Mittwoch, 19. Oktober 2016

7. November


Date: 7 November  09:20

Liebe Malou
Ich danke dir ganz herzlich für die guten Geburtstagswünsche. Und auch für das sms, das gestern plötzlich hereingeflogen ist. Und dass sie am 6. November Schweden beflaggen, ist mehr als richtig. Natürlich tun sie das auch ein bisschen wegen dem reformierten König mit seiner katholischen Tochter, die ich doch im St. Peter in Rom gesehen habe. Wir beziehen uns auf solche Dinge in einem Satz oder zwei. Das ist merkwürdig, wenn man bedenkt, wieviel Freud und wieviel Leid in solchen Ereignissen für die Betroffenen gelegen haben mögen.
 
Ja, du bist mein Heftpflaster Malou. Du bist diejenige Person, die  noch in meine tiefere Vergangenheit gesehen hat. Ich merke langsam, wie es ist, solcherart von der Vergangenheit abgeschnitten zu sein. Es wird nie mer möglich sein, sich voll zurückzuerinnern. Ich meine in einer Art, wie es eine Familie tut, wenn alle gemütlich zusammen sitzen und einer fragt: weisst du noch?. Natürlich kann man sich zurückerinnern. Aber die Erinnerungen werden nicht mehr ergänzt von andern Familienmitgliedern um sie zu einem vollen Bild zu komplettieren, vielleicht um Irrtümer aus dem Weg zu räumen, um starke Gefühle der Gemeinsamkeit aufkommen zu lassen.
 
Aber weisst du Malou. Ich habe da eine sehr merkwürdige Vorstellung. Ich weiss, wie sehr mich solche Erinnerungen melancholisch machen. Und je älter man wird, desto weiter reichen solche Vorstellungen in die Vergangenheit. Man fühlt sich wie ein Balanceur auf dem hohen Seil, der tief hinunter sieht. Manchmal habe ich den Eindruck, meine Trennung sei auch der Versuch, von diesem hohen Seil herunterzuikommen. Jetzt ist die Vergangenheit sozusagen gestutzt, und verliert sich nichtmehr in unendlich weiten Hallen des Dämmerlichts. 

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Ja liebe Malou, ich habe den Eindruck, ihr - du und K - seid ein stilles Paar. Warum macht ihr nicht mehr Einladungen? Du musst K ein bisschen dran gewöhnen, denn du selbst magst das sehr. Und ich glaube, du brauchst das auch. Man muss ja nicht immer grosse mehrgängige Essen zubereiten (obwohl das auch schön sein mag), man kann es bei einem Tee, mit einem gemeinsamen Spaziergang oder weiss ich was machen. Ich glaube, das würde deine Lebensqualität ohne grossen Aufwand sehr erhöhen. Ich denke, wir Nordeuropäer haben die Tendenz, dass wir daraus eine aussergewöhnliche Situation zu schaffen versuchen. Man springt und holt das gute Geschirr hervor, man denkt, es brauche besonderes Gebäck, eine spezielle Flasche Wein. Aber eigentlich genügte doch, die andern am eigenen Vier-Uhr-Tee und dem Gespräch teilehmen zu lassen.
 
Na ja. Das sind nur so Gedanken.
Ich danke dir Malou und gürsse dich lieb.
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