date 31 March 07:43
subject Re: ...
Liebe Malou
Hier ist das Wetter nun ziemlich mild geworden. Gestern hatte B. Geburtstag. Aber unser Essen machen wir erst am Samstag. Sie hatte keine Zeit, war mit ihrer Arbeit beschäftigt. Ich hatte ihr telefoniert und meine Glückwünsche per Distanz geschickt. So beschäftigt sind die jungen Leute heute schon. Na ja, manchmal denke ich, es ist auch ein bisschen Pose.
Aber schliesslich haben wir damals auch von Posen gelebt. Ich weiss noch, wie wichtig das richtige Jacket war. Ich hatte ein dunkelgrünes Jacket, grober Stoff und hinten in der Mitte einen Schlitz. Der Schlitz war total wichtig. Ohne Schlitz wäre das Jacket wertlos gewesen. Nur mit einem solchen Schlitz konnte man sich auf der Strasse zeigen.
subject Re: ...
Liebe Malou
Hier ist das Wetter nun ziemlich mild geworden. Gestern hatte B. Geburtstag. Aber unser Essen machen wir erst am Samstag. Sie hatte keine Zeit, war mit ihrer Arbeit beschäftigt. Ich hatte ihr telefoniert und meine Glückwünsche per Distanz geschickt. So beschäftigt sind die jungen Leute heute schon. Na ja, manchmal denke ich, es ist auch ein bisschen Pose.
Aber schliesslich haben wir damals auch von Posen gelebt. Ich weiss noch, wie wichtig das richtige Jacket war. Ich hatte ein dunkelgrünes Jacket, grober Stoff und hinten in der Mitte einen Schlitz. Der Schlitz war total wichtig. Ohne Schlitz wäre das Jacket wertlos gewesen. Nur mit einem solchen Schlitz konnte man sich auf der Strasse zeigen.
Später durfte ich mir mal eine Skijacke kaufen. Du kannst dir vorstellen, dass in einem Ort wie Visp, wo der Winter mindestens das halbe Jahr besetzt, dass dort oben in den Bergen eine Winterjacke so wichtig war wie ein gesundes Herz. Die Jacke habe ich heute noch zuhause. Sie ist immer noch brauchbar und ganz passabel: bordeaurot, lang, mit einem Gürtel und einer im Kragen eingerollte Kaputze. Dieser Gürtel war damals der Clou. Während jahrelang ein solcher Gürtel absolut out und altmodisch war, kam er damals plötzlich wieder in Mode. Ausserdem konnte man die Jacke natürlich auch ohne Gürtel anziehen, respektive den Gürtel einfach nicht spannen und binden. Ich erinnere mich ziemlich genau an die Zeit, als ich die Jacke neu erworben hatte. Sie war so leicht und zugleich so angenehm warm, wie du es dir niemals vorstellen kannst. Es war wohl der Anfang der Kunststoff-Bekleidung, wie sie heute ziemlich üblich ist. Und dazu wirkte ich so smart und gutaussehend, wie vielleicht Alain Delon nicht in seinen besten Zeiten. Kurz und gut: in einer solchen Jacke fühlst du dich als anderer Mensch. Ich nahm jede Gelegenheit wahr, an irgendwelchen Anlässen und Gelegenheiten in Visp oder Brig teilzunehmen. Und immer hatte ich dieses schwebende Glücksgefühl, wie es sonst nur Engel im Tiefflug haben können.
Ach, unsere Posen damals, du kannst dir nicht vorstellen, wie wichtig solch kleine Dinge waren. Sie waren sozusagen die Halme unserer Vorstellung. Und in einer solch kleinen und engen Arena, wie sie das Oberwallis darstellt, war man sich stets bewusst, dass die ganze Welt zuschaut. Man hatte wirklich das geheime Gefühl, alle Visper, ja gar alle Oberwalliser schauten zu und können sehen, was hier losgeht. Ist das nicht merkwürdig? Dies war eines der ersten Gefühle, die ich in Zürich beim Studium loswerden musste. Dort schaute kein Mensch mehr zu. Niemand kannte dich. . All die vielen Menschen waren mit sich und ihren eigenen Dingen beschäftigt. Niemand nahm Anstoss. Niemand hatte ein Wort, nicht mal einen Blick für dich. Es war am Anfang so ähnlich wie Isolationshaft, wenn ich es mir überlege. Na, unsere Posen, das waren natürlich auch die Sprüche im Freundeskreis. Wir Visper waren eine besondere Clique in Brig. Man kannte die Visper. Während die Schüler von Brig und Umgebung abends nicht mehr aus dem Haus durften, weil dies die Schule so vorschrieb, gab es das in Visp natürlich nicht. Die Lehrer hatten die Gewohnheit, wenn sie abends durch die Stadt gingen, sich nach Schülern umzusehen. Und wenn sie fündig wurden, so konnte dieser Schüler, der sich nicht an die Regeln gehalten hatte, nächstentags in der Schule etwas hören. Meist war es so, dass er am nächsten Morgen in der Schule ganz einfach aufgerufen wurde, die Lektion der letzten Stunde vorzutragen, was ihm dann eine Note eintrug. Das konnte sehr unangenehm sein, wann man sich nicht gut vorbereitet hatte. Aber wir Visper lebten ganz in diesem Milieu, entgingen aber dieser dummen Kontrolle. Wir waren sozusagen die Freien, neben den Sklaven aus Brig und Glis und Naters. Und vor allem neben den Internen, die in der Schule lebten. Sie waren in der Tat die Untersklaven, bedauernswerte und gebeutelte Menschen.
Da erinnere ich mich noch an eine andere lustige Begebenheit aus der Schulzeit. Als AC, der neue Rektor "an die Macht gekommen war", verfügte er, dass die Mützen, die wir alle beim Eintritt in die Schule kaufen mussten, auch wirklich getragen werden sollten. Die Mützen waren wirklicher Studenten-Wichs aus dunkelblauem Samtstoff mit einem steifen Schirm. Doch weil sie niemand trug und alle bloss in der Mappe aufbewahrten, sahen die meisten ganz heruntergekommen und zerbrochen aus. Natürlich galt es als chick, eine solch abgewetzte und gebrochene Mütze zu haben. Wer ein neues Ding mit sich führte, gab sich als Anfänger zu erkennen. Nun ja, damals also erliess A.C., der neue Rektor, den Befehl, dass alle Schüler auf dem Schulweg diese Mütze tragen sollten. Und, nicht ohne Pointe, beinhaltete dieser Befehl auch den Zusatz, dass man die Lehrer der Schule zu grüssen hatte, indem man die Mütze vom Kopf nahm. Voilà. Ich fand das in meinem damaligen Alter äusserst läppisch. Erstens konnte diese unmögliche Mütze die schöne Frisur verderben. Und zweitens grüsst man in der Regel mit einer Mütze nicht, indem man sie abnimmt, sondern indem man Hand anlegt, ähnlich wie im Militär. Ich war also nicht begeistert von Cs Befehl, und meine Kameraden nicht minder. Eines Tages, als wir auf dem Weg vom Bahnhof in die Schule waren und angeregt diskutierten, stiess mich W in die Seite und machte mich darauf aufmerksam, dass der Rektor, der irgendwo in der Nähe war, mich gerufen hätte. Ich war ein bisschen irritiert, weil ich mir nicht vorstellen konnte, weshalb gerade ich aus dieser grossen Zahl von Studenten, die alle auf dem Weg zur Schule waren - die etwas oberhalb der Stadt liegt - , weshalb er gerade von mir etwas wollte. Und wirklich. Als ich ihn erreichte, fragte er mich, weshalb ich ihn nicht gegrüsst hätte. Stell dir vor. So etwas konnte ich nun wirklich nicht begreifen. Ich hatte ihn bloss nicht gesehen. Und ich hatte natürlich auch nicht sonderlich genau um mich geschaut. Doch dies alles kam mir ein bisschen vor die Geschichte von Willhelm Tell, wenn du weisst, was ich meine. Nun ja, AC hat mir dies nicht übel genommen. Er hat mit im Unterricht immer respektiert und hat auch anerkannt, dass ich damals den Maler der Kunstkarte als einziger der Klasse herausfinden konnte. Ich glaube, er hatte immer die Idee, ich wäre besonders begabt. Und er hat mich auch, so kommt mir wieder in den Sinn, bei einer kleinen Entlöhnung als Aufsicht für das Morgenstudium eingesetzt. Dazu eignete ich mich, weil ich nicht katholisch war und nicht an den bezeichneten Tagen die Messe besuchen musste. So konnte ich dieses Amt übernehmen, welches darin bestand, in einem grossen Schulzimmer, wo die Schüler bis zum Beginn des Unterrichtes nochmals ihre Lektionen repetieren konnten, in diesem Schulzimmer also für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Du siehst, Marlena, manchmal schadet es nicht, wenn man die Könige nicht grüsst!!
Soviel über meine Posen.
MlG
...
(R)
Ach, unsere Posen damals, du kannst dir nicht vorstellen, wie wichtig solch kleine Dinge waren. Sie waren sozusagen die Halme unserer Vorstellung. Und in einer solch kleinen und engen Arena, wie sie das Oberwallis darstellt, war man sich stets bewusst, dass die ganze Welt zuschaut. Man hatte wirklich das geheime Gefühl, alle Visper, ja gar alle Oberwalliser schauten zu und können sehen, was hier losgeht. Ist das nicht merkwürdig? Dies war eines der ersten Gefühle, die ich in Zürich beim Studium loswerden musste. Dort schaute kein Mensch mehr zu. Niemand kannte dich. . All die vielen Menschen waren mit sich und ihren eigenen Dingen beschäftigt. Niemand nahm Anstoss. Niemand hatte ein Wort, nicht mal einen Blick für dich. Es war am Anfang so ähnlich wie Isolationshaft, wenn ich es mir überlege. Na, unsere Posen, das waren natürlich auch die Sprüche im Freundeskreis. Wir Visper waren eine besondere Clique in Brig. Man kannte die Visper. Während die Schüler von Brig und Umgebung abends nicht mehr aus dem Haus durften, weil dies die Schule so vorschrieb, gab es das in Visp natürlich nicht. Die Lehrer hatten die Gewohnheit, wenn sie abends durch die Stadt gingen, sich nach Schülern umzusehen. Und wenn sie fündig wurden, so konnte dieser Schüler, der sich nicht an die Regeln gehalten hatte, nächstentags in der Schule etwas hören. Meist war es so, dass er am nächsten Morgen in der Schule ganz einfach aufgerufen wurde, die Lektion der letzten Stunde vorzutragen, was ihm dann eine Note eintrug. Das konnte sehr unangenehm sein, wann man sich nicht gut vorbereitet hatte. Aber wir Visper lebten ganz in diesem Milieu, entgingen aber dieser dummen Kontrolle. Wir waren sozusagen die Freien, neben den Sklaven aus Brig und Glis und Naters. Und vor allem neben den Internen, die in der Schule lebten. Sie waren in der Tat die Untersklaven, bedauernswerte und gebeutelte Menschen.
Da erinnere ich mich noch an eine andere lustige Begebenheit aus der Schulzeit. Als AC, der neue Rektor "an die Macht gekommen war", verfügte er, dass die Mützen, die wir alle beim Eintritt in die Schule kaufen mussten, auch wirklich getragen werden sollten. Die Mützen waren wirklicher Studenten-Wichs aus dunkelblauem Samtstoff mit einem steifen Schirm. Doch weil sie niemand trug und alle bloss in der Mappe aufbewahrten, sahen die meisten ganz heruntergekommen und zerbrochen aus. Natürlich galt es als chick, eine solch abgewetzte und gebrochene Mütze zu haben. Wer ein neues Ding mit sich führte, gab sich als Anfänger zu erkennen. Nun ja, damals also erliess A.C., der neue Rektor, den Befehl, dass alle Schüler auf dem Schulweg diese Mütze tragen sollten. Und, nicht ohne Pointe, beinhaltete dieser Befehl auch den Zusatz, dass man die Lehrer der Schule zu grüssen hatte, indem man die Mütze vom Kopf nahm. Voilà. Ich fand das in meinem damaligen Alter äusserst läppisch. Erstens konnte diese unmögliche Mütze die schöne Frisur verderben. Und zweitens grüsst man in der Regel mit einer Mütze nicht, indem man sie abnimmt, sondern indem man Hand anlegt, ähnlich wie im Militär. Ich war also nicht begeistert von Cs Befehl, und meine Kameraden nicht minder. Eines Tages, als wir auf dem Weg vom Bahnhof in die Schule waren und angeregt diskutierten, stiess mich W in die Seite und machte mich darauf aufmerksam, dass der Rektor, der irgendwo in der Nähe war, mich gerufen hätte. Ich war ein bisschen irritiert, weil ich mir nicht vorstellen konnte, weshalb gerade ich aus dieser grossen Zahl von Studenten, die alle auf dem Weg zur Schule waren - die etwas oberhalb der Stadt liegt - , weshalb er gerade von mir etwas wollte. Und wirklich. Als ich ihn erreichte, fragte er mich, weshalb ich ihn nicht gegrüsst hätte. Stell dir vor. So etwas konnte ich nun wirklich nicht begreifen. Ich hatte ihn bloss nicht gesehen. Und ich hatte natürlich auch nicht sonderlich genau um mich geschaut. Doch dies alles kam mir ein bisschen vor die Geschichte von Willhelm Tell, wenn du weisst, was ich meine. Nun ja, AC hat mir dies nicht übel genommen. Er hat mit im Unterricht immer respektiert und hat auch anerkannt, dass ich damals den Maler der Kunstkarte als einziger der Klasse herausfinden konnte. Ich glaube, er hatte immer die Idee, ich wäre besonders begabt. Und er hat mich auch, so kommt mir wieder in den Sinn, bei einer kleinen Entlöhnung als Aufsicht für das Morgenstudium eingesetzt. Dazu eignete ich mich, weil ich nicht katholisch war und nicht an den bezeichneten Tagen die Messe besuchen musste. So konnte ich dieses Amt übernehmen, welches darin bestand, in einem grossen Schulzimmer, wo die Schüler bis zum Beginn des Unterrichtes nochmals ihre Lektionen repetieren konnten, in diesem Schulzimmer also für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Du siehst, Marlena, manchmal schadet es nicht, wenn man die Könige nicht grüsst!!
Soviel über meine Posen.
MlG
...
(R)

Es hat seinen Reiz, alte Blogeinträge ein paar Jahre später noch einmal zu lesen.
AntwortenLöschenWas mag alles in diesen fast 7 Jahren geschehen sein. Meine Fantasie wird angeregt.
Ich freue mich sehr über Deinen Besuch bei mir.
Auch ich werde Dich gerne besuchen kommen und und lesend zwischen den Zeilen lauschen.
Mit freundlichen Grüßen
Barbara