| Date: | 7 November 09:20 |
Liebe Malou
Ich danke dir ganz herzlich für die guten Geburtstagswünsche. Und
auch für das sms, das gestern plötzlich hereingeflogen ist. Und dass sie
am 6. November Schweden beflaggen, ist mehr als richtig. Natürlich tun
sie das auch ein bisschen wegen dem reformierten König mit seiner
katholischen Tochter, die ich doch im St. Peter in Rom gesehen habe. Wir
beziehen uns auf solche Dinge in einem Satz oder zwei. Das ist
merkwürdig, wenn man bedenkt, wieviel Freud und wieviel Leid in solchen
Ereignissen für die Betroffenen gelegen haben mögen.
Ja, du bist mein Heftpflaster Malou. Du bist diejenige Person, die
noch in meine tiefere Vergangenheit gesehen hat. Ich merke langsam, wie
es ist, solcherart von der Vergangenheit abgeschnitten zu sein. Es wird
nie mer möglich sein, sich voll zurückzuerinnern. Ich meine in einer
Art, wie es eine Familie tut, wenn alle gemütlich zusammen sitzen und
einer fragt: weisst du noch?. Natürlich kann man sich zurückerinnern.
Aber die Erinnerungen werden nicht mehr ergänzt von andern
Familienmitgliedern um sie zu einem vollen Bild zu komplettieren,
vielleicht um Irrtümer aus dem Weg zu räumen, um starke Gefühle der
Gemeinsamkeit aufkommen zu lassen.
Aber weisst du Malou. Ich habe da eine sehr merkwürdige
Vorstellung. Ich weiss, wie sehr mich solche Erinnerungen melancholisch
machen. Und je älter man wird, desto weiter reichen solche Vorstellungen
in die Vergangenheit. Man fühlt sich wie ein Balanceur auf dem hohen
Seil, der tief hinunter sieht. Manchmal habe ich den Eindruck, meine
Trennung sei auch der Versuch, von diesem hohen Seil herunterzuikommen.
Jetzt ist die Vergangenheit sozusagen gestutzt, und verliert sich
nichtmehr in unendlich weiten Hallen des Dämmerlichts.
(---)
Ja liebe Malou, ich habe den Eindruck, ihr - du und K - seid ein
stilles Paar. Warum macht ihr nicht mehr Einladungen? Du musst K ein
bisschen dran gewöhnen, denn du selbst magst das sehr. Und ich glaube,
du brauchst das auch. Man muss ja nicht immer grosse mehrgängige Essen
zubereiten (obwohl das auch schön sein mag), man kann es bei einem Tee,
mit einem gemeinsamen Spaziergang oder weiss ich was machen. Ich glaube,
das würde deine Lebensqualität ohne grossen Aufwand sehr erhöhen. Ich
denke, wir Nordeuropäer haben die Tendenz, dass wir daraus eine
aussergewöhnliche Situation zu schaffen versuchen. Man springt und holt
das gute Geschirr hervor, man denkt, es brauche besonderes Gebäck, eine
spezielle Flasche Wein. Aber eigentlich genügte doch, die andern am
eigenen Vier-Uhr-Tee und dem Gespräch teilehmen zu lassen.
Na ja. Das sind nur so Gedanken.
Ich danke dir Malou und gürsse dich lieb.
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