Montag, 31. März 2014

Mit Lyrik verführen?


Hör mal meine Marlena
Mit deinen vielen Texten über die Liebe, von der Liebe, in Liebe, willst du meine Gefühle anstacheln? Du willst wohl Öl ins Feuer giessen? Du willst mich verführen mit Rilkes Liebeslyrik? Willst du vielleicht, dass ich mich in platonischer Sehnsucht verzehre? Und dann auch noch Kästners mehrdeutige Geschichte über die Liebe und die Gardinen! Wohin wird das noch führen, wo wird es enden? Ich bitte dich, soll ich mich hier denn an Schokolade zu Tode fressen??
Marlena, sei ein bisschen vorsichtiger und schicke doch mal einen Text über die Zwietracht oder über einen tüchtigen Streit, oder sonst eine wilde und ärgerliche Sache!
*

Lieber Mausfreund!

Jetzt schäme ich mich fast ein bisschen. Du glaubst ich will dich
verführen weil ich dir diese Literatur sende. Wie soll ich dir das nun
erklären? Ich schicke dir Sachen die mir gefallen haben und an die ich
mich deshalb gut erinnere. Damals als ich sie zum ersten mal las war
ich ganz sicher verliebt (kann mich nicht erinnern dass ich es mal
nicht gewesen wäre ;-) Ich könnte dir natürlich auch Goethes Faust
senden. (Ach ja, ist ja auch dasselbe Thema) Gibt es denn überhaupt
was das nicht von Liebe handelt? Der Panther vielleicht (du weisst
Rilkes Versuch ein ganz objektives Gedicht zu schreiben, wie eine
Statue von Rodin). Ja, das ist schön!!! Immer wenn ich es höre muss
ich an einen Besuch in Kolmården (grosser Tierpark) denken. Ich
stand vor dem Tigerkäfig, ganz nahe, nur eine Glasscheibe trennte
mich von den wilden Katzen. Ein grosser Tiger ging so auf und ab
genau wie in Rilkes Gedicht, blieb aber plötzlich stehen, zu mir
gewandt, und schaute mir direkt in die Augen. Es war ein Erlebnis
das ich nie vergessen werde, so ein Augenblick wo die Zeit aufhört zu
existieren.... dann nahm er wieder sein "vorübergehn der Stäbe" auf.
Vielleicht ist dieses Gedicht das schönste das ich überhaupt kenne.
Das was du von Rilkes Versen sagst finde ich sehr interessant. Ich
habe es eigentlich nie richtig analysiert, weiss nur dass der Rythmus
seiner Reime mich fasciniert und so sehr tat, damals bei den
Vorlesungen an der Uni in Uppsala, dass ich fast begann in diesem
Rythmus zu denken. ;-) Auch wie er die Vokale verwendet z.B. dieses
"Stäbe gäbe". Man fühlt richtig die Müdigkeit und Monotoni. Aber
sicher kannst du dieses Gedicht auswendig (wer kann das nicht ;-)
...

Ich will nicht dass du unnötig dick wirst und so wäre es wohl garnicht
so schlecht wenn du deine Zeit ein bisschen verteilen könntest
zwischen deiner Geliebten und unseren Mails.
Mails sind, so weit ich weiss, nicht fett- noch kariesbildend. Sie
sind ziemlich ungefährlich, glaube ich.
Wünsche dir noch einen schönen Abend
Marlena

17. März 2000

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