Samstag, 28. April 2018

Oh là là oder hoppla!


Subject:  Oh là là oder hoppla!
Date: Fri, 24 Mar 16:58


Liebe Marlena

Deine Frage war, ob man Mausfreunde embrasser darf, oder meintest du embarasser? Nun ja, was soll ich dazu sagen? Kommt darauf an! Manchmal gelingt beides zugleich. Wäre jetzt für dich vielleicht nicht allzu leicht zu bewerkstelligen, embarrasser meine ich, weil ich das ohne Weiteres akzeptieren würde.

Weißt du, was mir heute aufgefallen ist? Normalerweise kopiere ich deine Mails in ein Word-Dokument, und ich schreibe meine Mails hier hinein und kopiere sie erst zum Schluss ins Internet. Ich schreibe manchmal nur kurz, dann arbeite ich wieder, dann schreibe ich wieder. Diese Methode würde bei Deiner Arbeit nicht funktionieren. Also, in diesem Dokument hier habe ich jetzt (nach zwei Monaten) sage und schreibe nicht 50 Seiten, nicht 100 Seiten, nicht 120 Seiten, nein ich habe ganze 144 Seiten. Sind wir denn verrückt geworden? Was in aller Welt erzählen wir uns? Du weißt ja bald mehr über mich als sonst jemand. OK, wir können noch etwa 5 oder 6 Seiten abziehen. Die hat Rilke geschrieben. Aber den Rest haben wir hin und her geplaudert und erzählt und erklärt und behauptet und geflirtet.

Am Anfang warst du echt kühl und reserviert. Habe ich nicht einmal gesagt, du seist ein Eisberg? Ich wollte dich provozieren. Doch das lässt du offenbar nicht so rasch mit dir geschehen wie ich mit mir. Wenn du schreibst, ich stehe als Dicker vor dem Fenster, dann hole ich weit aus zu einer Verteidigungsrede, nicht wahr?

Ich muss schmunzeln, wenn du oft sagst, du hättest zwar keine Zeit zum Schreiben, aber ich könne dir natürlich jederzeit schreiben, ohne deine Antwort abzuwarten. Das finde ich nun ganz und gar nicht diplomatisch, sondern sozusagen ein Wink mit dem Zaunpfahl, wie wir im Deutschen sagen. Das will heissen, es ist so deutlich, dass auch der Dümmeste versteht, dass es ihm um die Ohren knallt.
Also, es sind 145 Seiten! Sollen wir denn ein Buch daraus machen? Oder bringst du dich damit durch den Winter, indem du alles sofort in der Heizung verbrennst? Ich habe nun hier ja wie gesagt nur einen kleinen Laptop, und damit kann ich jetzt nicht mal etwas ausdrucken.

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Im Moment habe ich merkwürdige Ideen, nicht wahr. Aber es ist vielleicht auch aus Freude, weil ich den Eindruck habe, es geht dir gut. Das freut mich wirklich, Marlena. Ich weiss nicht genau, warum mir das so wichtig ist, aber es macht mich geradezu vergnügt. Sonst hätte ich eigentlich wenig Grund. Die Sitzung heute morgen war alles andere als vergnügt, eher widerlich. Manchmal könnte ich die gesamte Verwaltung zum Teufel wünschen. Es ist wirklich eine widerliche Maschine. Und ich weiss nicht, warum ich hier ein Teil davon sein sollte.

Warum meinst du nourriture terrestre? Gibt es denn auch himmlische Nahrung, Manna oder so? Hättest du sowas auch noch anzubieten. Da würde ich nicht nein sagen. Aber ich bin wirklich bescheiden. Ein Croissant ist mir schon genug zum Morgenkaffee. Das rettet mich bis gut in den Mittag hinein. Und für den Rest sorge ich dann selbst.

Ich scheine mit jemandem um die Wette zu schreiben. Es geht einfach immer vorwärts und weiter und will nicht enden. Es ist wie auf der Couch zu liegen und vor sich hin zu erzählen. Wirklich. Und es geht mir so wie Dir, es kommen mir Ereignisse und Vorfälle und Bilder in den Sinn, die ich lange vergessen hatte. Es war einfach nicht mehr da, verschüttet, verdeckt, scheinbar verloren, und je länger ich davon erzähle, desto mehr steigt wieder herauf. Ich könnte gleich meine Memoiren schreiben. Es ginge im EINEM Atemzug. ...

(---)

Das ist das Leben, von dem wir nie genug bekommen können!

Lass es dir gut gehen dort oben im Norden.

Mit einem schönen Gruss


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