Mittwoch, 30. Januar 2013

lazy monday afternoon

 (ungekürzt)

Ämne: lazy monday afternoon
Datum: den 12 augusti 2002 15:42

Liebe Marlena
Heute klappt etwas nicht in unserem Mailing-System. Ich kann meine Box nicht
öffnen, obwohl ich morgens früh und jetzt auch wieder versucht habe. Obwohl
ich natürlich hoffe, in meinem Box ein Mail schlummern zu haben, schreibe
ich Dir jetzt so in die frische Luft hinaus.
Gerade komme ich vom Club-Essen zurück. Es war lustig, nach den 6 Wochen
Sommerferien die alten Gesichter wieder einmal zu sehen. Diejenigen, die mit
uns im Iran waren, fühlen sich als spezielle Gruppe. Sie sind arisiert,
könnte man sagen, wenn das nicht ein so schlimmes Wort wäre. Sagen wir also,
sie sind iranisiert. Und nächstes mal wird unser lieber T ein Referat
über den Islam halten, so hat er bei S vorgesprochen und ich habe ihm
auch ein paar Artikel gegeben. Ich bin mittlerweile ein gut dokumentierter
Islam-Kenner. Und überigens bin ich selbst Moslem, wie Du sicherlich weißt.
Ich bin doppelt versichert und werde im Himmel sehr wahrscheinlich ein
Zimmer mit Balkon und mit Seesicht haben. Na ja, zumindest Balkon, und den
See könnten sie dann ja so verschieben, dass er vor meinem Balkohn liegt.
Das ist alles noch nichts, verglichen mit den 69 Jungfrauen, die sie den
Märtyrern im Himmel versprechen. Ich will damit sagen, dass mein Balkon
schon so gross sein sollte, dass noch drei oder vier Jungfrauen Platz finden
würden. Aber wir werden sehen.
Morgen Abend werden wir die Leute nochmals treffen, die zusammen im Iran
waren. Einige werden wohl schon Fotos mitbringen. Und so werden wir trotz
Regenwetter sonnige Bilder anschauen. Einer von uns wollte zwar später
kommen, weil er eigentlich beim jährlichen Rheinschwimmen mitmacht. Zu
diesem Anlass geben sich tausende von zumeist jüngeren Baslern dafür her,
ins eiskalte Rheinwasser zu steigen und einige hundert Meter rheinabwärts zu
schwimmen, rundum begleitet von Polizeitbooten, Rettungsflossen und
natürlich einigen Hunderten von weiteren Wagemutigen. Aber jetzt hat er
seinen Plan doch aufgegeben, weil das Wetter so schlecht sei und weil der
Rhein Hochwasser führt. Er denkt, man werde den Anlass ohnehin absagen. Da
siehst Du, und dabei ist dieser Freund vor einiger Zeit schon 60 jährig
geworden. Es erinnert mich an Fotos in Zeitungen, die man gelegentlich
sieht, und die uns beweisen, dass im skandinavischen Norden hochvitale
Greise direkt aus der Sauna ins Eisloch auf dem zugefrorenen See springen.
Unser erster Gedanke ist jeweils, dass sie des Lebens müde sein könnten.
Doch das Gegenteil ist wohl der Fall: sie werden gesünder und gesünder. Wir
haben einen hohen Respekt vor solchen Bärenmenschen.
*
Und natürlich hatten wir heute morgen unsere erste Büro-Sitzung nach den
Ferien, wie immer hochbefrachtet mit vielen Tranktanden nach soviel Zeit.
Aber es ist auch gut, wieder anzufangen mit der Arbeit und Nägel mit Köpfen
zu machen. Meine beiden Kollegen waren abwesend. Ich bin der einzige
gewesen, der mehr oder weniger zuhause geblieben und ins Büro gepilgert ist.
Ich mag es einfach, ein wenig zu arbeiten, wenn hier ganz ruhig und alles
verlassen ist. Das ist die beste Zeit. Wie Du weißt, denke ich immer noch,
mein Auftrag auf dieser Erde wäre eigentlich und nach dem Willen der
Himmlischen Nachportier in einem Nobelhotel gewesen. Irgend etwas ist
dazuwischen gekommen. Aber bestimmt nur eine Kleinigkeit.
Diese Woche ist noch einiges los, und wenn man das alles überblickt, steigt
der Adrenalin-Spiegel im Blut. Doch ich versuche, in stoischer Manier die
Dinge anzugehen.
*
Ach, die Kaffeemaschine! Ich erinnere mich, wie ich in den Ferien meinen
Kindern eine Postkarte schreiben wollte, mit der etwas ironischen Anrede:
Liebe A, liebe B und liebe Kaffeemaschine... Sosehr habe ich diese
liebsame Küchenmaschine vermisst. Aber das wäre doch ein bisschen naughty
gewesen. Das kam bloss daher, dass man im Iran selten Kaffee trinkt. Sie
trinken, wie Du weißt, jede Menge Tee, bloss ausnahmsweise mal einen
türkischen Kaffee. Und letzterer schmeckt nicht immer so perfekt, manchmal
auch etwas lau und bloss wie Zuckerwasser.
*
Es ist schön, wie Du Dich für meine Silser-Kurzgeschichte begeistert. Doch
ich habe noch technische Probleme. Einerseits kann ich schwerlich mit dem
Satz "ich habe Angst" anfangen, noch weiss ich eigentlich nicht, in welcher
Figur ich schreiben sollte. Du weißt, was ich meine? Um eine Geschichte zu
erfinden, braucht es eine Schreibmaske. Und das kann aus der Sicht des
lieben Gottes oder aus der Sicht einer der Personen geschehen, die als
Figuren auftreten. Ich glaube, für mich ist es leichter, den lieben Gott zu
spielen und alles in allmächtiger Manier von oben und allwissend
abzuhandeln. Man kann dann Gewisse Dinge überblicken und längere Prozesse
zusammenfassend beschreiben, und muss sich nicht auf dieser Erde mit all
ihren schwierigen Details abmühen. Ich glaube, ich werde Gott spielen. Das
hat allerdings den Nachteil der grösseren Distanz, was leicht etwas
langweilig und vielleicht unbeteiligt wirken könnte.
Hast Du mir eine andere Idee?
*
Ich wünsche Dir eine gute Woche, sofern sie nicht bereits schon begonnen
hat.
Mit einem lieben Gruss

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