| Date: | 6 November 08:30 |
Liebe Malou
Ja, du musst mir keine Mails versprechen Malou. Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert, sagt man .
Hier regnet es. Wir kennen das kaum mehr. Aber es kommt wenig Wasser herunter. Die Natur könnte wohl etwas mehr brauchen.
Ich bin froh, dass der Montag hinter mir ist. Wir hatten unsere
Sitzung in Basel, eigentlich Binningen. Das ist nicht sehr weit von
meiner Wohnung. Und ich kann an solchen Montagen, den ersten im Monat,
ein wenig länger schlafen. Aber meist erwache ich spontan früher und
dann bringt die Zeit auch nicht viel. Es ist verrückt, wie sehr unsere
Zeit auf die Arbeit ausgerichtet ist. ...
Abends ist es jetzt dunkel, wenn ich joggen gehe. Auf dem
Schützenmattpark, wo sich offenbar die Homos treffen, ist es jetzt
abends still geworden. Nur selten geistert noch einer durch die
Dunkelheit Gestern bin ich durch hohes Laub gewatet. Der Wind hat alles
auf der Stadtseite zusammen getrieben. Das Weglein war noch ziemlich
trocken. Es ist gut, vor dem Schlafen noch in die kühle Luft zu gehen.
Vielleicht muss ich jemanden suchen, der das mit mir zusammen tut.
Gemeinsam wäre natürlich unterhaltsamer. Manchmal ist es etwas
langweilig, bloss so in die Runde zu gehen. Aber manchmal habe ich den
Kopf voller Gedanken, so dass ich nicht merke, wie die Zeit vergeht.
Im Club habe ich gestern Th getroffen. Seinem Arm geht es
besser. Sie haben ihm Fleisch aus dem Oberschenkel transplantiert. Das
war doch immerhin eine grössere Operation, nicht wahr? Offenbar hat sich
letzte Woche ein Journalist der BAZ bei ihm gemeldet, um ein Interview
zu machen. Theo wollte erst nicht, hat dann aber doch. Aber er hat
offenbar die ältere Dame, die Hundebesitzerin, in Schutz genommen und
alles mit Revierfragen erklärt. Der Vorfall hat sich ganz in der Nähe
des Wohnhauses der Hundebsitzerin abgespielt. Th meint, der Hund hatte
bloss die Absicht, sein Revier zu verteidigen. Th hat jetzt einige
Wochen intensivster kynologischer Studien hinter sich. Es wird nicht
lange dauern, und er wird die Seligsprechung des Köders einleiten.
Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich zwei verlorene Tauben auf
dem Dach gegenüber. Und da kommt mir Venedig in den Sinn. Gerade hinter
unserem Hotel namens Cavaletto, mitten im Zentrum, lag ein kleiner
Hafen. Nachts war er voller Gondeln. Es war sozusagen ein
Gondel-Parkplatz. Und vom Frühstücksraum her konnte man gerade auf
diesen kleinen Hafen mitten in den Häusern sehen und zuschauen, wie die
venezianischen Taxis losfuhren, um den Arbeitstag zu beginnen. Das war
sehr hübsch. Für Raucher und Fotografen gab es sogar eine kleine
Terasse, um hinauszusitzen. An einem Morgen haben wir ein Hochzeitspaar
gesehen. Ich glaube, die Frau im Schleier hatte eine Maske auf.
Allerdings war ein Filmteam in der Nähe und hat gedreht. Die Szene war
also gestellt. Endlos lange haben sie am Schleier und an der Sitzhaltung
der Dame herumgenestelt. Schauspielerei muss echt langweilig sein. Und
das konnte man alles beobachten bei feinen Brötchen mit Butter und
Honig, bei diesen italienischen Croissants gefüllt mit Konfitüre, bei
Ei und Speck, bei Orangen- oder Grapefruitsaft etc. etc. Nur der Kaffee
war ein bisschen schwach und dünn. Er kam eben aus der Thermosflasche.
Gar nicht so rassig, wie man sich einen echten Italiener vorstellen
würde.
Vielleicht habe ich ein Foto von diesem kleinen Hafen? Ich werde
dir schicken, sobald ich sie entwickelt habe. Ich habe nämlich meine
alte Kamera nach Venedig mitgenommen, nicht die neue digitale, sondern
die - wie soll ich sagen? - mechanische. Ich habe noch soviele Filme,
die ich brauchen sollte. Eigentlich kann ich mit dieser Kamera bessere
Bilder machen als mit der kleinen digitalen. Bei ihr weiss man nie, wann
sie wirklich klickt. Sie reagiert verzögert, und das führt dazu, dass
ich die Bilder abreisse. Ich bin eben noch aus dem letzten Jahrhundert.
Ja, eigentlich bin ich über die Tauben auf diese Gedanken gekommen. Es hatte wirklich endlos viele Tauben auf dem Platz vor San Marco. Sie kommen daher wie die Heuschrecken. Da und dort gibt es einen kleinen Stand, wo einer Maiskörner verkauft. Die Tauben sind sozusagen Tourismusangestellt der Stadt Venedig. Sie verschmutzen zwar ihre schönen Gebäude, aber sie halten die Amis auf Trab.
Ja, eigentlich bin ich über die Tauben auf diese Gedanken gekommen. Es hatte wirklich endlos viele Tauben auf dem Platz vor San Marco. Sie kommen daher wie die Heuschrecken. Da und dort gibt es einen kleinen Stand, wo einer Maiskörner verkauft. Die Tauben sind sozusagen Tourismusangestellt der Stadt Venedig. Sie verschmutzen zwar ihre schönen Gebäude, aber sie halten die Amis auf Trab.
Wir haben immer gescherzt und Bemerkungen gemacht über Brunetti.
Kennst du ihn Malou? Er ist der Komissar in den Krimis von Donna Leon.
Bei uns kommen diese Filme auf einem deutschen Sender am Fernsehen. Und
sie sind schön, weil sie immer feinste Stadtansichten von Venedig
vorzeigen. Alle ihre Krimis spielen in Venedig. Aber die Autorin hat
dafür gesorgt, dass sie nicht ins Italienische übersetzt werden.
Wahrscheinlich fürchtet sie, dass die Venezianer Amok-laufen würden,
wenn sie diese ihre Romane lesen könnten. Aber eben, schliesslich haben
wir Brunetti nicht angetroffen, obwohl wir an jeder Ecke, auch in der
letzten Biegung der Gasse dachten, er würde gleich auftauchen.
Der Tag ist so düster. Kein Wunder, dass ich in den Süden abschweife.
Ich wünsche dir eine gute Zeit.
Liebe Gs und Ks
...
...

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