Subject Re: :-)
Hallo Marlena
Wo bleiben deine Mails? Du schreibst ein kurzes, und nimmst es gleich wieder zurück. Was soll das bedeuten? Sieht mir sehr nach mausfreundschaftlicher Vernachlässigung aus! Wenn nicht gleich Untreue!! Nein, Marlena, so geht das Spiel nicht.
Das stimuliert mich nicht gerade zu sprühenden Sätzen. Und das Wetter gleich nochmals nicht. Es regnet in Strähnen. Und das bleibt mir unverborgen, weil übers Wochenende unsere Putzfrau die Vorhänge zum Waschen mitgenommen hat. Ich sitze hier also so ähnlich, wie jene Damen des Rotlichtmilieus in Amsterdam hinter den grossen Fenstern. Mein Glück, dass ich im 2. Stock oben residiere. So läuft keine Kundin vor meiner Scheibe vorbei und zwinkert mir zu. Sie müsste fliegen. Und das tun - wie man weiss - Kundinnen doch eher selten.
...
Es ist nicht nur regnerisch. Es ist auch einigermassen frisch. Seit
einigen Jahren ist die Gewohnheit entstanden, das Wetter mit
statistischen Werten zu vergleichen. Und dann hört man Sätze wie: zu
kalt für die Jahreszeit. Ich muss immer ein bisschen schmunzeln, wenn
ich das höre. Ich habe dann den Eindruck, sie wollten den lieben Gott
kritisieren. Es gibt ja eine lustige Walliser Sage, die erzählt,
weshalb die Walliser ihre Wiesen und Felder selbst bewässern, etwas,
was ich dann auch wieder in den Bergen oberhalb Teheran gefunden habe.
Petrus hatte die Walliser nämlich nach ihrer Unzufriedenheit befragt.
Sie hatten nämlich reklamiert, wenn es regnete, weil daraus nur saurer
Wein entstünde, und hatten ebenso reklamiert, wenn die Sonne brannte,
weil dann die Wiesen und Felder eintrockneten. Petrus hat sie dann
gefragt, wie sie es haben wollten. Der liebe Gott wolle es so gut wie
möglich einrichten, er sei ja selbst praktisch ein Walliser. Als die
guten Mannen das hörten, beschlossen sie, selbst zu wässern. Denn ein
ausgewanderter Walliser könne das bestimmt nicht besser. Voilà, und
seither müssen die guten Leute im Wallis jahraus-jahrein ihre Felder
und Wiesen selbst wässern. Ich hatte einen Schulkollegen, der
zeitweise die ganze Nacht unterwegs war wegen dieser Aufgabe. In den
Dörfern gibt es eigentliche Stundenpläne. Und sie werden strikte
eingehalten. Wer Wasser über die Zeiten hinaus auf sein Land leitet,
ist ein Verbrecher und wird im ganzen Dorf geächtet. Das tut keiner,
kann sich niemand leisten.
Und wenn ich dann aus dem trockenen Wallis jeweils bei meinem
Grossmütterchen hier in ... in den Ferien weilte, war ich
erstaunt, wie oft es regnen kann, wenn man den lieben Gott nur machen
lässt. Regelmässig, wenn wir ins Städtchen einkaufen gingen, war der
Asphalt nass. Auf den kleinen Wegen und in den Steinzwischenräumen
wuchs echtes, weiches Moos. Die Strassen waren sauber und ohne Staub.
Das fand ich doch alles ziemlich zivilisiert. Es war geradezu
herrlich. Aber natürlich wurden die Ferienpläne auch oft unterbrochen
oder verhindert durch schlechtes Wetter. Das war für mich neu und
ungewohnt. Und dann gab es da noch diesen Unterschied, den ich wohl
schon öfters beschrieben habe. Im Wallis war das Trinken eine
wohlgeschätzte Sache. Jeder konnte das verstehen, wenn einer trank,
auch wenn er ein bisschen zuviel trank. In der Hitze des Wetters war
doch leicht möglich, dass einer ein paar Bier zu schnell schluckte.
Und wenn er dann etwas laut und überschwänglich, lachten alle auf der
Strasse und grüssten ihm vergnügt zu. Hier in .. würde ein
Beschwipster auf der Strasse mit eiskalter Verachtung bestraft, dass
ihm gleich der Schluckauf käme.
Und soeben höre ich im Kopierraum von meinen Mitarbeiterinnen, wie
enttäuscht sie sind wegen des schlechten Wetters über die Tage von
Auffahrt bis heute. Nicht mal ein kleines Barbecue könne man machen.
Es sei eine wahre Schande. Ja, das Wallis hat es besser! Sie können
dort jede Menge Barbecues machen. Und sie können mit dem lieben Gott
hadern, weil er ihre Matten vertrocknen lässt.
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Montag, 30. August 2010
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