Freitag, 27. August 2010

Cézanne


Subject: Cézanne
Date: Fri, 25 Aug


Liebe Marlena
Gestern hatte ich also nach langer Zeit wieder einmal eine Zusammenkunft mit W und er hat mir als Geschenk einen Katalog von der grossen Zürcher Ausstellung über Cézanne gebracht. Das war eine nette Überraschung. Ich habe dann mit Schrecken festgestellt, dass die Ausstellung schon vorbei ist, obwohl ich sie doch bei Gelegenheit noch ansehen wollte. Es habe offenbar sehr viele Leute gehabt. Vor allem dann wieder in der Schlussphase. Und das mag ich eigentlich nicht. Ich hasse es, wenn man die Bilder nicht in Ruhe anschauen kann, weil sich soviele Leute davor herumdrängen. So schaue ich mir nun eben die Bilder im Katalog an.
Cézanne nennt man den "Vater der Moderne". Er hat wunderbare Bilder gemacht. Sie sind aber nicht mehr eigentlich impressionistisch. Er hat starke konstruktive Elemente. So sagt man von ihm, dass er den Kubismus vorbereitet habe. Und vor allem hat er an der Auflösung der Perspektive gearbeitet (zwei Bemühungen, die sich letztlich vielleicht als eine einzige herausstellen). Seine Stilleben sind wunderbar. Es gibt dort so frische Wassermelonen, wie man sie in Persien zu essen bekommt. Cézanne war ja wirklich ein bisschen eine merkwürdige Gestalt. Rilke hat sich viel mit ihm auseinandergesetzt und auch über ihn geschrieben. Zola war ein Freund von ihm. Zusammen sind sie in Aix en Provence aufgewachsen und haben in der Umgebung der Stadt ihre Jugendabenteuer verlebt. Sie haben sich später auseinandergelebt, weil Zola ein berühmter Schriftsteller geworden war, der sich mit der Dreyfuss-Affäre und seinem j'accuse einen grossen Namen als kritischer Schriftsteller gemacht hatte. Und Cézanne war schliesslich wieder aus Paris nach Aix geflohen und hatte damals noch kaum Erfolg. Zola hat in einem Roman (ich glaube, er heist l'artiste) Cézannes Leben und künstlerischen Bemühungen beschrieben, und ihn damit beleidigt. Ich glaube, sie haben später kaum mehr miteinander Kontakt gehabt.
In diesem Bund hatte es noch einen dritten Jungen aus Aix en Provence gegeben. Er ist schliesslich auch Maler geworden. Aber ich weiss nicht mehr, wie er heisst.
Ich bin mal in Aix en Provence gewesen und habe auch Cézannes Atelier besucht. Aix ist eine wunderbare, eine lichte und südliche Stadt. Der Cours Mirabeau, die Hauptstrasse ist eine breite, von grossen Bäumen (sind es Platanen?) gesäumte Strasse, die in der südlichen Hitze einen angenehmen Sonnenschirm bilden. Und wenn das Licht durch die Blätter hereinfällt, dann leuchtet dieses Dach, das die ganze Strasse überdeckt, in wunderbaren golden grünen Farben. Entlang dem Cours hat es elegante bürgerliche Läden und viele Restaurants. Ich erinnere mich an ein grosses Lokal eher am Ende des Cours, das ganz mit Spiegeln ausstaffiert war. Man konnte also, wie auch immer, in irgend einer Ecke sitzen und doch beobachten, wer auf dem Gehsteig draussen vorbeiging. Ich glaube nicht, dass man dort seine Geliebte verpassen konnte. Aber die meisten Leute sassen natürlich gleich draussen auf dem Gehsteig, und schauten nicht bloss der Geliebten, sondern auch noch allen anderen hübschen Frauen nach. Und die Kellner trugen lange weisse Schürzen bis zum Boden, wie man sie in Frankreich so oft sieht. Es war wirklich eine sehr gute und angeneme Atmosphäre.
Und dann gingen wir auch hinauf zum Atelier Cézannes. Das lag ein wenig ausserhalb, vor der Stadt, und man musste einen Weg hinaufsteigen. Dort oben stand ein einsames, zweistöckiges Haus in einem etwas wild verwachsenen Garten. Offenbar hatte man alles belassen, wie Cézanne es zurückgelassen hatte. Das behauptete man wenigstens, obwohl das ja immer mehr ein Mythos als eine wirkliche Tatsache ist. Es gab also die Staffelei, die Farben, ich erinnere mit an einen Totenschädel. Gab es nicht noch einen Apfel oder so? Aber das Atelier hat mir gut gefallen mit seinen hohen Fenstern und dem Zugang zum Garten.
Cézanne war nicht arm gewesen. Sein Vater war vom Hutmacher zu einem ziemlich erfolgreichen und gutsituierten Bankier geworden, der sich dann den Jas de Bouffon, ein stattliches Landhaus, gekauft hat. Aber offenbar war er auch recht autoritär. Auf jeden Fall hatte Cézanne seinem Vater über mehrere Jahre verschwiegen, dass er eine Geliebte und sogar einen Sohn hatte. Eine zeitlang hatte er die beiden in Marseille untergebracht.
Kurz und gut, es war eine ziemlich komplizierte Familie, und Cézanne war ein Hitzkopf und konnte sich über irgendwelche Dinge ereifern, so dass er wohl schwer auszuhalten war. Man kann es auf Fotos sehen, dass er recht aufbrausend gewesen sein muss. Vor allem im Alter hatte er einen glühenden Blick und deutliche Adern in den Schläfen. So hat er dann über eine lange Zeit allein mit seiner Haushälterin in diesem kleinen Häuschen ausserhalb von Aix gelebt.
Schade, dass ich in meiner Stube nicht einen Cézanne hängen habe. Ich wäre heute ziemlich reich damit. Ich mag seine Farben, die sind mir irgendwie verwandt. Sie haben eine Tendenz ins Blau-Grüne. Aber seine frühesten Bilder sind sehr gewalttätig und erotisch. Er hat da wohl einige seiner eigenen Komplexe ausgelebt. Die Bilder waren sehr pubertär. Und dann malte er viele Varianten von kämpfenden Figuren, den Geschlechterkampf, oder später die Badenden, in der Suche nach einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Abbild und Komposition. Und schliesslich hat der ja seinen Mont Ste. Victoire (so heisst er doch, oder?) immer wieder gemalt. Er war ein ziemlich besessener Maler. Heute würde man ihn wohl für einen Spinner nehmen.
Und diesen armen Kerl habe ich jetzt einfach vergessen. Es gab schon vor Jahren eine Ausstellung über Cézanne, die Badenden. Auch jene hatte ich nicht gesehen. Ich glaube, ich muss mir wirklich den Katalog eingehend anschauen.
*
Ja Marlena, auch bei uns ist es strahlend schön und keine Wolke sieht man am Himmel. Aber ich fühle mich irgendwie krank, es scheint, irgend etwas ist im Anzug. Ich werde wohl heute etwas früher schlafen gehen als üblicherweise. Es ist wunderbar, einen solchen warmen Spätsommer zu haben. Aber, wenn ich den Leuten hier zuhöre, so meinen sie, der Sommer hätte wirklich einiges wieder gut zu machen. Ich kann das von mir nicht behaupten. Ich habe diesen Sommer soviel Sonne mitbekommen wie lange nicht mehr. Ob diese Reserve durch den Winter hinhalten wird, so wie es das Kinderbuch "Frédéric" erzählt?
Es ist schön, wenn Du Französisch schreibst. Ich mag es sehr, und ich glaube, Du hast erwähnt, dass Du Dich dort noch mehr zuhause fühlst als im Deutschen. Es ist toll, wenn man zwei Sprachen so perfekt beherrscht, wie Du das tust. Darüber kannst Du stolz sein. Und wenn Du es nicht bist, dann bin ich es für Dich. Und jetzt kommt noch Italienisch dazu. Das nennt sich polyglott.
Mit einem schönen Kuss (französisch und fast rezeptpflichtig!!)

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