Mittwoch, 30. Januar 2013
On the road again ...
Ämne: on the road again ...
Datum: den 5 oktober 2000 15:10
Liebste Marlena
Ach, wie süss, dass Du mich so bedauerst wegen meiner kleinen Grippe. Du bist lieb und ich weiss nicht, ob ich mich von Dir gesundpflegen lassen könnte. Wahrscheinlich wäre ich explosionsartig wieder fit und würde das Krankenbett in Windeseile zum Liebesnest umwandeln. Na ja, das ist etwas gewagt ausgedrückt!! Und vielleicht müsste ich ja schon noch zwei oder dreimal die Nase schneuzen oder niessen ;--).
Zugegeben, es ist unangenehm, wenn die Nase dauernd läuft. Es ist unangenehm, wenn man nachts mehrmals aufwacht, weil man keine Luft hat. Es ist unangenehm, wenn anfangs das Kopfweh die Gedanken trübt und wenn man schlapp herumliegt. Aber wenn es schliesslich etwas besser geht, dann ist es wundervoll, krank zu sein. Meist habe ich tausend Ideen, was ich jetzt endlich alles lesen und schreiben könnte. Aber weil ich noch nicht voll in Form bin, bin ich sehr nachsichtig mit mir und lese und schreibe nicht sehr diszipliniert. Und sehr viel schneller als erwartet, ist die Zeit wieder um und die grossen Gelegenheiten sind verpasst und ich muss wieder ins Büro und bin wieder in die alten Zeitverhältnisse eingezwängt. Aber im allgemeinen ist es fantastisch, krank zu sein. Ich geniesse es richtig, brauche mir meine Teelein und schleiche schlapp in der Wohnung herum und lasse mich durch nichts aus der Ruhe bringen. Ach, krank müsste man sein!
Ich weiss, ich weiss, das ist natürlich dumm gesagt. Und auch nicht so gemeint.
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Dank meiner freien Tage hatte ich Gelegenheit, das Buch, worüber wir gesprochen haben, zu lesen. Ich bin noch nicht zu Ende. Und ich bin ein wenig ambivalent, ob ich es gut finden soll oder bloss halb-gut. Was ich bisher faszinierend fand, ist die Beschreibung der Kosmologie Dantes, wie sie in der Divina Comedia zum Ausdruck kommt. Das habe ich noch nie so detailliert erzählt bekommen. Und ich habe den Eindruck, man versteht das Mittelalter, vor allem auch mittelalterliche Malerei und Kunst besser, wenn man das weiss. Den Übergang ins Weltbild der Renaissance zeigt sie anhand von Giottos Fresken, der ja hundert Jahre vor der Zeit mit der Perspektive angefangen hat zu arbeiten. Und ein weiterer Übergang demonstriert sie an Raffael, der dann schon von einem homogegenen kosmischen Raum ausgeht. Alle diese Erläuterungen finde ich vor allem kunstgeschichtlich interessant. Ich habe das nirgendwo bisher so detailliert gelesen. Aber schliesslich ist Kunstgeschichte im Grunde ein Teil der Mediengeschichte. Wertheim konzentriert sich auf das Verständnis des Raumes. Und das ist echt spannend, wenn man ans Mittelalter mit Erde, Himmel, Hölle und Fegfeuer denkt. Sie zeigt, wie sich langsam die wissenschaftliche Vorstellung eines homogenen, leeren Raumes herausgebildet hat. Soweit bin ich. Im Grunde geht es ihr letztlich darum, das heutige Cyberspace mit alten Vorstellungen von geistigen Welten, etwa dem Himmel, zu vergleichen.
Andererseits merkt man schon, dass sie keine Kunsthistorikerin ist, und dass sie einen transatlantischen Abstand zu unserer europäischen Kutlur hat. Das hat aber wohl auch sein Gutes, weil sie sich dann nicht in Details verliert und vielleicht die Wesentlichen Züge klarer sieht. Sie schreibt ein wenig undiszipliniert, wiederholt sich oft, hüpft gerne ein bisschen. Es ist nicht so konzise, wie ein gutes europäisches Buch wäre. Ich hatte einen ganz ähnlichen Eindruck wie nach dem Vortrag Renzullis. Ich fand, diese Amerikaner seien sehr undiszipliniert und lassen ihre Gedanken ganz nach Lust und Laune laufen wie junge Hunde. Aber vielleicht ist es für die Aufnahmefähigkeit des Lesers (oder Hörers) besser als ein gereinigtes und kappes und eindimensionales Konzentrat. Vielleicht ist es wirklich freundlicher gegenübr dem Publikum, habe ich mir schliesslich gedacht. Und ich versuche, die Art, wie sie schreibt, zu respektieren.
Warte noch einen Moment, Marlena, bis Du das Buch bestellst. Ich werde mein abschliessendes Urteil geben. Aber wenn Dich nichts mehr hält, dann lies es sofort. Das würde uns sicherlich interessante Diskussionen erlauben.
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Heute sitze ich also wieder im Büro. Weil Ferienzeit ist, ist mein Kalender ziemlich leer. Und das ist schön. Ich räume auf, ich versuche mich ein bisschen am neuen Computer, der noch noch wie ein ET dasteht, ich lese dieses und jenes. Ach, so sollte man das ganze Jahr arbeiten können. Das wäre wundervoll.
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Nochmals danke ich Dir für Deine lieben Mails, Marlena. Sie sind immer von dieser diskreten Eleganz, die Dich unverwechselbar macht. Und sie sind sehr lieb.
Ich küsse Dich...
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