Lieber ...,
Ich bin nochmals im Hotmail hängen geblieben. Da gibt es so viel Wunderbares zu lesen.
Schau mal hier, dein Lob an deine Mutter, als sie 80 wurde.
*
Am Samstag hat meine Mutter zu ihrem Geburtstagsfest eingeladen.
Sie ist 80 geworden. Es sind etwa 30 Personen, die kommen. Wir
habenein Essen im Hotel, dann einen kleinen Ausflug im Autocar zu
einem Ausblickspunkt. Dort gibt es offenbar Kaffee mit Kuchen, wie
die Deutschen sagen würden. Ich mag solche Familienschläuche
nicht sonderlich. Aber bei diesem hohen Geburtstag will ich ein
Augezudrücken. Meine Geschwister haben mich gedrängt, ein paar
Worte zu sagen. In einem Kunstbuch habe ich kürzlich von einem
amerikanischen Maler gesesen: It is best to think of the faces as
mirrors. Nicht, dass das eine neue Erkenntniswäre. Das wissen wir
in Europa schon seit Jahrhunderten. Aber wenn ein Amerikaner das
in so kindlich naiven Worten sagt, dann ist es fast wie eine neue
Erkenntnis. So habe ich mir gedacht, dass ich alle die Kinder und
Kindeskinder frage, was sie an ihrer Oma oder Mama schätzen.
Und das werde ich dann irgendwie vortragen.
Unsere Mama, soviel ist nach den bisherigen Gesprächen klar, ist
eine vielgeliebte und hochgeschätzte Oma. Die Kinder mögen sie
besonders, weil es bei ihr immer spannend ist. Sie nimmt sich Zeit,
macht Anregungen zu Spielen und Beschäftigungen, hat immer
Utensilien, Papier und Kleister bereit für Bastelarbeiten, und hat
selbst viel Fantasie und Fingerbegabung, um eigene künstlerische
Dinge zu gestalten. Sie macht schöne Zeichnungen im
Freundschaftsalbum. Sie kann aus Abfall einen virtuellen
Blumenstrauss basteln. Und sie erzählt Geschichten, die sie gleich
aus dem vergangenen Tag heraus kondensiert und am nächsten Tag
fortsetzt. Es sind ihre daily soapes, wie ich spasseshalber sage.
Ich glaube, mich hat vor allem ihre lebendige und plastische
Fantasie beeinflusst, und sie hat mir gezeigt, wie man sie im Leben
nützlich gebrauchen kann, so dass die Spielräume des Lebens
offener und vielfältiger werden. Ich glaube, als ich noch jung war,
waren meine Möglichkeiten durch die schwierigen Erlebnisse
ziemlich begrenzt. Ich fühlte mich damals auch irgendwie
scheu und eingeengt. Vielleicht ist auch die Thematik meines
Studienabschlusses "Spiel und Geschichten" von ihren Anregungen
beeinflusst? Man bemerkt solche Dinge ja manchmal erst viel
später im Leben.
Auf jeden Fall ist sie eine sehr anregende und intelligente Frau, die
mit viel Fingerspitzengefühl und Diskretion ihre Lebenserfahrung
entfaltet. S. erzählt allen ihren Freundinnen, dass sie sich keine
bessere Schwiegermama wünschen könnte. Natürlich hat sie
persische Vorstellungen von Schwiegermamas. Die sind ja die
Patronne im Haus, und eine Schwiegertochter, die sie
traditionellerweise mehr oder weniger selbst ausgewählt hatte, muss
sich ihr absolut unterordnen. Daraus entstehen bestimmt auch heute
noch viele tragische Situationen im Iran, gerade in dieser heutigen
Uebergangszeit von geschlossenen zu offenen Gesellschaften, da
junge Menschen viel mehr wissen und autonomer werden, als es die
Alten je waren.
Mein Schwager T. hat mir erzählt, dass er zu ihr gehen würde, wenn
er eine Vertrauensperson suchte, um irgendwelche persönlichen
Lebensprobleme diskret besprechen zu können. Und er bewundert
an Oma, dass sie sich in ihrem Alter vor einigen Jahren noch einen
Computer gekauft hat, um ihre Briefe zu schreiben, was wegen ihrer
geschwächten Augen nicht mehr allzu leicht ist.
Ich glaube, die Kinder mögen an ihr vor allem diese grosszügige und
akzeptierende Lebendigkeit, diese inspirierende Präsenz und
Neugirde, mit der sie Anregungen gibt und die Ideen der jungen
Seelen in ihrer ganzen Unvollkommenheit akzeptiert. A. hat
zwinkernd gesagt, ein Spaziergang mit Oma und ein Spaziergang
mit uns, dazwischen lägen Welten. Und meine kleine Schwester
erinnert sich, wie sie ihr in allen Lebenssituationen, da sie zögerte,
Mut zugesprochen habe. Du kannst das, habe sie immer wieder
gesagt. Es war eigentlich S's Idee, an diesem Fest der Mama einige
schöne Sachen zu sagen. Und - so denke ich - werde ich es versuchen.
Mama selbst soll gewünscht haben, dass es ein lustiger Anlass wird.
Sie habe angeregt, dass man doch Witze erzählen solle. Und so habe
ich auch S. angeregt, vielleicht einige zu finden. Wir werden sehen,
wie es herauskommt.
Ich muss noch meine ältere Schwester und ihren Sohn sprechen,
sowie meine zwei bellesoeurs (heisst das so, schreibt man das so??)
*
Und jetzt kommt langsam Müdigkeit auf. Ich werde heimgehen,
frühstücken, duschen, und dann - so Gott will - an die Sitzung eilen.
*
Ich bin sehr froh, dass ich diese Zeit in deinem Leben miterlebt habe.
Grüsse dich nochmals lieb.
Heute Nacht werden unsere Uhren eine Stunde zurückgestellt.
MlGuK
Malou
Re: Lob an ..
Liebe Malou
Ach, das ist aber lieb, dass du mir diese alten Gedanken sendest.
Ich hatte es bereits wieder vergessen. Nicht meine Mutter, aber diesen
Anlass habe ich mehr oder weniger vergessen. Ist es nicht unheimlich,
wie die Zeit geht, oder sagen wir wie WIR vergehen, wie wir in dieses
schwarze Loch der Vergessenheit geraten. Es ist unheimlich. Sehr
unheimlich! In einigen Jahren weiss niemand mehr von den Dingen, die
wir gewusst und die wir einmal für wichtig gehalten haben. Camus könnte
dazu ein paar Dinge sagen.
(---)
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