem süssen Kuss für den Edelgeliebten war wohl nichts gewesen. Es war alles die reine Illusion, und dies nur wegen dem lästigen Ding. Mittlerweile ist dein Ärger so angestiegen, dass du dich nicht mehr niederlegst, sondern gleich in die Küche schleichst, um dich mit einen starken Tee wieder völlig wach zu kriegen.
Deshalb heisst die einserne Regel für den Mittagsschlaf, liebe Marlena: nimm ein Leintuch mit, oder einen durchgeladenen Revolver. Das Leintuch ist insofern bequemer, als es dich auf einfache und konventionelle Weise vor lästigen Insekten schützt, indem du es über deinen ganzen Körper ziehst. Der Revolver, zugegeben, ist etwas umständlicher und manchmal auch gemeingefährlich! Aber zur Not auch dies eine durchaus diskutable Variante!
KUSS

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