Liebe Malou
Merci für die hübschen Bilder. Die Farben sind so warm und
ansprechend, dass man meint, irgendwo in südlicheren Gefilden zu sein.
Ja, das ist eine hübsche Umgebung. Deine Anna hat ein gutes Leben, auch
wenn es zur Zeit noch streng ist. Aber neben dem Studium ist doch auch
wichtig, dass die athmosphärischen Bedingungen gut sind.
Ich erinnere mich, wie ich nach der Matur nach Zürich an die ETH
gekommen bin. Ich habe damals in einem Studentenheim des Rotary Club
Zürich gewohnt. Das war an sich nicht schlecht, sicherlich besser als
irgendwo in einem privaten Zimmer zu hausen. Die Möblierung war schon
da. Ich musste aber meinen Raum mit einem Physikstudenten in oberen
Semestern teilen. Ich glaube, er war Auslandschweizer und hat in
Spanien, vielleicht auch in Südamerika gelebt. Jedenfalls war er
schweigsam wie ein Eisberg, ist immer erst nach 22h heimgekommen. Und
hatte natürlich den besseren Zimmerabteil vorne an den Fenstern. Wenn er
heimkam, musste er an meinem Bett vorbei. Ich habe mich dort überhaupt
nicht zuhause gefühlt. Und noch weniger in der Technischen Hochschule,
in diesen dunkeln Hallen des alten Gebäudes von Semper. Erst nach
einigen Jahren habe ich mich in Zürich wirklich zuhause gefühlt. Dann
war es prima. Dann hatte ich aber auch ein eigenes Zimmer. Es war klein.
Aber ich habe mich dort wohl gefühlt.
Gestern hatten wir unsere Generalversammlung im Club.
Traditionellerweise findet er an einem anderen Ort statt als die
wöchentlichen Meetings. Wir waren in Muttenz, hatten eine bequeme Aula
für die Sitzung und nachher ein prima Essen. Wir sind mittlerweile 65
Mitglieder geworden, habe ich festgestellt. Ich kenne nicht mehr alle
mit Namen. Daran sieht man, dass ich bereits zu den Alten mit dem
schlechten Gedächtnis gehöre. Das stimmt zwar nicht ganz, denn auch die
Jungen kennen nicht alle mit Namen. Aber auf eine andere Weise. Nun ja,
für mich ist es einfach ein bisschen irritierend, weil ich mich bisher
im Club eher als Junger gefühlt habe. Aber ich glaube, es ist nicht
aufzuhalten. Man rutscht langsam aber sicher auf die Seite der Alten. Im
letzten Jahr sind zwei von uns verstorben. Und das Durchschnittsalter
ist bestimmt um die 60. Ich werde vorschlagen, dass wir eine
Begräbnisabteilung einrichten.
Ich will dir nicht das gesamte Menue von gestern Abend zitieren.
Ich will nur soviel verraten: ich fühle mich immer noch ziemlich satt.
Es gab ein schönes Salatbuffet mit vielen Varianten inklusive Melonen,
Artischoken, Aufschnitt etc. Nun ja, sie haben gewusst, wie sie diesen
Club der Alten stillstellen mussten. Auch der Dessert war von einer
Statur, über die niemand sich beschweren konnte.
Und jetzt also bin ich wieder im Büro, bereite meinen Latte macchiato und versuche, mich auf den kommenden Tag zu konzentrieren.
Liebe Gs und Ks
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