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«Es gibt das Böse um des Bösen willen»
Ein Gespräch mit Lars Gustafsson in Zürich
Als der wohl wichtigste Vertreter der zeitgenössischen
schwedischen Literatur ergründet Lars Gustafsson
seit 50 Jahren schreibend das Dasein. Auf
seiner Suche nach dem Menschen hat der Poet
und Philosoph diese Woche in Zürich Halt
gemacht und der NZZ seinen neuen Roman «Der
Dekan» entschlüsselt.
cav. Lars Gustafsson schafft ein Lebenswerk
in den verschiedensten Bedeutungen des Wortes.
Seine Gedichte, Essays und mittlerweile 17
Romane drehen sich um das Mysterium menschlicher
Existenz im Allgemeinen, den Umgang mit der
eigenen Fragwürdigkeit im Besonderen. Literatur
ist für den 1936 in Mittelschweden geborenen
promovierten Philosophen ein Experimentierfeld
zur Ich-Erkundung. Den Satz: «Ich probiere
Geschichten an wie Kleider» könnten wir uns
aber auch aus einem weiteren Grund als Motto
über Gustafssons Œuvre denken: Für den poeta
doctus, der seit zwei Dezennien an der University
of Texas in Austin Philosophie lehrt, sind
Reminiszenzen an Dante bis Nabokov und eben
Max Frisch Teil seines Spiels mit Biografie.
Tatsächlich lässt Gustafsson den Ich-Erzähler
Spencer Spencer am Schluss seines neusten
Romans, «Der Dekan», sagen: «Ich bin nicht
Spencer Spencer.»
Essen mit Frisch und Dürrenmatt
Mit Max Frisch übrigens hat Gustafsson zumal
während seines Aufenthaltes in Berlin in
den Jahren 1973 und 1974 oft und gerne verkehrt.
Bekanntschaft geschlossen hatten die beiden
im Frühjahr 1970, als Gustafssons Dreiakter
«Die nächtliche Huldigung» am Zürcher Schauspielhaus
in deutscher Übersetzung uraufgeführt wurde
und der anwesende Autor «mit Interesse verfolgte,
wie mein nicht-marxistisches Stück einer
marxistischen Interpretation unterzogen»
wurde. Im Interview mit der NZZ erinnert
sich Gustafsson überdies an ein gemeinsames
Nachtessen mit Frisch und Friedrich Dürrenmatt
im Restaurant Florhof. «Dieses Treffen ist
literaturhistorisch gewiss interessant. Ich
glaube, wir sprachen über Fischsaucen.»
Für Gustafssons poetisches Zeichensystem
ebenso wichtig wie der Anklang an andere
ist die Selbstreferenz. Jedes Buch erscheint
ein Stück weit als Kommentar eines Vorgängertextes.
Bei aller Originalität hat sich der Philosophendichter
aber lange mit dem literarischen Zeitgeist
bewegt. Seine frühen Arbeiten orientieren
sich am «nouveau roman», der in den 1970er
Jahren geschaffene Romanzyklus «Die Risse
in der Mauer», der den Autor in Schweden
lagerübergreifend in Misskredit gebracht,
in Deutschland dagegen zum geschätzten Intellektuellen
gemacht hat, steht zumindest vordergründig
im Zeichen der Bekenntnisliteratur. Seit
seiner Übersiedlung in die USA beschreibt
Gustafsson das Rätselwesen Mensch in immer
neuen verschachtelten Realitäten und Fiktionen.
Dabei eröffnet sich gerade in den jüngeren
Texten eine metaphysisch-
Dimension. Nicht umsonst widmet der Zürcher
Theologiedozent Jan Bauke-Rüegg dem zum Judentum
konvertierten Schriftsteller in einer unlängst
erschienenen Studie ein ausführliches Kapitel.
Grossen Raum nimmt darin Gustafssons Behandlung
des moralisch Bösen im Roman «Die Sache mit
dem Hund» (1994) ein.
Saddam Hussein - personifiziertes Böses
Auch «Der Dekan» handelt vom Bösen: Der Philosophieprofessor
Spencer gerät in den Dunstkreis des Fakultätsvorstehers,
des Vietnamveteranen Paul Chapman, und wird
von diesem ins Unglück geritten (NZZ 24. 8. 04).
Im Gespräch entdeckt uns Lars Gustafsson
die Story als eine Paraphrase auf den «Faust»:
Spencer stehe für den Famulus Wagner, Chapman
sei Faustus. «Ein handfester Mephisto fehlt.
Teuflisch ist dafür die gedankliche Versuchung,
das Leben sei sinnlos. Der Teufel ist die
Nichtigkeit, von der im Roman die Rede ist.»
So handelt es sich beim «Dekan» um eine Kritik
an seiner eigenen, in den 1960er Jahren vertretenen
nihilistischen Tendenz? Gustafsson schmunzelt:
«Ich versuche einige Ideen und Begriffe so
weit in eine Richtung zu drängen, bis man
sieht, woraus sie bestehen.» Im Übrigen ist
er der Überzeugung, dass es «das Böse um
des Bösen willen» gibt. Gustafsson empfindet
es denn als «sehr befriedigend», wenn Präsident
Bush «hemmungslos vom Bösen spricht. Der
Anschlag auf das World Trade Center war das
reine Böse. Ebenso war Saddam Hussein einfach
nur böse.»
Gustafsson betont jedoch, er habe den «Dekan»
vor dem 11. September 2001 geschrieben. Mit
den «modernen arabischen Mördern», die im
Roman erwähnt werden, seien palästinensische
Selbstmordattentäter gemeint, nicht die Hijacker
der Kaida. Folglich lasse sich auch die verurteilende
Schilderung des Vietnam-Krieges im «Dekan»
nicht als ein Kommentar auf den zweiten Irak-Krieg
lesen. Gustafsson räumt freilich ein, dass
der Roman die Realität in einem gewissen
Sinne vorweggenommen habe. «Die Dichter haben
nun einmal etwas von einer Pythia.»
Apropos Blick in die Zukunft: Zurzeit arbeitet
die Pythia an einem Versroman, «der hoffentlich
weniger langweilig ist als Goethes ‹Hermann
und Dorothea›». Dessen Inhalt behält Lars
Gustafsson zwar noch für sich. Sicher indes
dürfte jetzt schon sein: Uns erwartet eine
mysteriöse Lektüre.
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