Mittwoch, 26. August 2015

Uhrzeit und Ereigniszeit


Liebe Malou

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Ich beschäftige mich zur Zeit mit interkulturellen Fragen. Das ist ein
interessantes Komplex, und natürlich bin ich davon auch persönlich
betroffen, indem bei uns der Bosporus mitten durch die Wohnung
verläuft. Ein wichtiger kultureller Faktor ist der Umgang mit der
Zeit. Die Orientalen leben im wesentlichen nach der Ereigniszeit. Eine
Versammlung beginnt, wenn alle da sind, und endet, wenn man sich
verabschiedet. Die Ereignisse geben die Zeitphasen vor. Und ich muss
sagen, dass ich einen Grossteil meines Lebens so gelebt habe.
Mindestens meine Schulzeit, inklusive Universität, war geprägt von
dieser Auffassungsart von Zeitdauer. Natürlich gab es damals Termine,
aber sie standen nicht im Vordergrund und sie hatten mein Leben nur
nebenbei beeinflusst, nicht wirklich geprägt. Die Uhrzeit, nach
welcher die westliche Welt nach der Industrialisierung hauptsächlich
lebt, ist in jeder Hinsicht absolut abstrakt, hart und leer. Und sie
ist in der Lage, uns jede Menge Stress zu verursachen. Man kann hören,
dass einige Kulturhistoriker nicht die Dampfmaschineals die
Einflussreichste Erfindung des Industriezeitalters bezeichnen, sondern
eben die mechanische Uhr, welche die Uhrzeit in Stunden und Minuten
vorgibt. Lange Zeit waren die Uhren damalsschon recht genau, aber es
gab keine wirkliche Standardisierung. Von Ort oder Region zu Region
änderte die Zeit vor- und rückwärts. Und es waren nicht zuletzt die
nationalen Eisenbahnen, die eine Vereinheitlichung und
Standardisierung der Zeit vorantrieben. Ich glaube, erst im 20.
Jahrhundert hat die USA per Gesetz 4 Zeitzonen definiert. Vorher waren
es einmal um die 50.

Na ja, das ist ein interessantes Thema, dieses Verständnis der Zeit.
Weil ja – wie wir seit Heidegger wissen – Sein und Zeit identisch
sind, ist die Rythmisierung und Ordnung der Zeit tief in Fleisch und
Blut des Menschen. Ich glaube – und jetzt kommt die Pointe – ich
glaube, dass der Übergang ins Pensionsalter einem solchen Übergang von
der Uhrzeit in die Ereigniszeit entspricht. In der Pension kann man
sich, wie früher einmal in der Kindheit, soviel Zeit für Dinge und
Tätigkeiten nehmen, wie sie es für sich verlangen. Man braucht nicht
mehr mit Minuten und Terminen zu kämpfen. Die Hauptsächlichen Uhren
bleiben der Hunger und der Schlaf, die Dämmerung und der Gang der
Natur. Das ist eine Rückkehr zur Natur, wie man davon vielleicht immer
wieder in diesen hektischen Zeiten geträumt hatte.

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Mit lGuK



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